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Lokalsport Das Sommermärchen der deutschen Basketballer
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12:00 04.11.2020
Europameister! Der damals 25-jährige Henning Harnisch (mit der Nummer 9) jubelt mit Hansi Gnad (von rechts), Kai Nürnberger, Henrik Rödl, Jens Kujawa und Mike Jackel. Quelle: imago
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Marburg

Es war dieser eine Moment, in dem er merkte, dass er und seine Mitspieler etwas wirklich Großes erreicht hatten. Es war nicht in der Münchener Olympiahalle, es war auch nicht bei der Feier danach. Es war am nächsten Morgen, nach einer schlaflosen Nacht. Henning Harnisch war letztlich in einem See gelandet. Er sei damals „ein bisschen verrückt drauf“ gewesen. Als alle ins Bett wollten, wollte er nochmal los, traf Leute, „die es anders krachen lassen wollten“. So schwamm er schließlich morgens um 8 Uhr in einem See mit Blick aufs Schloss Neuschwanstein.

Mehr als 27 Jahre sind vergangen – seit dem Schwimmen im See, seit der Europameisterschaft im eigenen Land, seit dem größten Triumph deutscher Basketballer. „Sehr, sehr gern“ nimmt sich der heute 52-jährige Harnisch Zeit, um mit der Oberhessischen Presse über das Turnier, über seine Erinnerungen an die Spiele und das Drumherum zu sprechen. „Es war unser Sommermärchen“, sagt der gebürtige Marburger. „Es war wie in einem Film: Wir sind schlecht gestartet, haben nur knapp das Viertelfinale erreicht, sind dann immer Außenseiter gewesen, haben die Favoriten knapp geschlagen und ganz am Ende diesen einen entscheidenden Wurf getroffen.“

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Insgesamt drei Niederlagen in Vor- und Zwischenrunde

Es ist kein Film, es ist eine reale Geschichte, eine Heldengeschichte. Die Helden hießen Stephan Baeck, Gunther Behnke, Hansi Gnad, Mike Jackel, Moritz Kleine-Brockhoff, Michael Koch, Jens Kujawa, Kai Nürnberger, Teoman Öztürk, Henrik Rödl, Christian Welp und eben Henning Harnisch. Eine Hauptrolle nahm auch Svetislav Pesic ein. „Er war ein Trainer, der immer große Ziele ausgegeben hat“, blickt Harnisch zurück. „Aber ob der Glaube da war, wirklich bis ins Endspiel kommen zu können?“, fragt er, antwortet selbst: „Nein, ehrlich gesagt war der nicht da.“ Ein Jahr zuvor, bei den Olympischen Spielen in Barcelona, hatte die Auswahl des Deutschen Basketball-Bunds überzeugt, den siebten Platz geholt. Da war aber in Detlef Schrempf ein NBA-Star dabei – bei der Heim-EM nicht.

Heute Vizepräsident bei Alba Berlin und besonders in der Jugendarbeit engagiert: Henning Harnisch. Quelle: Andreas Schwarz/kinder+Sport

Nachdem es im ersten Vorrundenspiel in Berlin eine 103:113-Niederlage gegen Estland gab, war die Stimmung im Keller. „Unser Vorteil war, dass die meisten von uns schon jahrelang zusammen gespielt hatten“, erzählt Harnisch. Das half auch, die Niederlage zu verarbeiten. „Wir haben das Spiel schnell abgehakt und nach vorn geschaut.“ Auf Siege über Belgien (93:64) und Slowenien (79:57) folgten in der Zwischenrunde Niederlagen gegen Frankreich (56:64) und Kroatien (63:70). Gegen die Türkei hatte das Team ihr erstes „Endspiel“, gewann mit 77:64, zog ins Viertelfinale ein.

Sieg gegen Spanien bringt Selbstvertrauen

„Das, was wir uns realistisch vorstellen konnten, hatten wir erreicht“, sagt Harnisch. Jeglicher Druck war weg, vielleicht half genau das dabei, gegen scheinbar übermächtige Spanier über sich hinauszuwachsen. „Normalerweise hatten wir da keine Chance. Aber es gibt so Tage, da fallen die wichtigen Würfe nur auf einer Seite.“ Es war so ein Tag: Christian Welp traf in der Verlängerung zum 79:77-Endstand. Die Olympiahalle war alles andere als voll, offenbar hatte auch bei den Fans der Glaube an eine Überraschung gefehlt.

