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Lokalsport Pferde sind nicht nur etwas für Mädchen
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15:05 04.08.2022
Trainerin und Pädagogin Inga Jäckel (rechts) mit Mahmoud (rechts) und Rahman (Mitte). Auf dem Pferd sitzen Jannik (vorne) und Noel (hinten).
Trainerin und Pädagogin Inga Jäckel (rechts) mit Mahmoud (rechts) und Rahman (Mitte). Auf dem Pferd sitzen Jannik (vorne) und Noel (hinten). Quelle: Leonie Rink
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Marburg

Ein Junge läuft neben einem trabenden Pferd im Kreis durch die Reithalle in Hermershausen. In der anderen Hälfte des Platzes reitet ein weiterer Jugendlicher auf einem zweiten Pferd. „Am meisten macht mir das Reiten Spaß“, sagt der 11-jährige Rahman. Denn Pferde sind keineswegs nur was für Mädchen!

In der Arbeitsgruppe „Zart statt hart“ der Schule am Schwanhof arbeiten sechs Jungen im Alter zwischen elf und vierzehn Jahren einmal wöchentlich mit den Tieren. Dabei ist der Name Programm. „Oft ist es schwierig die eigenen Gefühle in Worte zu fassen. Bei den Pferden ist es leichter. Dort erkennt man es oft sofort. Das kann auf einen selbst übertragen werden“, sagt Ulrike Jäckel.

Jäckel ist pensionierte Förderschullehrerin und besitzt eine Trainer-C-Lizenz im Reiten. Zusammen mit ihrer Tochter Inga, die Lehrerin an der Schule am Schwanhof ist, betreut sie die Kinder und Jugendlichen. Als männlicher Betreuer ist Stefan Lüder vor Ort. Finanziert wird die AG, die es seit zwei Jahren gibt, durch die Stadt Marburg.

So erkennt man die Körpersprache der Pferde

Anzeichen dafür, dass Pferde Angst verspüren sind, dass der Schweif schlägt oder eingezogen ist. Dazu sind die Augen aufgerissen oder der Kiefer wird zusammen gebissen.

Entspannt ist das Pferd im Gegensatz dazu, wenn die Ohren zur Seite gekippt, der Hals gesenkt oder die Augen halb geschlossen werden.

Sauer ist das Pferd, wenn die Ohren oder die Zähne gebleckt werden. Gleiches gilt, wenn der Kopf geschüttelt oder aufgestampft wird.

Dieter Eigenbrodt von der Fachstelle für gendersensible Jungenarbeit bei der Stadt ist zufrieden mit dem Angebot: „Sonst haben die Jugendlichen viel mit Konflikten zu tun. Dabei werden dann üblicherweise die Ellenbogen eingesetzt. Beim Projekt können die Jungen auch ihre zarten Seiten ausdrücken, weil mit den Pferden behutsam umgegangen werden muss“. Und das Projekt funktioniert: Denn der 14-jährige Mahmoud ist bereits zum zweiten Mal dabei. Diesmal aber als Helfer, weil er zuvor schon an einigen Ferienkursen teilgenommen hat und die AG nicht beenden wollte. Jetzt bleibt der Schüler jeden Donnerstag freiwillig länger in der Schule, um mit auf den Reiterhof zu fahren.

Jungen sollen über ihre Gefühle sprechen

Diese „Synergien", die durch den Schüler entstehen, freut Ulrike Jäckel. Denn es zeige, dass das Ziel der zwei Betreuerinnen und des Betreuers, dass sich die Kinder und Jugendlichen „gut und stark“ fühlen, aufgeht. „Gleichzeitig sollen die Jungs aber wissen, dass sie sich schwach fühlen dürfen“, sagt Ulrike Jäckel. Aus diesem Grund arbeiten die Jungen, die sich vor einem großen Pferd fürchten, erstmal mit einem Pony. Wichtig ist dabei, dass die Kinder und Jugendlichen über ihre Gefühle sprechen.

Zeit ist dafür nicht nur auf dem Reiterhof, sondern auch in der Natur. „Wir gehen auch viel raus und suchen uns Dinge, um ein Feuer zu machen. Den Jungs war vorher nicht klar, dass wir dazu im Wald alles finden“, sagt Betreuer Stefan Lüder. Wenn die Kinder und Jugendlichen nicht in der Natur sind, dann in der Reithalle. Denn Reiten macht den elf- bis vierzehnjährigen Schülern immer noch am meisten Spaß.

Von Leonie Rink