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Lokalsport Stey: "Der Fußball ist ein Katalysator"
Sport Lokalsport Lokalsport Stey: "Der Fußball ist ein Katalysator"
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09:00 01.12.2019
Schiedsrichter Andreas Stey (links) wurde im vergangenen Jahr beim B-Liga-Spiel in Schönstadt von Spielern und Verantwortlichen des VfR Niederwald attackiert. Foto: Marcello Di Cicco Quelle: Marcello Di Cicco
Marburg

Andreas Stey (TSV Caldern) ist er noch sehr präsent: der Mittwochabend im Oktober vergangenen Jahres.­ Derby, Flutlicht, Kreisliga B Frankenberg. „Es herrschte bei mir eine gewisse Anspannung und Nervosität“, erinnert sich der 31-Jährige – und daran, dass er nach einem Stürmerfoul am Torwart gleich in der ersten ­Minute die Gelbe Karte zücken musste.

Heikel wurde es ­fortan aber nicht mehr. „Es war ein tolles Spiel“, sagt Stey, „und es hat mir gezeigt, wie schön Fußball ist.“ Für Stey war es eine alltägliche Begegnung – und doch
irgendwie eine besondere. Denn es war Spiel eins als Schiedsrichter nach der Skandal-Partie SV Schönstadt – VfR Niederwald knapp drei Wochen zuvor.

In jener Partie wurde Stey von Spielern und Verantwortlichen des VfR massiv beleidigt und sogar bedroht sowie körperlich attackiert (die OP berichtete mehrfach ausführlich). Eine Sportgerichtsverhandlung folgte – und nicht nur die. Gegen einen VfR-Spieler erstattete Stey Anzeige. Spiele mit Niederwälder Beteiligung pfeift er seit dem Vorfall nicht mehr.

Kurzzeitig dachte Stey sogar darüber nach, seine Pfeife an den Nagel zu hängen. Von Mitgliedern des Kreisschieds­richter- und Kreisfußballausschusses ließ er sich jedoch überzeugen, nicht aufzuhören.

"Man sieht die Verrohung der Gesellschaft"

„Die Unterstützung von dieser Seite war super. Man hat mich wieder aufgebaut und bestärkt. Das waren Gründe, die mich ­dazu bewogen haben, weiter­zu­pfeifen. Zumal Schiedsrichter ein sehr schönes Hobby ist.“

In den vergangenen Wochen war es für einige von Steys Gleichgesinnten allerdings auch eine sehr gefährliche Freizeit­beschäftigung. Angriffe von Spielern beziehungsweise Verantwortlichen auf Schiedsrichter sorgten zuletzt für Schlagzeilen – sei es in Münster (Kreis Darmstadt-Dieburg), Pohlheim (Gießen) oder jüngst in Offenbach (die OP berichtete).

Stey überrascht es, „dass so viele tätliche Angriffe auf Schiedsrichter auf Amateursportplätzen in so kurzer Abfolge hintereinander erfolgt sind“. Nicht aber, dass es generell zu derartigen Gewaltausbrüchen kommt.

„Man sieht die Verrohung der Gesellschaft in allen Teilen – ob bei Demonstrationen oder bei Politikern in Fernsehtalkshows. Die Sprache wird immer rauer, das betrifft alle Bereiche in unserer Gesellschaft. Der Fußball ist ein Katalysator, bei dem die Bombe hochgehen kann. Das ist eine Katastrophe“, findet der 31-Jährige klare Worte.

Höhere Strafen und Regelschulung

Seit 15 Jahren leitet er Fußballspiele, inzwischen sind es weit mehr als 500. Seine Erfahrung: „Man merkt deutlich, dass die Hemmschwelle bei Spielern und Zuschauern sinkt. Wo man früher etwas gerufen hat, wird man heute handgreiflich. Das ist ein Unding.“

Ein Problem laut Stey: die geringe Akzeptanz von Schiedsrichter-Entscheidungen im Profibereich, die wiederum dazu führten, dass Amateure zu Nachahmern würden, denn: „Die Profis dienen den Amateuren als Modell.“

Wie das derzeitige Gewalt­problem zu lösen wäre? Durch die Erhöhung der Strafen. „Rigoros Spielverbote gegen Mannschaften“, fordert Stey. „Ich bin zwar gegen Kollektivstrafen, aber Fußball ist nun mal ­eine Mannschaftssportart.“ Auch „höhere Einzelstrafen, höhere­ Geldstrafen“ seien ein Hebel.

Ein weiterer: Regelschulungen. „Bei vielen Spielen, die ich leite, stelle ich fest, dass weder Spieler noch Trainer die Regeln kennen.“ Derzeit würden von Kreisfußball- beziehungsweise Kreisschiedsrichterausschuss angebotene Regelschulungen von Vereinen zu wenig angenommen. Die Pflicht zur Teilnahme könne Abhilfe schaffen. Nicht zuletzt müsse im Jugendbereich angesetzt werden. So dienten den jungen Kickern nicht nur Profis als (schlechtes) Vorbild, sondern auch Eltern – „gerade bei den Jüngeren“, meint Stey.

Das Miteinander wird umso größer geschrieben

„Eltern sollten den Kindern ein positives Vorbild sein, allerdings haben einige ihre Emotionen auch nicht immer ­unter Kontrolle.“ Bei seiner eigenen Mannschaft legt Stey viel Wert auf Disziplin. Seit dem Sommer ­trainiert der 31-Jährige die Spvgg Hassen-/Bellnhausen.

Beim B-Ligisten habe man bei der ­Kaderzusammenstellung gezielt darauf geachtet, Spieler zu haben, „die den Verein positiv repräsentieren“ – auch wenn dies im Zweifel etwas weniger sportlichen Erfolg bedeutet.

Dafür wird das Miteinander umso größer geschrieben. Stey: „Viele Spiele haben wir von samstags auf sonntags verlegt, um nach dem Spiel Zeit zu haben, sich noch mit dem Gegner zusammenzusetzen.“ Auch mit dem Referee? „Selbstverständlich“, sagt Stey.

von Marcello Di Cicco