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13:58 22.08.2021
Gert Mauersberger hat nie vergessen, wo er herkommt: aus Marburg, wo er noch oft zu Besuch ist.
Gert Mauersberger hat nie vergessen, wo er herkommt: aus Marburg, wo er noch oft zu Besuch ist. Quelle: Foto: Ina Tannert
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Marburg/München

Es gibt Menschen, denen können noch so schlimme Dinge passieren, und doch lassen sie sich davon nicht unterkriegen. Einer dieser Menschen ist der Marburger Gert Mauersberger.

„Bei mir wurde Magenkrebs diagnostiziert. Als ich die Diagnose erhalten habe, fragte ich mich sofort: ,Warum soll nicht gerade ich das überstehen?’“, erzählt Mauersberger. Nach der achtstündigen Operation ließ er sich von einem Krankenpfleger fotografieren: „Das Foto habe ich an Freunde und Bekannte geschickt, um zu zeigen, dass es jetzt wieder bergauf geht“, sagt er. Zu dieser Zeit war der heute 68-Jährige bereits Abteilungsvorstand Schiedsrichter beim FC Bayern München, obwohl Mauersberger erst relativ spät, mit 42 Jahren, seine Ausbildung zum Unparteiischen abschloss. „Mein Sohn Jan ist mit neun Jahren in die E-Jugend zum FC Bayern gewechselt. Weil dort aber keine Schiedsrichter die Spiele pfiffen, haben wir Eltern uns irgendwann abgewechselt“, erinnert sich der Abteilungsvorstand.

Zufällig zum Schiedsrichter geworden

Eines Tages kam der Trainer seines Sohnes auf ihn zu, der ihm erklärte, wie gut Mauersberger die Partien leitete. „So kam das eine zum anderen. Spiele zu leiten war für mich kein Problem, weil ich auch in Marburg schon Basketball-Spiele gepfiffen hatte“, merkt Mauersberger an, der aufgrund seiner damaligen Freundin nach München gekommen war und dort blieb.

Seine gute Arbeit brachte ihm den Posten des Stellvertretenden Abteilungsleiters der Schiedsrichter ein – und sie blieb auch dem Präsidium nicht verborgen. Eines Tages wurde der Marburger vom damaligen FC-Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß in sein Büro gebeten.

„Ich habe mir erstmal nichts Schlimmes dabei gedacht. Ich wusste bereits, dass es um die Schiedsrichter-Abteilung ging“, berichtet Mauersberger. Im Gespräch fragte Hoeneß, wieso das Schiedsrichterwesen auf dem Boden liege und was der Verein dagegen tun könne. „Ich habe dann eine Präsentation erarbeitet, wie ich mir die Abteilung in Zukunft vorstelle, und diese dem Präsidium vorgestellt“, sagt Mauersberger, der sich bei der anstehenden Wahl bewarb und zum Abteilungsvorstand gewählt wurde.

„Weil es sich um eine ehrenamtliche Arbeit handelt, ist unsere eigentliche Belohnung, die Endspiele im DFB-Pokal oder in der Champions League mit dem FC Bayern München hautnah zu erleben“, merkt der Fan des Fußballvereins an. Früher seien ihm Niederlagen „seiner“ Bayern so nahe gegangen, dass er bei einer Pleite die ganze Woche schlecht gelaunt war. Heute sehe er das etwas gelassener.

Trotz der vielen bekannten Persönlichkeiten, die er kennt oder täglich trifft, ist ihm eine Person noch immer in ganz besonderer Erinnerung geblieben: „In den 1970er-Jahren habe ich neben dem Studium als Chauffeur gearbeitet. Dabei habe ich Muhammad Ali gefahren. Er wollte gerne das Konzentrationslager in Dachau sehen. Also habe ich dort angerufen, uns beide angekündigt und ihm eine zweistündige Führung durch das KZ gegeben. Für den Publikumsverkehr war das KZ in dieser Zeit gesperrt.“

Auf die Frage, warum gerade der Boxer Mauersberger im Gedächtnis geblieben ist, antwortet er, dass Ali eine spezielle Ruhe und Gelassenheit ausgestrahlt habe und ein angenehmer Mensch gewesen sei. Vergessen hat der 68-Jährige dabei aber nie, wo er herkommt: aus Marburg, wo er noch regelmäßig mit seiner Ehefrau Renate zu Besuch ist. Auch in diesem Fall entschied der Zufall: „Meine Frau und ich sind 1959 zusammen eingeschult worden, dann hatten wir aber keinen Kontakt mehr. Bei einem meiner Besuche in Marburg haben wir uns 1980 zufällig auf der Straße getroffen. Seither sind wir ein unschlagbares Team.“

Von Leonie Rink