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Lokalsport Goalballer wollen um Medaille spielen
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14:55 24.03.2020
Michael Feistle (rechts) und seine Teamkameraden bei einem EM-Spiel mit Vorjahr. Sollten die Paralympics stattfinden, wollen sie dort eine Medaille holen. Quelle: Jens Büttner/dpa
Marburg

Für Michael Feistle ist ganz klar: „Die Gesundheit der Menschen steht über allem.“ Er hat „vollstes Verständnis für alles, was nötig ist, um die Corona-Pandemie einzudämmen“. Ja, dazu gehöre es auch, Sportveranstaltungen vorerst abzusagen. Aber nicht die Olympischen Spiele, auch nicht die Paralympics, die im Sommer in Tokio stattfinden sollen – zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt: „Es sind noch mehrere Monate bis dahin. Gefühlt kann sich die Situation binnen weniger Tage, sogar binnen Stunden verändern.“ Es bestünde schließlich die Hoffnung, dass in ein paar Wochen in der Fußball-Bundesliga wieder gespielt werden kann. „Warum soll es dann keine Chance geben, dass die Spiele stattfinden können?“

Der 27-jährige Marburger hat einen Traum: Er will mit der deutschen Goalball-Nationalmannschaft eine Medaille bei den Paralympics gewinnen. Vor ein paar Jahren schien das noch illusorisch. 2016 war das Team in Rio gerade noch so ins Feld gerutscht. In der Vorrunde reichte ein Sieg gegen Algerien zum Einzug ins Viertelfinale, in dem Feistle und seine Teamkameraden gar an einer Überraschung gegen das spätere Silber-Team der Vereinigten Staaten schnupperten. Erst kurz vor dem Spielende kassierten sie das Gegentor zum 6:7-Endstand. „Das war keine Enttäuschung. Da waren wir einfach froh, dabei zu sein.“ Doch diesmal will die Mannschaft mehr. Wenn es nach Feistle geht: Gold!

Feistle ist überzeugt: Jeder Gegner ist schlagbar

Der Torjäger, aus sportlichen Gründen Anfang des Jahres von der SSG Blista zum Rostocker GC Hansa gewechselt, aber weiterhin in Marburg zu Hause, gehört der Nationalmannschaft seit 2012 an. Zu dieser Zeit war die deutsche Auswahl „meilenweit von den Topteams entfernt“. Das hat sich geändert: „Wir haben uns in den vergangenen Jahren gefunden, sind immer stärker geworden. Ich bin sicher: Wir können jeden besiegen.“ Sogar Brasilien.

2018, bei der Weltmeisterschaft im schwedischen Malmö, waren die Südamerikaner im Finale für Feistle und Co. zu stark, sicherten sich mit einem 8:3-Sieg den Titel. Aber die deutsche Mannschaft war in der Weltspitze angekommen. Auf kontinentaler Ebene bestieg sie im Herbst vergangenen Jahres den Thron, als sie die Heim-EM in Rostock für sich entschied. Sie bezwang dabei unter anderem die in Europa lange führenden Litauer im Halbfinale (4:3), ehe sie im Endspiel die ähnlich stark eingeschätzte Auswahl aus der Ukraine besiegte (6:2).

Lieber verschieben als ganz absagen

„Das war ein Riesending“, blickt Feistle zurück, ergänzt aber sofort: „Die Paralympics sind noch mal eine ganz andere Kategorie. Sie sind für uns das Größte.“ Und deshalb arbeiten er und seine Mannschaftskollegen auch darauf hin, haben ihr Training voll auf die Spiele, die vom 25. August bis 6. September ausgetragen werden sollen, ausgerichtet. Aktuell ist an Teameinheiten aber gar nicht zu denken. Feistle hält sich zu Hause mit Kraft- und Konditionstraining fit, „so gut es eben geht“, befasst sich zudem mit möglichen Gegnern: Anhand von Videomaterial – seine Restsehstärke lässt das zu – analysiert er Stärken und Schwächen. Das alles, um möglichst gut vorbereitet zu sein, sollte im Spätsommer in Tokio gespielt werden können.

Und wenn nicht? „Dann hoffe ich, dass die Spiele nachgeholt und nicht komplett abgesagt werden.“ Trainingspläne müssten neu erarbeitet, Berufliches und Sportliches neu koordiniert werden. „Das würde uns vor manche Probleme stellen“, sagt Feistle, aber: „Lieber das, als dass uns die Chance auf eine Medaille ganz genommen wird!“

Goalball

Goalball ist die weltweit beliebteste Sportart für Menschen mit Sehbehinderungen. Zwei Mannschaften mit jeweils drei Spielern, die lichtundurchlässige Masken tragen, stehen sich auf einem 18 Mal 9 Meter großen Feld gegenüber. Die Tore reichen über die gesamte Breite und sind 1,3 Meter hoch. Ziel ist es, einen Klingelball flach so zu werfen, dass er im gegnerischen Tor landet – beziehungsweise als verteidigendes Team dies zu verhindern, indem man sich in den Weg des Spielgeräts legt. Ein Spiel dauert in der Regeln insgesamt 24 Minuten, aufgeteilt auf zwei Halbzeiten. Führt eine Mannschaft mit 10 Toren Abstand, endet die Partie sofort.

Von Stefan Weisbrod