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Lokalsport Die viel zu kurze Karriere des Günther Keifler
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15:57 17.11.2020
Günther Keifler (Mitte) in einem Spiel im November 1967 in Mönchengladbach. Peter Meyer (links) erzielt gegen Frankfurts Torwart Peter Kunter das 1:0, letztlich holte die Eintracht bei der Borussia noch ein 1:1-Unentschieden. Quelle: Werner Otto/imago
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Marburg

Hin und wieder bekommt Günther Keifler Post. Vor ein paar Tagen erst wieder: Ein Sammler hat ihn angeschrieben, bittet um ein Autogramm. Keifler wundert sich jedes Mal ein kleines bisschen darüber, schließlich liegt seine Fußballerkarriere schon rund fünf Jahrzehnte zurück. „Offenbar gibt es Fans, die Autogramme aller früheren Bundesliga-Spieler haben wollen.“ Er freut sich darüber, sehr sogar, über jede einzelne Anfrage. „Dadurch denkt man dann wieder zurück“, sagt der 72-Jährige – zurück an eine „tolle Zeit, die nur leider viel zu schnell vorbei war“.

Bereits als Nachwuchsspieler beim VfL Marburg machte der Defensivspieler auf sich aufmerksam, spielte in der Hessenauswahl, wurde – heute unvorstellbar für einen Jugendlichen aus einem kleinen Verein – für Auswahlteams des Deutschen Fußball-Bunds nominiert. Unvergessen wird dem Bürgelner immer bleiben, wie er im April 1964 mit der Schülernationalmannschaft vor 95 000 Zuschauern im Wembley-Stadion gegen England antreten durfte.

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„Als die Nationalhymne gespielt wurde, lief es mir eiskalt den Rücken hinunter“, erzählt er. Das war nicht nur bei dieser Partie – am Ende stand es 1:1 – so, auch bei anderen Begegnungen, die er für Deutschland bestritt – im Schüler-, später im Jugendteam und in der Olympia-Auswahl. Keifler war einer der besten Spieler seines Jahrgangs 1948. Das blieb auch in der Bundesliga nicht unbemerkt.

Als 18-Jähriger zu Eintracht Frankfurt

Die Frankfurter Eintracht machte ihm 1967 ein Angebot, er nahm es an. Einen Moment brauchte er nach seinem Wechsel, um sich an seinen neuen Club zu gewöhnen. „Ist ja schon etwas anderes, ob man beim VfL Marburg oder bei Eintracht Frankfurt spielt“, sagt er. Keifler wollte sich zeigen. „Ich war jemand, den man nicht zu motivieren brauchte. Ich habe immer alles gegeben, egal ob es ein Länderspiel war oder eine Trainingseinheit.“

Der Youngster beeindruckte Trainer Elek Schwartz. Ausgerechnet am 30. September, seinem 19. Geburtstag, feierte er sein Debüt in der Bundesliga, wurde bei der 2:3-Niederlage gegen Bayern München eingewechselt. Er muss seine Sache in 20 Minuten Spielzeit mindestens ordentlich gemacht haben. Jedenfalls setzte der Coach in den kommenden Spielen auf Keifler, bot ihn stets von Beginn an auf – und betraute ihn mit wichtigen Aufgaben: „Ich war das, was man heute am ehesten einen Sechser nennen würde“, erzählt Keifler. „Ich habe gegen die Spielmacher wie Wolfgang Overath und Günter Netzer gespielt und sollte dafür sorgen, dass sie möglichst wenig machen können.“ Der 72-Jährige erinnert sich, wie stolz er war, „gegen solche großen Spieler spielen zu dürfen“.

Knieverletzungen stoppen ihn

Auch im Messepokal, dem Vorvorgänger der heutigen Europa League, kam er für die Eintracht gegen Nottingham Forest zum Einsatz, für die deutsche Olympia-Auswahl unter Trainer Udo Lattek schoss er in einem Qualifikationsspiel gegen Großbritannien den 1:0-Siegtreffer. Bei einem 2:0-Erfolg über den Karlsruher SC erzielte er sein erstes Bundesliga-Tor. Keifler schien auf dem Weg zu einer großen Fußballerkarriere – und wurde jäh gebremst.

