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Louis Weßels gewinnt mitreißendes Finale
Louis Weßels gewinnt mitreißendes Finale
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21:17 11.07.2021
Kämpfte sich gestern angeschlagen zurück ins Spiel – und holte sich schließlich den Sieg bei den Marburg Open: Louis Weßels.
Kämpfte sich gestern angeschlagen zurück ins Spiel – und holte sich schließlich den Sieg bei den Marburg Open: Louis Weßels. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Eine Sekunde schien er noch zu brauchen, um es zu realisieren. Louis Weßels hatte eben aufgeschlagen, seinen Gegner in die Defensive gedrängt, war vor ans Netz gegangen, hatte den entscheidenden Punkt gemacht. Dann war da dieser eine Moment, in dem die Zeit stillzustehen schien, ehe er die Arme hochriss, seine Freude herausschrie. Geschafft! Titel verteidigt! „Wahnsinn, damit hätte ich nie gerechnet“, sagte der 22-Jährige wenige Minuten später gegenüber der OP.

Weßels hat die Marburg Open gewonnen – zum zweiten Mal nach 2019. Weil das Weltranglistenturnier des TV Marburg im Vorjahr der Corona-Pandemie zum Opfer fiel, ging er in die diesjährige Auflage als Titelverteidiger. Und er ging gehandicapt hinein. Im Bein und im Gesäß hatte es schon im Vorfeld gezwickt, zwickte es immer wieder, am Sonntag (11. Juli) auch. Früh im ersten Satz musste er sich behandeln lassen.

2:3 lag er zu diesem Zeitpunkt hinten, hatte direkt zu Beginn ein Aufschlagspiel abgegeben. Sollten so die diesjährigen Marburg Open zu Ende gehen? Nein! Weßels kam zurück, aber nicht mehr im ersten Satz: Nick Hardt, sein Gegner aus der Dominikanischen Republik, ließ bei eigenen Aufschlag zunächst so gar nichts anbrennen, entscheid den ersten Durchgang mit 6:4 für sich.

Regen sorgt für Pause

Dichte Wolken lagen zu diesem Zeitpunkt über Marburg, schon einige Zeit tröpfelte es. Wieder hatte Hardt in Weßels’ erstem Aufschlagspiel eine Chance auf ein Break, diesmal wehrte sie der Bielefelder ab. Der Regen wurde stärker, beim Stand von 30:30 im nächsten Spiel war dann zunächst Schluss. Rund anderthalb Stunden dauerte es, bis der Niederschlag aufgehört hatte, der Platz wieder präpariert war.

Für Weßels war es eine willkommene Möglichkeit, sich um sein lädiertes Bein zu kümmern. Richtig gut ging es ihm aber nicht. Er besprach sich mit seinem Vater Dirk, dachte zumindest darüber nach, aufzugeben, sollte er erneut mit einem Break in Rückstand geraten.

Hardt glich aus

Das Break kam, der 22-Jährige machte aber weiter. Er fühlte sich besser. „Da war so viel Adrenalin. Ich habe die Schmerzen kaum gemerkt“, erklärte er später im Gespräch mit der OP. „Dass ich den Satz dann nach 3:5 noch gewinne, hat mir einen riesigen Schub gegeben.“ Mit 7:5 entschied er den zweiten Durchgang für sich, schien das Momentum auf seiner Seite zu haben, vor allem nach einem Break zum 3:1 im entscheidenden Satz.

Doch dieses Mal bewies Hardt große Moral. Der 20-jährige Dominikaner, der für sein Land schon im Davis Cup gespielt hatte, ging hohes Risiko, wurde dafür belohnt, holte ein Break zum 3:4, glich zum 4:4 aus. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sahen ein mitreißendes Endspiel.

20 Weltranglistenpunkte und 3.239 Euro Preisgeld

Beim Stand von 6:6 musste der finale Akt folgen – und im Tiebreak ging es packend weiter: Minibreak Weßels, die Antwort von Hart, dann eine 5:3-Führung des Dominikaners. Weßels verlor den Glaube an den Sieg aber zu keinem Zeitpunkt. „Dann spiele ich so eine Vorhand bei 5:5 und diesen Volley bei 6:5, das war schon …“ Was war es? „Weiß nicht, wie ich es sagen soll.“ Wusste er dann doch noch: „Ich habe das Herz in die Hand genommen.“

Mit 20 Punkten mehr auf dem Konto wird der bisherige 470. der Weltrangliste im ATP-Klassement einen ordentlichen Sprung nach vorn machen. Zudem nimmt er die Siegertrophäe und 3.239 Euro Preisgeld mit. Wichtiger schien ihm jedoch etwas anderes: „Ich war in dieser Woche mehrmals davor, aufzuhören“, gestand Weßels ein. „Ich habe die ganze Zeit gegen den inneren Schweinehund gekämpft. Ich bin froh, dass ich den Kampf gewonnen habe.“

Niederländisches Duo gewinnt Doppel-Konkurrenz

Hardt wirkte nach dem 5:7 im finalen Tiebreak zunächst etwas geknickt, blickte dann aber auf eine „tolle Woche“ zurück. „Ich habe in jedem Spiel mein Bestes gegeben. Ich habe auch im Finale mein Bestes gegeben, aber mein Gegner war ein kleines bisschen stärker. Dazu gratuliere ich ihm“, sagte der Dominikaner, der mit seinen Auftritten in Marburg so manchen Fan gewonnen haben dürfte.

Weßels hatte am Samstag gleich zwei Spiele – erst das Viertel-, dann das Halbfinale – bestreiten müssen. Auch Hardt war gefordert, allerdings nur gegen den Niederländer Ryan Nijboer, den er glatt bezwang. Nijboers Landesleute Daniel De Jonge und Guy Den Ouden sicherten sich anschließend im Finale der Doppel-Konkurrenz den Sieg – auch dieses Endspiel hätte knapper kaum sein können: Der Deutsche Tim Handel und der Schweizer Yannik Steinegger entschieden den ersten Satz mit 6:2 für sich, waren auch in der Folge das aktivere Duo. De Jonge und Den Ouden machten aber in den wichtigen Momenten die Punkte, gewannen den zweiten Satz mit 6:4, dann auch den Match-Tiebreak mit 11:9.

Ergebnisse

Einzel, Viertelfinale: Henri Squire (Deutschland) – Louis Weßels (Deutschland) 3:6, 5:7; Halbfinale: Ryan Nijboer (Niederlande) – Nick Hardt (Dominikanische Republik) 2:6, 4:6; Weßels – Marko Tepavac (Serbien) 6:3, 3:6, 6:3; Finale: Hardt – Weßels 6:4, 5:7, 6:7 (5:7).

Doppel, Halbfinale: Maik Steiner/Patrick Zahraj – Daniel De Jonge/Guy Den Ouden 3:6, 7:5, 1:10; Finale: De Jonge/Den Ouden – Tim Handel (Deutschland)/Yannik Steinegger (Schweiz) 2:6, 6:4, 11:9.

Von Stefan Weisbrod