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Lokalsport „Wir machen das richtig oder gar nicht!“
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12:47 15.10.2020
Die Frauenfußball-Mannschaft des FSV Cappel wurde von Christa Vogt (obere Reihe, Vierte von links) im Jahr 1972 gegründet. Quelle: Privatfoto
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Cappel

Am 31. Oktober 1970 hob der Deutsche Fußball Bund (DFB) sein 15 Jahre lang anhaltendes Verbot, Frauenfußball-Abteilungen zu gründen, auf. Das alles geschah auf Druck der Fußballerinnen, die damit drohten, einen eigenen Frauenfußball-Verband zu gründen. Auch im Landkreis gründeten erste Vereine eine Frauenfußball-Abteilung.

Zwei Jahre später hat die damals 25-jährige Christa Vogt (früher Jandrasits) die Idee, eine Fußball-Mannschaft für Frauen beim FSV Cappel zu gründen. „Ich habe eine Suchmeldung in der Oberhessischen Presse geschaltet und es haben sich einige Fußballerinnen gemeldet“, erinnert sich Vogt. Mit der Hilfe einiger Spieler des Cappeler Männer-Teams fanden Sichtungstage statt, bei denen eine Mannschaft zusammengestellt wurde. „Anfangs wurden wir belächelt. Aber die ersten Freundschaftsspiele zeigten, dass wir durchaus talentierte Spielerinnen im Team hatten. Wie zum Beispiel unsere Stürmerin Rosi Richie oder Angelika Pache-Arke, die zu den besten Torfrauen zählte“, sagt Vogt. Vogt, die heute in Arnsberg im Sauerland lebt, war selbst als Spielerin und Leiterin der Frauenfußball-Abteilung des FSV Cappel aktiv.

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„Kurze Zeit nach der Gründung bekamen wir schon Anfragen von anderen Vereinen, die gegen uns spielen wollten. Wir wären für diese Teams aber nur Futter gewesen und dem wollte ich die Mannschaft nicht aussetzen. Also habe ich gesagt, dass wir es richtig machen oder gar nicht“, sagt Vogt. In ihrer Funktion als Kreisleiterin beantragte sie Spielerpässe für das Frauen-Team des FSV Cappel. „Ich führte dann einen ordentlichen Spielbetrieb im Sportkreis Marburg ein. Mit einer Liga. Mit Punkten. So, wie das heute auch der Fall ist“, erklärt Vogt. Dabei entwickelte sich ein Dreikampf zwischen den Fußballerinnen aus Cappel, Marburg und Amöneburg um die ersten drei Ränge in der Tabelle. Nach zwei Jahren der Planung erfolgte im Februar 1974 die Vorstellung der Mannschaft des FSV Cappel. Mit der Einführung eines ordentlichen Spielbetriebs horchten die Kritiker plötzlich auf. „Ich glaube einfach, dass einige Personen dadurch gemerkt haben, dass wir das nicht aus Jux machen“, sagt Vogt.

Das erste Spiel und die Vorstellung des Teams vor Publikum fand im gleichen Monat statt. „Damit haben wir auch eingeführt, dass wir zweimal wöchentlich trainieren. Dabei haben uns aktive Spieler der ersten Mannschaft wie Kurt Arke und Kurt Zöllner unterstützt. Zöllner wurde dann auch unser Trainer“, sagt Vogt. Dabei wird immer wieder deutlich, wie wichtig der Zusammenhalt der Mannschaft war. „Wir haben uns gegenseitig geholfen und haben Wege gefunden, um uns als Team etwas dazuzuverdienen“.

Aber die Erfolge des Cappeler Teams blieben nicht lange unentdeckt. „1976 hat der Sportbund Hessen mit mir Kontakt aufgenommen und hat uns als einzige deutsche Mannschaft zu einem Pfingstturnier nach Rotterdam eingeladen“, erinnert sich Vogt. In der Folge fragte die Mittelfeld-Akteurin bei der Stadt Marburg an, ob das Team eingekleidet werden könnte. „Wir würden in Rotterdam auch als Werbeträger für die Stadt Marburg auftreten, deshalb habe ich bei der Stadt angefragt. Sie haben zugestimmt und uns mit unseren Cappeler Farben blau-weiß eingekleidet“, sagt Vogt. Nach den drei Tagen in den Niederlanden kehrten die Spielerinnen als Turniersieger und mit jeder Menge Erinnerungen nach Marburg zurück. „Das war so ein Ereignis, da habe ich gemerkt, dass wir wirklich etwas bewegt haben“, sagt Vogt.

Ein weiteres Highlight für die Fußballerin war ihre Einladung bei der Sportschule in Grünberg. „Bei der Ankunft haben schon Fotografen auf uns gewartet. Wir waren da eine Woche lang und haben theoretisch und praxisorientiert gearbeitet. Das war natürlich eine Sensation, weil davor nur Bundesligaspieler nach Grünberg gegangen sind“, sagt Vogt. Trotz des Erfolgs blieb der Fokus des Vereins auf der ersten Herrenmannschaft. „Wir haben auf einem ackerähnlichen Platz spielen müssen. Eine Verbesserung gab es erst, als ich neben meinem Amt als Kreisleiterin noch Vorsitzende im Verein wurde“, sagt Vogt.

Auch Neid wurde den Fußballerinnen oft entgegengebracht. „Die Arbeit wurde von Außenstehenden oft einfach nicht gewürdigt. Erst später habe ich auch erfahren, dass der Hessische Fußballverband uns finanziell unterstützt hat. Allerdings ist das Geld nie bei uns angekommen“, sagt Vogt.

Die Frage, ob Vogt das Engagement und ihre investierte Zeit bereue, verneint sie. „Bereut habe ich nichts. Und auch Rückschläge waren nicht frustrierend, weil wir eine tolle Kameradschaft hatten und uns selbst geholfen haben. Ich weiß aber auch, dass wenn man sich sozial engagiert, man keinen Dank erwarten sollte“, sagt Vogt. Wenn Vogt nicht in Arnsberg lebt, verbringt sie ihre Zeit in Spanien, auch deshalb ist der Kontakt zum Frauenfußball im Kreis zum Erliegen gekommen.

Von Leonie Rink