Es waren nicht einmal zwei Monate seit seinem ersten Bundesliga-Einsatz vergangen. Am 25. November 1967 trafen die Frankfurter auf Eintracht Braunschweig, den amtierenden Meister, gewannen mit 2:0. Keifler machte wieder ein starkes Spiel – so stark, dass er beim „Kicker“ in der „Elf des Tages“ stand, obwohl er kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit ausgewechselt werden musste. Bereits in der ersten Hälfte war Keifler von Nationalspieler Lothar Ulsaß gefoult worden. Er verletzte sich schwer am Knie, wollte es zunächst nicht wahrhaben. So war er nach Wiederanpfiff noch dabei. „Aber ich konnte nicht mehr spielen.“ Seine Leidenszeit begann.

Mehrfach kämpfte er sich zurück

Wie es ihm ergangen wäre, hätten damals bereits einige der heutigen Möglichkeiten der Sportmedizin zur Verfügung gestanden, kann nur spekuliert werden. Er bekam zunächst einen Gips, konnte lange gar nichts machen. Er arbeitete sich zurück, gab im August 1968 sein Comeback, verletzte sich bald wieder. Mehrfach wurde er operiert, mehrfach kämpfte er sich durch die Reha.

Im Frühjahr 1971 unternahm er den letzten Versuch, dann war’s vorbei. Mit gerade einmal 22 Jahren wurden er zum Sportinvaliden erklärt. Er war am Boden zerstört. „Ich war ja noch ein junger Bursche. Ich hatte immer für den Fußball gelebt und gehofft, als Fußballer viel erreichen zu können. Und dann ging nichts mehr. Das hat richtig wehgetan.“

Keifler ging zurück nach Marburg, arbeitete beim Staatsbauamt in seinem erlernten Beruf als technischer Zeichner, gründete eine Familie. Er blieb aber auch dem Fußball treu, machte seinen Trainer-A-Schein, feierte 1985 als Coach des VfL Marburg mit dem Aufstieg in die damals drittklassige Oberliga seinen größten Erfolg. Der Frankfurter Eintracht ist er als Fan und Mitglied verbunden geblieben, schaut sich nach Möglichkeit jedes Spiel an. „Ich bin mit Herz und Seele dabei und freue mich, wenn die SGE gewinnt.“

Kontakt zu früheren Mitspielern

Der Schmerz, den er nach seinem frühen Karriereende verspürt hatte, ist längst verflogen. „Natürlich fragt man sich auch mal, was möglich gewesen wäre, wenn ...“, sagt er, ist deshalb aber nicht traurig. Zu einigen früheren Mitspielern wie Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein hielt er den Kontakt, mit Bernd Nickel telefoniert er gelegentlich, schwelgt dabei gern in Erinnerungen. „Die“, sagt er, „sind wunderbar. Die kann mir niemand nehmen.“

Mit „h“ oder ohne?

Er heißt Günther Keifler. Günther mit „h“ in der Mitte. Das sagte er auch vor mehr als 50 Jahren jedem, der es wissen wollte. Er sagte es auch manchen, die nicht danach gefragt hatten. So wirklich half es nichts: „Als Fußballer wurde ich fast immer ohne ‚h‘ geschrieben“, erzählt er im Gespräch mit der OP. Und auch wenn seitdem einige Zeit vergangen ist, die fehlerhafte Schreibweise ist nicht verschwunden – im Gegenteil: Wer Günther Keifler in Online-Fußballportalen finden will, muss nach „Günter Keifler“ suchen. Der 72-Jährige weiß das, wundert sich darüber, nimmt’s aber gelassen: „Was soll’s, gibt Wichtigeres.“

von Stefan Weisbrod