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Lokalsport Heimische Topathleten verpassen durch schlechten Trainingsbedingungen Meisterschaften
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14:58 17.02.2021
Hessenmeisterin Julia Swelam und ihr Trainer Wilfried Eisenberg sind enttäuscht über die Nichtberücksichtigung der Läuferin für die Deutschen Hallen-Leichtathletikmeisterschaften.
Hessenmeisterin Julia Swelam und ihr Trainer Wilfried Eisenberg sind enttäuscht über die Nichtberücksichtigung der Läuferin für die Deutschen Hallen-Leichtathletikmeisterschaften. Quelle: ArchivFoto: Helmut Schaake
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Marburg

Wenn am Wochenende 20. und 21. Februar in Dortmund die Deutschen Hallenmeisterschaften ausgetragen werden, dann werden aller Voraussicht keine Athletinnen und Athleten des hiesigen Landkreises eine Startberechtigung haben. Die vom Hessischen Leichtathletik-Verband gemeldete und von Wilfried Eisenberg trainierte Julia Swelam (ehemals Merbach), taucht in der endgültigen Meldeliste über ihre Paradestrecke 800 Meter nicht mehr auf.

Die der Leichtathletikabteilung des TSV Kirchhain angehörige Mittel- und Langstrecklerin und zehnfache Hessenmeisterin steht mit einer Zeit von 2.08.23 Minuten zu Buche, die sie im August vergangenen Jahres in Pfungstadt gelaufen war. Zuletzt lief sie bei einem Meeting in Dortmund nach sehr guten 2.08.84 Minuten als Siegerin über die Ziellinie (die OP berichtete). Doch für die Teilnahme an dem Rennen in Dortmund war diese Zeit offenbar zu schwach.

„Das ist sehr bitter“

„Das ist sehr bitter für mich“, sagt Julia Swelam. Sie empfinde ihre Streichung von der Meldeliste als unfair, zumal sie gemäß der aktuellen Bestenliste theoretisch auf Platz sieben liege, weil vor ihr platzierte 1500-Meter-Läuferinnen nicht über die 800 Meter an den Start gingen. Dennoch muss sie sich als Opfer eines Systems begreifen, „dessen Regularien kaum nachvollziehbar sind“.

Eine geringe Chance auf einen Start in Dortmund besteht noch. Denn sollte eine der acht Starterinnen noch zurückziehen oder sich krank melden, dann hätte für sie das Durcheinander als Nachrückerin noch ein Happy End. Sollte dies nicht der Fall sein, werde sie sich fortan um die Vorbereitung auf die Open-Air-Saison konzentrieren.

Auch der für den ASC Breidenbach aktive Langstreckler Kilian Schreiner aus Gladenbach hoffte auf eine Zulassung für den 3000-Meter-Lauf. Doch der Name des von Walter Hirschhäuser betreuten Athleten taucht auf der Meldeliste nicht auf, ebenso wenig wie die für den ESV Jahn Treysa startende Kugelstoßerin Patrizia Römer aus Kirchhain und die Hürdensprinterin Laura Sewing vom TSV Kirchhain.

Diese durchaus renommierten Sportlerinnen und Sportler finden sich in der Regel auch in den Bestenlisten auf nationaler Ebene wieder. Allerdings litten und leiden sie in besonderem Maße unter den Trainingsbedingungen, die es ihnen schwer machen, die erforderlichen Leistungen zu erbringen. Dazu zählen etwa ungünstige Terminierungen der ohnehin nur wenigen offiziellen Wettkampfgelegenheiten sowie die mangelnden Trainingsmöglichkeiten schlechthin.

Zwar kann ein gerütteltes Maß des Aufbautrainings für Läuferinnen und Läufer im Freien stattfinden. Doch bei hohen Minustemperaturen und hartgefrorenem Untergrund ist dies nicht mehr zumutbar und der Leistung eher abträglich. Ein Training in der Halle ist jedoch nur jenen vorbehalten, die als Spitzensportler einem geförderten Kader angehören oder ihren Sport als Profi ausüben.

„Der Trainings-und Wettkampfbetrieb des Spitzen-und Profisports einschließlich der Landeskader ist weiterhin zu erlauben“, heißt es in einem Informationsschreiben des HLV. Walter Hirschhäuser schließt daraus: „Unsere Leichtathleten gelten wohl somit als Freizeitsportler.“

Die einzige nutzbare Leichtathletikhalle befinde sich in Stadtallendorf. Überdies sei nicht klar definiert, was denn nun ein Profi oder Spitzensportler sei. „Der HLV bietet uns kaum eine kreative Unterstützung oder erhellende Erläuterungen an.“ Der rege Funktionär ist über die Situation zwar frustriert, doch er konzentriert sich jetzt mit seinen Schützlingen, zu denen auch sein Sohn Alexander gehört, auf das Training im Frühjahr zur Vorbereitung auf die Deutschen Meisterschaften im Freien, die auf den 5. und 6. Juni in Braunschweig terminiert sind.

Athleten improvisieren

Auch Wilfried Eisenberg moniert die eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten: „Seit es den Lockdown gibt, trainiere ich mit Julia und weiteren fünf Athletinnen und Athleten bei Wind und Wetter am Erlensee oder im Stadion der Alfred-Wegener-Schule, doch Langstreckler sowie Sprinter brauchen auch Gelegenheiten zum Krafttraining. Weil wir nicht in die Kirchhainer Hallen durften, mussten wir uns notbehelfen, und zwar mit Athletikprogrammen, die ich meinen Schützlingen an die Hand gegeben habe.“

Inzwischen habe man auf den letzten Drücker ausgehandelt, dass nur die wenigen Leichtathleten in der Stadtallendorfer Herrenwaldhalle unter Einhaltung entsprechender Corona-Regeln trainieren dürfen, die sich auf die Deutschen Meisterschaften vorbereiten.

Claudia Genz, Diplomsportlehrerin beim TSV Eintracht Stadtallendorf und Lehrerin an der Grundschule, hatte bereits im November 2020 gemeinsam mit Eisenberg und Helmut Schaake vom Leichtathletikkreis den Landkreis über die kritische Trainingssituation unterrichtet und um die Gewährung von Trainingsmöglichkeiten in der Herrenwaldhalle gebeten.

Sie mussten allerdings lange auf eine Antwort warten und diese wiederholt anmahnen. Auch Genz‘ Sohn Lennart, einer der besten Weitspringer in Hessen, hatte bislang kaum eine Möglichkeit, sein Techniktraining an einer Sprunganlage auszuüben. „Großes Entgegenkommen hat Björn Backes vom Fachdienst Sport der Stadt Marburg gezeigt. Wir dürfen das Georg-Gaßmann-Stadion als Trainingsstätte benutzen.“

Von Bodo Ganswindt