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Lokalsport Julius Martensteins erstes Spiel als Zweitliga-Schiedsrichterassistent
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21:28 31.03.2020
Kritischer Blick schon vor dem Anpfiff: Julius Martenstein prüft bei einem Spiel zwischen dem VfL Bochum und dem Hamburger SV das Tornetz. Quelle: Foto: Noah Wedel/imago
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Cölbe

Die Stunden, der ganze Tag, die Zeit, bis es endlich ins Stadion ging, sie fühlten sich für Julius Martenstein wie eine Ewigkeit an. In Leimen war er einquartiert. Boris Becker kommt aus der kleinen Stadt in der Rhein-Neckar-Region, was sie für Gäste aber nicht attraktiver macht. „Da kann man echt nichts machen“, erzählt Julius Martenstein im Gespräch mit der OP. Nach einer schlafarmen Nacht im Hotel versuchte er „irgendwie die Zeit rumzukriegen“. Er war extrem nervös, fast schon hibbelig. Erst als er knapp zwei Stunden vor Anpfiff im benachbarten Sandhausen, im Stadion am Hardtwald, angekommen war, wurde es besser: „Da war ich dann im Rhythmus, die Abläufe sind ja standardisiert“, schildert er.

Es war der 4. August 2017. Ein Freitag. Abendspiel zwischen dem SV Sandhausen und dem FC Ingolstadt. Ein Duell ohne die ganz große Fußballtradition. Atmosphärisch also nichts, was Martenstein nicht schon aus der 3. Liga kannte. 5 321 Zuschauer waren dabei, der Cölber hatte eine Klasse tiefer in Rostock, Duisburg und Osnabrück schon vor deutlich größerer Kulisse an der Seitenlinie gestanden. Sogar in der Regionalliga, in der er selbst Spiele geleitet hatte, kamen mitunter ähnlich viele Fans. Trotzdem war die Anspannung da. Viele seiner Kollegen hatten ihm vorher erzählt, wie groß der Unterschied zwischen der dritt- und der zweithöchsten Spielklasse sei, vor allem beim Tempo – nicht um ihm Angst zu machen, sondern um ihn darauf vorzubereiten.

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Erfahrung wichtiger als Zahlen aus Scoutingprogramm

Apropos Vorbereitung: Er wollte so gut es geht auf das eingestellt sein, was ihn erwarten sollte. Oder besser gesagt: hätte erwarten können. So nutzte er nach Frühstück und Spaziergang einen Teil der gefühlt endlosen Zeit am Spieltag, um sich an einem Scoutingprogramm verschiedene Statistiken anzuschauen: Welche Spieler erhalten am häufigsten Gelbe Karten? Welcher Stürmer steht besonders oft im Abseits? „Ich dachte, damit hole ich vielleicht noch ein, zwei Prozent raus“, erklärt er – und schiebt hinterher, warum er das inzwischen nicht mehr macht: „Im Spiel ist jede Situation anders. Ich habe gemerkt, dass mir die Zahlen da nicht helfen.“ Viel wichtiger sei die Erfahrung.

Von der hatte der heute 28-Jährige zu dieser Zeit schon einige. Schließlich hatte er mit 15 Jahren mit der Schiedsrichterei angefangen, war schnell aufgestiegen. Eben bis in die Regionalliga. Und dann, 2017, als Assistent in die 2. Bundesliga. Gefühlt für ihn eine neue Welt – aber eben nur bis kurz vor dem Anstoß: „Dann besichtigt man den Platz, bespricht sich im Team, wärmt sich auf. Das ist auch in den Amateurklassen genauso.“ Er war „im Flow“. Mit dem Anpfiff von Schiedsrichter Christof Günsch – ein persönlicher Freund Martensteins und damals in Marburg zu Hause – war er voll konzentriert. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihm die Beschaulichkeit in der kleinen Gemeinde am Rande des Kraichgaus und dem kleinen Stadion dabei wohl entgegenkam: „Ich bin mir nicht sicher, ob es in einem echten Hexenkessel auch so gelaufen wäre.“ Er erinnert sich vor allem an ein Spiel gut ein Jahr später, ein 0:0 des 1. FC Magdeburg gegen Arminia Bielefeld: „Da waren zwar nur 20  000 Zuschauer, bei anderen Spielen waren es auch deutlich mehr. Aber so laut wie dort habe ich es sonst nie erlebt. Das war der Wahnsinn.“

Gastgeber feiern Sieg, Martenstein freut sich über Einstand

Bei seiner Zweitliga-Premiere in Sandhausen war es da im Vergleich geradezu gespenstisch leise, jedenfalls bis zur Mitte der zweiten Halbzeit. Dann brachte Andrew Wooten die Gastgeber mit einem Schuss links unten ins Toreck in Führung. Es sollte der einzige Treffer der Partie bleiben. Die Gastgeber feierten den Sieg, Martenstein freute sich auch – darüber „unauffällig durchgekommen“ zu sein, keine Fehler gemacht zu haben. „Da war dann die ganze Anspannung komplett weg.“

Von Stefan Weisbrod

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