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Lokalsport "Es sind immer die anderen"
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18:00 27.09.2019
Der DFB hebt gerne die integrative Kraft des Fußballs hervor: Unterschiede zu akzeptieren, auch um solche Werte geht es. Zuletzt kam es bei zwei Spielen auf den heimischen Plätzen aber zu rassistischen Vorfällen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Schon 20 Minuten vor Ende des Spiels der Kreisliga B Marburg I wurde es hitziger, mit Wortgefechten und Beleidigungen. So berichten es sowohl Verantwortliche des 1. FC Waldtal als auch des TSV Speckswinkel. Eigentlich unnötig, denn die Gäste führten am vergangenen Sonntag bereits mit 4:1, die Partie war entschieden. Mit dem Schlusspfiff kochten die Emotionen dann endgültig hoch.

Mit den Worten „Du scheiß Neger“ soll laut Waldtal-Spieler Sercan Michel ein Teamkollege aus Ghana von einem Speckswinkeler Spieler beleidigt und provoziert worden sein. Waldtal-Trainer Bayram Koc hatte diese Beleidigung ebenfalls gehört, sogar noch mit dem Zusatz: „Mach dich in deine Heimat, wo du hingehörst.“ Es kam zu Tumulten, zu Handgreiflichkeiten, bei denen der Ghanaer eine blutige Lippe davontrug.

"Gibt hin und wieder Spitzen im Jahr"

Der Schiedsrichter hatte die Beleidigung ebenfalls wahrgenommen und nach Schlusspfiff mit der Roten Karte geahndet. Der Sonderbericht liegt dem Kreissportgericht vor, wie dessen Vorsitzender Rolf Usinger bestätigt. Nun wird wegen Rassismus und Diskriminierung gegen den Spieler ermittelt und ein Einzelrichterurteil gesprochen.

Wobei die Mindeststrafe vier Spiele beträgt, wie Usinger hinzufügt. „Im Laufe einer Saison haben wir immer mal wieder so ähnlich gelagerte Fälle“, sagt Usinger. „Es gibt hin und wieder Spitzen im Jahr. Manchmal hat man in einem Jahr auch gar keine Vorkommnisse. Da ist keine Tendenz erkennbar.“

Außer den beiden Fällen in Emsdorf, wo ein Zuschauer in einer Kreisoberliga-Partie Hatzbacher Spieler rassistisch beleidigt hatte, und beim FC Waldtal sei ihm „nichts zu Ohren gekommen“, bestätigt Kreisfußballwart Peter Schmidt diese Wahrnehmung. Trete doch ein Fall auf, laufe es in der Regel so ab: Der Schiedsrichter schreibt einen Bericht, die Sportgerichte können Seminarbesuche zur Bewährungsauflage machen, um Strafen abzumildern.

HFV-Mann Geiß bemerkt "Verrohung der Sprache"

Zudem habe der Hessische Fußball-Verband (HFV) „Programme und Referenten, die zu den Vereinen kommen, und Verhaltensweisen wie Respekt, Fairplay und Wertschätzung vermitteln“, sagt Schmidt. „Wir brauchen nichts Neues zu erfinden.“

Beim HFV ist Thomas Geiß als Vorsitzender der Kommission Integration und Gewaltprävention (KIG) genau dafür zuständig. Und er hat „in den letzten drei, vier Jahren auf den Fußballplätzen eine Verrohung der Sprache“ festgestellt. Sport sei ein Spiegel der „gesellschaftlichen Verschiebung nach rechts“, wie es Geiß ausdrückt. Aber der Fußball sei auch „ein großer Hebel, der dagegen anwirken kann“.

Beim SSV Hatzbach hatten die Verantwortlichen darauf gehofft, eine Vorreiterrolle einzunehmen im Kampf gegen Rassismus. Nach dem Vorfall in Emsdorf – da der auffällig gewordene Zuschauer nicht Mitglied des SV war, wird es am 11. Oktober eine Verhandlung gegen den Verein geben – stellten die Hatzbacher ein Video online. Mehr als 18.000 Mal wurde es bereits angeklickt. Sechs Spieler sagten darin offen, auf welche Weise sie schon beleidigt wurden (die OP berichtete).

Positive Reaktionen gab es zwar darauf. Nachahmer, auf die Video-Produzent Daniel Keller gehofft hatte, blieben aber aus. Deshalb ist der Fotograf, der beim SSV Hatzbach für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, auch ein wenig enttäuscht: „Wir hatten auf ein größeres Echo gehofft.“

Ein Anfang nur. Aber immerhin

Stattdessen zeige der Speckswinkeler Fall, dass „den Leuten solche Äußerungen inzwischen viel leichter über die Lippen gehen. Sie sind sich anscheinend nicht bewusst, was es für den anderen bedeuten kann. Besorgniserregend“, findet Keller.

Für HFV-Mann Geiß ist es deshalb wichtig, dass sich die Vereine auf die eigenen Werte beziehen, eine eigene Identität herausbilden. Mit der zentralen Fragestellung: „Wofür stehen wir eigentlich?“ Denn wenn es um Diskriminierung geht, stehe für jeden Einzelnen fest: „Es sind immer die anderen.“

Was sich auch am Beispiel der Partie Waldtal gegen Speckswinkel zeigt. Wer hat angefangen? Wer hat provoziert? Wer hat sich nur gewehrt? Die Meinungen gehen auseinander. „Meinem Spieler habe ich einen Rüffel verpasst“, sagt Speckswinkels Trainer Sevket Cetincelik. „Es ist ihm rausgerutscht. Er hat ja auch Freunde, die diese Hautfarbe haben.“

Der TSV-Vorsitzende Thomas Widlinski, der selbst nicht beim Spiel dabei war, kündigte an: „Bei der nächsten Spielersitzung werden wir das ansprechen. Wir sind bemüht, das auszuräumen.“ Am Ende des Spiels entschuldigte sich der Rotsünder beim Opfer seiner Verbalattacke. Ein Anfang nur. Aber immerhin.

von Holger Schmidt

Leseraufruf: Wenn ihr auch schon solche Erfahrungen gemacht habt, erzählt sie uns!