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Lokalsport Runzhäuserin Lisann Kaut kann sich Hoffnungen auf U20-WM machen
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16:58 20.02.2020
Die Runzhäuserin Lisann Kaut (rechts) in Aktion: Im vergangenen Jahr kämpfte sie in dieser Szene mit der Spanierin Eva Navarro bei der U-19-Europameisterschaft um den Ball. Quelle: imago
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Runzhausen

Der kürzlich bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommene Star Kobe Bryant hat sich seinen VIP-Platz im Basketball-Olymp nicht nur aufgrund seines Talents verdient, sondern vor allem durch eine nie zu befriedigende Gier nach Selbstverbesserung. Egozentrisch, manchmal auch egoistisch, war er, aber stets selbstkritisch. Letztere Charaktereigenschaft trägt auch Lisann Kaut in sich. Es ist das notwendige Kriterium für Champions.

„Es lief okay. Ich war nicht ganz zufrieden“, sagt die 19-jährige Fußballerin kleinlaut. So redet sie über ihren letzten Lehrgang für die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen, als wäre es ein Auswahltraining für die dritte Schulmannschaft. Der dreitägige Lehrgang für Spielerinnen der Altersklasse U 20, also unter 20 Jahren, fand vor zwei Wochen statt.

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Er lief unter dem Titel „Performance Days“. Geprüft wurden koordinative Fähigkeiten – die Testergebnisse lassen noch auf sich warten. Es ist einer von vielen Lehrgängen, bei dem Kandidatinnen für das U-20-Aufgebot bei der Weltmeisterschaft in Costa Rica und Panama im August beobachtet werden. Die 19-fache Nationalspielerin ist also in der näheren Auswahl für das Bundesteam.

"Wer sich nicht verbessert, hat wenig Chancen"

Wie viele Lehrgänge sie bisher absolviert hat, weiß sie nicht genau. Fast beschämt sagt sie: „Ich habe aufgehört zu zählen, aber ungefähr 25 Stück. Bei meinem ersten Lehrgang war ich schon nervös und dachte, dass die anderen vielleicht arrogant sind. Aber so war es nicht. Die Atmosphäre ist sehr gut und sozial und auch die Trainer um Bundestrainerin Katrin Peter sind super nett“, sagt Kaut.

Die Performance Days waren laut der 19-Jährigen nur „ein grobes Sortieren“. Das letztliche Aufgebot wird erst im Sommer bekanntgegeben. Und in den Einzelgesprächen am Ende des Lehrgangs gaben die Trainer den Kandidatinnen folgendes mit auf den Weg. „Es kann noch viel passieren, und wer sich nicht verbessert, hat wenig Chancen, weil ja die anderen Spielerinnen Fortschritte machen“, berichtet Kaut. Dass sie sich immer neu beweisen muss, gefällt ihr.

Das Lehrgangs-Abschlussgespräch bewertet sie als „positiv“. Auch weil viel über ihre Schwächen geredet wurde. Über ihre Defizite redet Kaut gerne. „Ich muss meinen rechten Fuß verbessern und schneller und besser beim ersten Ballkontakt werden“, sagt die Linksverteidigerin.

Eine leidenschaftliche Tiefstaplerin

Im Gegensatz zu Kobe Bryant ist Kaut allerdings eine leidenschaftliche Tiefstaplerin und macht den Anschein, ihre Stärken gerne in ihrem Ge­heimversteck verstauen zu wollen. Es dauert ein wenig, bis sie sich zu einer für sie fast schon großspurigen Antwort durchringt: „Ich weiß gar nicht, was meine Stärken sind.“ Und es braucht einige Überredungskunst, bis die Nationalspielerin ganz zaghaft ihren linken Fuß hervorhebt.

Für die linke Außenbahn ist es vorteilhaft, Linksfüße im Kader zu haben. Dieses Kriterium erfüllt Kaut. Zumal der rechte Fuß bei ihr nicht nur zum Stehen gut ist. „Aber an dem muss ich noch mehr arbeiten“, sagt sie. Da Linksfüßer rar gesät sind, ist dies einer ihrer Trümpfe beim Entscheid.

Und dann gibt’s da noch eine Stärke. „Vielleicht mein Zweikampfverhalten“, sagt die Bundesligistin. Ihre Antwort klingt wie eine Frage. Fakt ist aber: Ohne viele Stärken wird keine Frau 19-fache Nationalspielerin. Den Grundstein für diese Reise legte sie beim VfL Weidenhausen. Danach führte sie ihr Weg unter anderem über die SF BG Marburg und den FSV Hessen Wetzlar zu ihrer jetzigen Mannschaft TSG Hoffenheim II, wo sie seit Sommer 2018 in der 2. Bundesliga kickt. Dort ist sie in dieser Saison zur festen Größe avanciert und lebt nahe Heidelberg bei ihrer Gastmutter.

Bei der ganzen Hektik um Sport und Schule kommt die Entspannung zwar manchmal zu kurz, aber sie bricht nicht völlig weg. Mit Fernsehsendungen wie „Der Bachelor“ oder „Germany’s Next Topmodel“ versüßt sich die Gymnasiastin ab und an gemeinsam mit Freundinnen die Abendstunden. Manchmal ist auch Zeit für einen Heimatbesuch. Ihre Eltern leben in Gladenbach. Ihr Vater, Bruder und Cousin waren beim VfL Weidenhausen als Trainer oder Spieler. Von ihnen wurde Kaut angesteckt und von ihr ist das Fußball-Fieber auch auf die Mutter übergesprungen. „Die Mama spielt jetzt auch Fußball“, sagt sie.

von Benjamin Kaiser