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20:00 05.10.2021
Tim Kahle aus Marburg wird Hessenmeister in der Kategorie „Open Men“.
Tim Kahle aus Marburg wird Hessenmeister in der Kategorie „Open Men“. Quelle: Nadine Weigel
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Niederweimar

Berlin, Paderborn, Norderstedt, egal. Einfach alle Wege führen nach Niederweimar. Es ist und bleibt einfach das Mekka des Wakeboardsports. Wer in der Szene was drauf hat, kommt hierher. Und wenn es sein muss, dann auch drei oder viermal die Woche zum Training. So macht es Alessia Klingenbrunn.

Die 14-Jährige wohnt in Aschaffenburg, düst aber jede freie Minute anderthalb Stunden nach Niederweimar, um aufs Brett zu kommen. „Bei uns gibt’s keine gescheiten Anlagen“, sagt sie und lacht. Sonntagmittag, dunkle Wolken und Nieselregen, aber Alessia hat gute Laune. Kein Wunder. Gerade hat sie ihre Konkurrenz in die Schranken verwiesen. Mit Abstand hat sie das Finale der „Junior Ladies“, also der Frauen unter 18 Jahren gewonnen. In einem Affenzahn ist sie über den See gebrettert, hat „Obstacles“ – Plastikhindernisse im Wasser – überwunden und hat sogenannte „Inverts“ gemeistert. So nennen es die Wakeboardfahrer, wenn sie den Zug des Kabels nutzen, um sich in die Luft zu katapultieren und dann Salti oder Schrauben zu drehen.

Marburger startet in der Königsklasse

„Alessia ist schon echt gut für ihr Alter“, lobt Vanessa Weinhauer. Die heimische Wakeboard-Ikone, die schon Weltmeisterin wurde, kann verletzungsbedingt diesmal bei den Offenen Hessischen Wakeboardmeisterschaften nicht mitmachen. Dafür sitzt sie jetzt mit den anderen „Judges“ – den Wertungsrichtern – am Wasser und beurteilt die Sprünge. Und die sind zum Teil wahnsinnig waghalsig. So mancher Laie auf der Restaurantterrasse schüttelt staunend den Kopf: Mehrere Meter katapultieren sich die Leistungssportler hoch in die Luft, wirbeln um die eigene Achse und überschlagen sich – und das alles, ohne den Griff des Cables loszulassen. Meistens klappt das auch – oft sind aber auch spektakuläre Stürze dabei, wo einem allein beim Zuschauen alles wehtut.

„Das ist schon unglaublich, wie hoch das Niveau schon bei den Jüngeren ist“, sagt Tim Kahle und beobachtet die halsbrecherische Akrobatik der Männer unter 18 Jahren. Der Marburger startet in der Königsklasse – dem Finale der „Open Men“. Der 27-Jährige ist schon ein alter Hase. Obwohl – so ein richtig alter Hase ist eigentlich sein Vater Reiner.

Mit seinen 56 Jahren gehört er zu den Wakeboard-Oldies im Wettbewerb. Ansehen tut man ihm sein Alter allerdings nicht. Auch nicht am Sonntag, als er unter dem lauten Jubel seiner Fans übers Wasser prescht und mit einer soliden Leistung auf Platz drei in der Kategorie „Veterans Men“ sogar die jüngere Konkurrenz hinter sich lässt. „Man merkt schon das Alter, aber vor allem merke ich jedes Kilo zu viel“, erklärt Reiner Kahle augenzwinkernd.

Vor mehr als 16 Jahren hat ihn das Wakeboard-Fieber gepackt, als er mit seinen beiden Söhnen spaßeshalber das erste Mal auf dem Brett stand. „Die konnten das natürlich viel besser als ich und da war mein Ehrgeiz gepackt“, erinnert sich der Wehrdaer, der auch der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Wakeboard-Clubs Marburg-Niederweimar ist. Die gemeinsame Leidenschaft fürs Wakeboardfahren schweißte die Kahle-Männer zusammen. Bis heute. „Wir pushen uns immer noch gegenseitig“, sagt Sohn Tim. Beide betonen, dass stets der Spaß im Vordergrund steht. Aber die Leistung stimmt trotzdem. Bei beiden.

Tim meistert seine zwei Runden auf dem Wasser souverän. Er landet auf Platz vier in seiner Kategorie und wird bester Hesse. Vereinskumpel Felix Schneider aus Frankfurt klatscht übel aufs Wasser und kann in der zweiten Runde nicht seine volle Leistung abrufen.

Ebenfalls nicht zufrieden ist Kristin Kraus. „Das war so nicht geplant“, sagt die 24-Jährige und zuckt mit den Schultern. Eigentlich wollte sie mehr zeigen, war aber gehemmt. Egal. Gereicht hat es trotzdem. Die Marburgerin ist beste Hessin in der Kategorie „Open Ladies“. Und somit haben die heimischen Wakeboarder bewiesen, dass sie in ihrem Mekka mit Wakeboardprofis aus ganz Deutschland leistungstechnisch mithalten können.

Von Nadine Weigel