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Lokalsport Ab jetzt hat Jürgen Radeck mehr Zeit fürs Privatleben
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08:30 04.09.2021
Bei seinem Heimatverein Germania Ortenberg kümmert sich Jürgen Radeck auch als Verbandsfußballwart um die Rasenpflege.
Bei seinem Heimatverein Germania Ortenberg kümmert sich Jürgen Radeck auch als Verbandsfußballwart um die Rasenpflege. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Jürgen Radeck (64) und seine Lebensgefährtin Anja hatten einen Lebenstraum. Mit dem Wohnmobil wollte das Paar Australien bereisen, bis November oder Dezember 2020 knapp 24 000 Kilometer in fünf Monaten zurücklegen. „Meine Lebensgefährtin hatte extra dafür Urlaubstage und Überstunden gesammelt“, erzählt Radeck im Gespräch mit der OP.

Um sich den Traum verwirklichen zu können, hatte Radeck frühzeitig angekündigt, das Amt des Verbandsfußballwartes nach acht Jahren abgeben zu wollen – pünktlich zum Verbandstag, der turnusmäßig im Juni 2020 stattfinden sollte. Etwas mehr als ein Jahr später ist Radeck immer noch Verbandsspielwart, Australien haben er und seine Lebensgefährtin immer noch nicht bereist – die Corona-Pandemie verhinderte die Reise nach Down Under und auch die Wahl seines Nachfolgers. An diesem Samstag geht der Verbandstag des Hessischen Fußball-Verbandes in Frankfurt über die Bühne (siehe Infobox). Endlich. Für Radeck ist nach dann etwas mehr als neun Jahren – inklusive ungewollter Verlängerung – Schluss im Amt des hessischen Fußballchefs.

„Mein Credo war es immer, das zu ermöglichen, was auf Vereinsebene machbar ist“, sagt Radeck, wenn er darüber redet, was in seinen zwei Amtsperioden initiiert und umgesetzt wurde – eine Neustrukturierung des Schiedsrichter-Pflichtsolls etwa, seit vielen Jahren ein Zankapfel unter Funktionären und Vereinsverantwortlichen. „Ich wollte, dass jeder Verein am ersten Spieltag der Rückrunde weiß, was auf ihn an Punktabzügen zukommt. Das haben wir umgesetzt, und darauf bin ich stolz“, sagt Radeck, wenngleich er weiß, dass mit den Änderungen nicht alle kritischen Stimmen verstummt sind.

In seiner Funktion als Klassenleiter der Hessenliga übergab Jürgen Radeck (rechts) Kevin Vidakovics, Kapitän von Eintracht Stadtallendorf, die Meisterschale der Saison 2019/20. Quelle: Tobias Hirsch

Auch auf die Neustrukturierung und die damit – für Amateurklubs auch finanziell – einhergehende Aufwertung des Hessenpokals ist der gebürtige Ortenberger stolz, wenngleich er seinem langjährigen Stellvertreter und Pokalspieler Matthias Bausch einen Großteil des Verdienstes zuspricht. Von „richtigen Einschlägen“ spricht der pensionierte Polizeibeamte und meint damit die Phase, als viele Profiklubs wie Eintracht Frankfurt ihre zweiten Mannschaften aus dem Spielbetrieb abmeldeten, was auch Folgen für einige Amateurvereine hatte. Auch darauf reagierten Radeck und Co. mit Änderung der Spielordnung.

Ob Änderungen im Zweitspielrecht, Einführung des Norweger-Modells oder das Ermöglichen der Bildung einer gemeinsamen Reserve von zwei Vereinen – für Radeck und seine Mitstreiter galt es in den vergangenen Jahren immer wieder, auf den gesellschaftlichen Wandel zu reagieren. Oft ging damit einher, den Spielbetrieb so zu organisieren, dass er auch in ländlichen Regionen möglich bleibt – mit weniger Teams und weniger Spielerinnen und Spielern. Diese Herausforderung dürfte auch seinen Nachfolger begleiten.

Komplett verabschieden wird sich Radeck wohl nicht aus dem Fußballgeschäft. Der frühere Mittelfeldspieler, der zu aktiven Zeiten bis auf Gruppenliga-Niveau kickte, selbst Spieler- und Jugendtrainer war, bekleidet seit einigen Jahren den Posten des Sicherheitsbeauftragten im Spielausschuss der Regionalliga Südwest. „Ich wäre bereit, diese Position weiter auszuüben, falls dies gewünscht ist“, sagt Radeck, der diese Tätigkeit besonders gern ausübt, weil er seine langjährige berufliche Expertise und sein berufliches Netzwerk in sein Hobby einbringen kann, etwa wenn er sich um die Organisation von Hochrisikospielen kümmert.

Auch seinem Heimatverein Germania Ortenberg, bei dem er sich um das Mähen und Walzen des Rasenplatzes kümmert, bleibt der 64-Jährige erhalten – mit der Einschränkung, dass künftig die Familie noch stärker an erster Stelle steht. „In drei Wochen werde ich erstmals Opa, darauf freue ich mich riesig“, erzählt Radeck, der einen Sohn (36) und eine Tochter (32) hat und selbst aus einer „Vereinsmeier-Familie“ stammt, wie er es formuliert: Sein Vater war passionierter Segelflieger, seine Mutter Turnerin und im Gesangverein, seine Schwester spielte Tennis – und Jürgen Radeck engagierte sich eben im Fußball. Über viele Jahrzehnte. Auch auf Verbandsebene.

Den Traum von der Australien-Rundreise im Wohnmobil hat Radeck übrigens noch nicht aufgegeben. Erst einmal liegt der Plan aber auf Eis, lässt der Noch-Verbandsfußballwart durchblicken. Fernweh kommt bei Radeck derzeit ohnehin nicht auf, schließlich ist er erst vor einigen Tagen aus Slowenien zurückgekehrt. Dort haben der Ortenberger und seine Lebensgefährtin das Land bereist – mit dem Fahrrad wohlgemerkt.

Von Marcello Di Cicco