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15:58 22.08.2021
Szenen, welche die Kritik auslösten: Das Pferd Saint Boy von Annika Schleu verweigert, neben weiteren Pferden beim Modernen Fünfkampf, den Sprung.
Szenen, welche die Kritik auslösten: Das Pferd Saint Boy von Annika Schleu verweigert, neben weiteren Pferden beim Modernen Fünfkampf, den Sprung. Quelle: Marijan Murat
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Tokio/Marburg

Eine verzweifelte Fünfkämpferin Annika Schleu, deren zugelostes Pferd Saint Boy bei den Olympischen Spielen mehrere Sprünge verweigert und das sie mit der Gerte antreibt. Diese Szenen beschäftigen immer noch viele Menschen, obwohl Olympia seit mehr als zwei Wochen zu Ende ist. So auch die heimischen Vierkämpfer – im Landkreis gibt es keine Fünfkämpfer. Der Unterschied ist, dass bei den Vierkämpfern die Disziplinen Schwimmen, Laufen, Dressurreiten sowie Springreiten bei den Wettbewerben dabei sind.

Wie haben heimische Vierkämpfer die Szenen beobachtet? „Das Pferd war durch die vorherige Reiterin total durch den Wind. Dann muss man als Reiter ruhig bleiben. Schleu ist hysterisch geworden und hat damit dem Pferd keine Sicherheit mehr gegeben“, sagt Sandra Krieger, die ehemals das Vierkampf-Team des Kreisreiterbundes Marburg-Biedenkopf trainierte.

Pferdetausch im Vierkampf auf Bundesebene

Auf Landesebene werden heimische Pferde mit zu den Wettkämpfen genommen, auf Bundesebene dagegen werden für vier Reiter lediglich zwei Pferde aus dem eigenen Bundesland ausgewählt. „Die anderen beiden Reiter bekommen fremde Pferde zugelost. Aber ich schaue mir dann die Pferde als Trainerin genau an“, erklärt Krieger.

Eigentlich dauert es mehrere Jahre, bis eine Reiterin oder ein Reiter eine Bindung zu einem Pferd aufgebaut hat. Wie ist es also möglich, dass Fünfkämpfer das in 20 Minuten schaffen? „Gar nicht. Man kann beim Vorritt das zugeloste Pferd nur beobachten und anhand seiner Reaktionen mit einem guten Auge sehen, wann es sich wie verhält. Wie Menschen unterschiedlich sind, so gibt es auch verschiedene Pferde. Und für diese Pferde tragen die Menschen die Verantwortung“, sagt Krieger. Dass manchmal selbst die Erfahrung oder die Beobachtungen nicht ausreichen, zeigt sich dadurch, dass auch bei langjährigen Reitern das Pferd den Sprung verweigern kann.

Janna Schautes, die bei den vergangenen Landesmeisterschaften im Vierkampf als Mannschaftsführerin und Trainerin für den Kreisreiterbund Marburg-Biedenkopf aktiv war, vermutet, dass dies schon den meisten Reitern passiert ist. „Man muss sich dann fragen, wo der Fehler liegt. Das ist aber oft nicht direkt klar. In diesen Momenten ist es selbstverständlich frustrierend und ernüchternd“, sagt Schautes und fügt an, dass man diese Probleme nur mit Ruhe und Geduld lösen könne.

Die Szenen bei Olympia bewertet sie als „keine schönen Bilder“ und ergänzt, „das Pferd hat sich absolut dagegen gewehrt, das zu tun, was Schleu von ihm verlangt hat. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass es ihr selbst mit Gewalt nicht möglich sein wird, dieses Pferd vernünftig durch den Parcours zu bekommen. Wenn ein Pferd sich derartig wehrt, dann ist dies selbst mit sehr gutem Reiten kaum möglich.“

Wie fühlt es sich an, in solch einer aussichtslosen Situation zu stecken? „Es ist schwierig, weil der Reiter unter Druck steht, weshalb es durchaus auch zu unüberlegten Handlungen kommen kann. Diese sollten sich jedoch nie gegen das Pferd richten. Verstehen kann aber, meiner Meinung nach, auch jeder, dass, wenn eine Medaille bei den Olympischen Spielen zum Greifen nah ist, man alles daran setzt, dass dies realisiert wird. Das setzt einen selbstverständlich auch unter Druck“, sagt die Vierkämpferin.

Nau: „Gravierende Fehler der Organisatoren“

Einer ähnlichen Meinung ist auch Ludwig Nau, der unter anderem Züchter sowie Parcoursbauer ist und sich einige Szenen des Modernen Fünfkampfs angeschaut hat: „Für mich liegen die gravierenden Fehler bei den Verantwortlichen des Wettbewerbs und nicht bei der Athletin Annika Schleu. Nach meinem aktuellen Wissensstand hätte das Pferd, nachdem es bei der ersten Reiterin verweigert hat, aus dem Turnier rausgenommen werden müssen“, merkt Nau an.

Von Leonie Rink