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Lokalsport Kreis-Handballer reagieren auf Prokop-Entlassung
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11:53 12.02.2020
Das Aus von Ex-Bundestrainer Christian Prokop sorgt bei den Kreis-Handballern für Kopfschütteln. Quelle: Robert Michael
Marburg

Es war Ende Januar, kurz nach dem EM-Aus, als DHB-Sportvorstand Axel Kromer seinem Bundestrainer eine Jobgarantie ausstellte. „Wir werden natürlich mit Christian in Richtung Olympia gehen“, sagte Kromer vor knapp zwei Wochen. Am vergangenen Donnerstag bot sich dann ein anderes Bild und der Deutsche Handballbund (DHB) stellte tags darauf Alfred Gislason, den langjährigen Trainer des THW Kiel, als Nachfolger vor.

Vor allem der Zeitpunkt und das Auftreten des Handball-Bundes sorgt auch im Landkreis für Verwunderung. „Das finde ich merkwürdig, so was so kurz vor einem Qualifikationsturnier zu verkünden. Der DHB gibt da kein gutes Bild ab, indem er erst das Vertrauen ausspricht und dann plötzlich doch einen anderen Trainer vorstellt“, sagt Henning Dippel, von der HSG Marburg/Cappel. Mit einer eigenen Meinung zur Causa Prokop tut er sich aber dennoch schwer: „Man kennt da zu viele Interna nicht“, sagt der Trainer der Frauen der HSG. Prokop selbst sieht er aber nicht als das eigentliche Problem bei der EM: „Er hat auf mich einen kompetenten Eindruck gemacht“, sagt Dippel.

Ganz ähnlich sieht es Noah Fikus, Schiedsrichter-Ausbilder beim Bezirk Gießen. „Ich finde der Zeitpunkt ist ungünstig gewählt, weil man noch vor kurzem Zugeständnisse gemacht hat.“ Im Rückblick auf die Leistungen bei der Europameisterschaft sagt Fikus: „Mit einem so ersatzgeschwächten Kader war das insgesamt eigentlich eine solide Leistung und das Ergebnis lag nicht am Trainer. Letztendlich hat man gegen die späteren Finalisten verloren.“

Nicht nur der Trainer sollte ausgetauscht werden

Etwas kritischer sieht das Jan Lücker, der ehemalige Kreisläufer des TSV Kirchhain. „Er ist ein Mann, der wunderbar in der täglichen Arbeit ein Team führen kann, dem aber die Erfahrung fehlt, wenn man nur wenige Wochen mit der Mannschaft arbeiten kann“, sagt Lücker. Dabei macht er Prokop selbst keinen Vorwurf, sondern sieht die Probleme eher bei den DHB-Verantwortlichen: „Es gab immer diese Unruhe im Umfeld, sei es in der Mannschaft, von früheren Nationalspielern oder der Öffentlichkeit. Das fing schon mit der für den Handball ungewöhnlich hohen Ablösesumme bei seiner Verpflichtung an.“

Über den Zeitpunkt wundert sich Lücker kaum: „Es ist klar, dass man so jemanden während eines Turniers stützt – in einer Aufarbeitungsphase ist es aber nicht verwunderlich wenn man dann zu einem anderen Ergebnis kommt.“ Der Trainer der MSG Kirchhain/Neustadt sieht auch weitere Personen kritisch: „Für mich ist er dann nicht der einzige, der das Feld hätte räumen müssen.“

Dem pflichtet auch Ex-Nationalspieler Christian Schwarzer bei. „Vielleicht müsste nicht nur der Trainer gehen, sondern auch derjenige, der ihn installiert hat“, schrieb der Weltmeister in seiner Kolumne bei Sport1 und spielt damit auf DHB-Vizepräsident Bob Hanning an. Der hat noch einen Vertrag bis 2021 und will sich anschließend nach eigener Aussage aus dem Verband zurückziehen. Einen Rücktritt schloss er aber aus.

Lob für Gislasons Ausstrahlung

Auch Henning See, Trainer der HSG Hungen/Lich, kritisiert vor allem den Zeitpunkt des Trainerwechsels. „Ich hätte entweder gesagt, es gibt eine klare Linie direkt nach dem Turnier oder hätte nach außen kommuniziert: Es wird alles analysiert und dann in Ruhe entschieden wie es weitergeht. Das wurde aber nicht klar kommuniziert“, sagt See und stellt infrage, dass die Schuld für das Verpassen der EM-Ziele zu großen Teilen beim Trainer gesucht wird: „Man hatte viele Ausfälle auf wichtigen Positionen zu verkraften, teils von Führungs­spielern. Dann zu sagen, dass nicht viel zusammenläuft und die Schuld nur beim Trainer zu suchen finde ich nicht ganz fair.“

Einig sind sich indes alle Befragten, dass Gislason ein Mann ist, der über viel Erfahrung verfügt und dem deutschen Team zu neuen Höhenflügen verhelfen kann. „Über die Qualität von so einem Trainer brauchen wir nicht sprechen. Das ist jemand, zu dem ich schon immer aufgeschaut habe. Alleine seine Ausstrahlung wird auf der Bank etwas bewirken“, sagt See.

Das Hoffen auf eine erfolgreiche Olympia-Quali

Als Kiel-Fan freut sich auch Noah Fikus über Gislason: „Ich hoffe, dass er einen guten Einstieg mit einer erfolgreichen Olympia-Qualifikation schafft. Vielleicht kehren damit ja auch Kieler Spieler wie Rune Dahmke zurück“, sagt der Schiedsrichter-Ansetzer.

Gislason selbst sagt in einem Interview des DHB, dass auch für ihn die Verpflichtung eher unerwartet kam. „Ich habe die letzten Jahre gesagt, wenn ich nicht mehr Bundesliga-Trainer wäre, würde ich auch mal eine Nationalmannschaft übernehmen. Deutschland ist nicht irgendein Team sondern eines der besten und das macht mich sehr stolz“, freut er sich auf den neuen Job und will kurzfristig nicht allzu viel verändern: „Ich werde auf keinen Fall alles auf den Kopf stellen. Vieles ist zum Beispiel in der Abwehr fast identisch mit dem was in Kiel stattfindet. Nach und nach werde ich meine Sachen einbauen aber erst auf der Grundlage die jetzt besteht arbeiten“, sagt der Isländer.

von Philipp Pawlik und unserer Agentur