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Lokalsport Henning Harnisch hängt an Marburg
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16:00 21.06.2022
Henning Harnisch, Vizepräsident, von Alba Berlin, stammt aus Marburg.
Henning Harnisch, Vizepräsident, von Alba Berlin, stammt aus Marburg. Quelle: Imago
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Berlin / Marburg

Gratulation zur Deutschen Meisterschaft! „Ich hatte ja keinen so großen Anteil daran“, sagt Henning Harnisch schmunzelnd. Der Vizepräsident von Alba Berlin freut sich aber natürlich trotzdem über den Titel, den der Basketball-Bundesligist aus der Hauptstadt am Sonntag mit einem 96:81-Sieg beim FC Bayern München perfekt gemacht hat. „Es war eine schöne Zugfahrt zurück“, sagt er am Morgen danach im Gespräch mit der OP.

Meister zu werden, das ist für den heute 54-Jährigen nichts Unbekanntes. Insgesamt neun Bundesliga-Titel hat der 2,02-Meter-Mann in seiner Karriere gewonnen. Und beim bislang größten Triumph einer deutschen Basketball-Mannschaft war er auch dabei, war einer der wichtigen Männer auf dem Parkett, als bei der Heim-Europameisterschaft 1993 die große Sensation gelang.

„Flying Henning“ nannten sie ihn damals – weil es schien, als könne er fliegen, wenn er absprang, den Ball durch die Reuse hämmerte. Was heute in der Bundesliga immer wieder zu sehen ist, war vor 30 Jahren noch eine Seltenheit. Er ist es, der den Dunking in Deutschland salonfähig gemacht hat.

“Flying Henning“ wurde er genannt – wegen seiner Dunkings, wie hier im Spiel von Alba Berlin im Jahr 1996. Quelle: imago sportfotodienst

Harnisch blickt gern zurück – auf seine sportlichen Erfolge, aber auch auf seine Jugend in Marburg, auf seine Schulzeit am Philippinum. Dort kam er als Fünftklässler erstmals mit dem Sport in Berührung, der später zu einem wichtigen Teil seines Lebens werden sollte. Er erinnert sich an die Basketball-AG, in der sich die Lehrer Fritz Tent und Konrad Ohlwein engagierten, später auch Hans Brauer. „Ich dachte mir, ich gehe da mal hin.“ Tat er. Dann auch zum Vereinstraining des VfL Marburg. Er machte ein Austauschjahr in den USA, natürlich um Basketball zu spielen. Danach, 1985, schloss er sich dem MTV Gießen an – der Beginn seiner Bundesliga-Karriere.

Sein Weg führte ihn nach Leverkusen, dann nach Berlin – aber auch immer wieder zurück in die alte Heimat. „Marburg ist immer mein Ankerpunkt geblieben“, sagt er. In Cappel lebt seine Mutter, hat sein vor wenigen Wochen verstorbener Vater gelebt. Hier sind einige Freunde von früher noch immer, andere wieder zu Hause. Hier lernt er auch neue Leute kennen, etwa durch das Alba-Projekt „Sport vernetzt“, das auch in Marburg und Stadtallendorf bald mit lokalen Partnern starten soll. Ziel ist es, Kindern, die bislang wenig Bezug zu Sportvereinen haben, Bewegungsangebote leicht zugänglich zu machen. Es ist eine Herzensangelegenheit Harnischs, der in seiner Funktion beim Berliner Verein vor allem für den Nachwuchsbereich zuständig ist.

Freunde treffen und über den Wochenmarkt schlendern

Es ist ein Grund mehr für den früheren Basketball-Star, nach Marburg zu kommen, dann auch das zu machen, was er in der Stadt gern macht – zum Beispiel den Wochenmarkt am Samstag zu besuchen. „Es ist ein schöner Ort, eine schöne Sache.“ Er treffe sich dann mit Freunden, trinke einen Kaffee, gern in einem neuen Café am Friedrichsplatz, das er für sich entdeckt hat. Auch Spaziergänge an der Lahn genießt er. Und im Umland ist er gern unterwegs: „Je älter ich werde, desto mehr schätze ich die Natur rund um Marburg“, sagt er, bezeichnet sie als „so schön unspektakulär spektakulär“.

Nicht nur er, seine ganze Familie mag das Freibad in Holzhausen am Hünstein. „Da müssen wir im Sommer hin, das ist toll.“ Dass es das Freibad in Marburg, so wie er es aus seiner Jugend kennt, nicht mehr gibt, bedauert er. „Manches ist neu entstanden, andere Sachen, die ich von früher kenne, sind leider nicht mehr da“, kommt bei ihm etwas Melancholie auf.

Eines aber wird ganz bestimmt nicht verschwinden: das Schloss mit der Schlossmauer. Für Harnisch ist es der „klassische Ort, um mich wieder einzufinden“. Er treffe sich dann mit Freunden, nehme ein Bier mit, laufe den Berg hoch. „Wir hocken uns dann auf die Mauer, schauen über die Stadt. Das ist einfach wunderbar.“

Seine Karriere

Schon als 17-Jähriger debütierte Henning Harnisch in der Basketball-Bundesliga, kam in drei Spielzeiten für den MTV Gießen auf einen für sein junges Alter sehr starken Punkteschnitt von 14,6. Die University of Washington, für deren Team er eigentlich auflaufen wollte, verließ er 1988 schon nach wenigen Tagen wieder, schloss sich dann Bayer Leverkusen an. Der gebürtige Marburger war einer der Schlüsselspieler des Teams, das ab 1990 sieben Mal in Serie die Deutsche Meisterschaft gewann. Mit Harnisch wechselte auch das Titelabo aus dem Rheinland nach Berlin: Nach zwei weiteren Meisterschaften beendete der Flügelspieler, der auch fünf nationale Pokalsiege in seiner Vita stehen hat, im Sommer 1998 seine aktive Karriere. In 13 Spielzeiten in der Bundesliga hatte er insgesamt 6 152 Punkte erzielt. Für Deutschland lief er 169 Mal auf, kam auf 2 079 Zähler. Höhepunkt mit der Nationalmannschaft: der EM-Titel 1993 im eigenen Land. 2004 kehrte Harnisch zu Alba zurück, fungierte zunächst als Teammanager, später als Sportdirektor. Seit 2010 ist er Vizepräsident des Clubs.

Von Stefan Weisbrod