Im Halbfinale gegen Griechenland war das anders – sowohl bei den Anhängern als auch bei den Spielern. „Wenn du gegen Spanien gewinnst, dann hast du das Selbstvertrauen, dann bist du dir sicher, jeden Gegner schlagen zu können“, erzählt Harnisch. Deutschland gewann, wieder knapp mit 76:73. „Und dann stehst du im Endspiel gegen Russland und fragst dich trotzdem noch, wie es dazu kommen konnte.“

Harnischs Migräneanfall vor dem Finale

Es war der 4. Juli 1993 – und Henning Harnisch ging es gar nicht gut. Seit seiner Jugend hatte er immer wieder mit Migräneanfällen zu kämpfen. „Meist kamen sie, wenn ich vorher Stress hatte. Jetzt kam einer vor dem wichtigsten Spiel meines Lebens“, blickt er zurück. „Wer Migräne nicht kennt, weiß nicht, was das ist. Da hat man nicht einfach nur Kopfschmerzen, da geht eigentlich überhaupt nichts mehr.“ Klaus Breitung wurde zu seinem persönlichem Held. Der Physiotherapeut bearbeitete den Flügelspieler so lange, bis es „irgendwie ging“.

Der damals 25-Jährige, wegen seiner Dunkings „Flying Henning“ genannt, und sein Team waren gut drin, führten nach der ersten Hälfte knapp mit 38:35. Der individuellen Klasse der Russen hatte die DBB-Auswahl ihre mannschaftliche Geschlossenheit entgegenzusetzen: „Wir waren eine Ansammlung von Menschen, die außergewöhnlich gut miteinander harmoniert haben.“ Es blieb eng, kein Team schaffte es, sich abzusetzen. Harnisch hatte 13 Punkte auf dem Konto, als Christian Welp drei Sekunden vor Schluss an der Freiwurflinie stand. Er traf zum 71:70, dann war das Spiel zu Ende. Pure Ekstase. Harnisch war mittendrin. Aber gefühlsmäßig doch nicht so richtig.

Der Moment, in dem er es realisierte

Die Migräne war zurückgekommen. „Ich wollte nur noch in mein dunkles Hotelzimmer“, erzählt er. Nach einiger Zeit dämmerte ihm, was er da gerade verpassen würde. „Ich habe dann zwei Tabletten und bisschen was aus der Minibar genommen.“ Er feierte mit seinen Mitspielern, später mit jedem, der noch greifbar war – bis er schließlich im See mit Blick aufs Schloss Neuschwanstein schwamm. Er stieg aus dem Wasser, trocknete sich ab. Eine Familie war am Ufer unterwegs, wie Harnisch einmal selbst in einem Beitrag für den „Tagesspiegel“ beschrieb. Der Vater kam auf ihn zu. „Glückwunsch!“, sagte er. „Das“, blickt Harnisch zurück, „war der Moment, in dem ich realisiert habe, was wir geschafft haben.“

Zur Person

Henning Harnisch hat noch immer viele Kontakte nach Marburg – über die Familie, über Freunde, mit denen er sich einmal im Jahr zu einer Wanderung trifft. Der heute 52-Jährige besuchte das Gymnasium Philippinum. Seine Bundesliga-Laufbahn begann Harnisch in Gießen, später holte er mit Bayer Leverkusen und Alba Berlin insgesamt neun Meistertitel und fünf Mal den nationalen Pokal. 1998 beendet der 169-fache Nationalspieler seine Karriere. Nachdem er Kulturwissenschaft sowie Filmwissenschaft studiert und als Journalist gearbeitet hatte, kehrte er 2004 als Teammanager zu Alba Berlin zurück, war von 2008 bis 2010 Sportdirektor und ist seitdem Vizepräsident, engagiert sich insbesondere in der Nachwuchsarbeit.

Von Stefan Weisbrod