Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport SV Kirchhain verlässt die Fußballbühne
Sport Lokalsport Lokalsport SV Kirchhain verlässt die Fußballbühne
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:00 05.04.2022
Der Ball lag lange bereit, aber niemand wollte ihn spielen. Jetzt zieht der SV Kirchhain die Reißleine. 
Der Ball lag lange bereit, aber niemand wollte ihn spielen. Jetzt zieht der SV Kirchhain die Reißleine.  Quelle: Tobias Hirsch
Anzeige
Kirchhain

Es war keineswegs eine Schnapsidee, die vor 55 Jahren dazu führte, den Spielverein (SV) Kirchhain aus der Taufe zu heben. Es schien einfach an der Zeit zu sein, einem zweiten Sportverein neben dem Turn- und Sportverein (TSV) Kirchhain eine Chance zu geben, sich zu einer konstanten Größe in der Kirchhainer Sportwelt zu etablieren.

Seinerzeit waren es Menschen wie unter anderen Oskar Gies, der inzwischen verstorbene langjährige erste Vorsitzende und Gönner des Vereins, Johann Mück, Paul Leege und Adolf Erlemann, die die Initiative ergriffen, um in die Fußballszene des hiesigen Landkreises einzusteigen. In Ermangelung eines geeigneten Sportgeländes in der Kernstadt wich der Verein in den ersten Jahren nach Burgholz aus. Später gelang es durch die Vermittlung des Metzgermeisters Mück, das Sportgelände am Wohrasandfang als Spielstätte in der B-Klasse zu gewinnen. Als Vereinslokal firmierte die legendäre Gaststätte „Zum kalten Frosch“, in der so manch heiße „Schlacht“ geschlagen wurde.

Die Jugendarbeit kommt zum Erliegen

Es dauerte etliche Jahre, ehe sich die Fußballer des SV sportlich nach oben orientierten und unter Trainer Vojin Dejanovic 1979 den ersten Aufstieg in die A-Klasse schafften. In diesem Jahr entstand auch durch Eigenleistung der SV-Familie das Vereinslokal. Später kam ein Ausweichplatz hinzu. Der Höhenflug erhielt mit einem zwischenzeitlichen Abstieg einen Dämpfer. Doch 1985 gelang der erneute Aufstieg. Es war ein fußballhistorisch bedeutsames Datum, denn als der SV am 29. Mai vor sage und schreibe 2 300 Zuschauern in Stadtallendorf mit einem Sieg gegen den VfL Neustadt in die A-Klasse zurückkehrte, ereignete sich auf europäischer Ebene am selben Abend in Brüssel beim Spiel zwischen Liverpool und Juventus Turin eine Katastrophe, bei der 39 Menschen ums Leben kamen.

„Für den kleinen SV Kirchhain folgten 30 Jahre mit durchaus achtbaren Erfolgen“, erinnert sich Jürgen Schütze, der aktuell 2. Vorsitzende des SV. Nach Aufstiegen in die Bezirksliga und Bezirksoberliga befand man sich mit dem Konkurrenten TSV Kirchhain einige Zeit auf Augenhöhe. Damals setzten Trainer wie unter anderen Hans-Joachim Schlitt, Günther Schampel, Willi Seibel und Manfred Gröning sowie später Achim Gleim und das Gespann Dieter Heiner/Sepp Viertelhausen ihre Akzente. „Ihnen haben wir viel zu verdanken“, betont Klaus Fischer, der zurzeit dem Verein vorsitzt.

Unvergessene Feier zum 25-Jährigen

Unvergessen bleibt die Feier zum 25-jährigen Bestehen des SV Kirchhain, die mit einem Kommers ihren Auftakt nahm. Sportlich gaben sich auf dem Gelände des SV die Mannen einer Traditionsmannschaft die Ehre, die mit Nationalspielern wie Wolfgang Overath, Bernd Hölzenbein, Klaus Fischer und den Gebrüdern Förster gespickt war. Schlagerstar GG Anderson begeisterte seine Fans im riesigen Festzelt.

Doch die rosigen Zeiten trübten sich alsbald. Etliche Spieler verließen den Verein, der vor allem das Familiär-Gemeinschaftliche als eine seiner Stärken hervorkehrte. Was bislang für viele Spieler der Grund war, sich dem SV anzuschließen, verfing offenbar immer weniger. Schließlich führte der komplette Abgang der A-Jugend samt Trainer zu einem anderen Verein zum Erliegen der Jugendarbeit. „Wir haben immer wieder mit Werbeaktionen versucht, neue Nachwuchsspieler zu rekrutieren“, sagt Fischer. Aber es sollte nicht gelingen. Als dann auch noch einige altverdiente Spieler ihre Schuhe an den Nagel hängten, ging es langsam bergab.

Während sich die großen Klubs über Fördervereine ihren Nachwuchs sicherten und die kleinen mit Spielgemeinschaften versuchten, sich über Wasser zu halten, verdichtete sich die Erkenntnis, dass sich die sportlichen Interessen der Jugend verlagert haben. „Dies war und ist ein schleichender Prozess, den nur wenige auf der Rechnung hatten“, räumt Schriftführer Marius Weber ein.

Keine Bereitschaft für Verantwortung

Der Gedanke an eine Verjüngung der Führungsspitze des Spielvereins lag nahe. „Doch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und Vereinstreue zu beweisen, ist bei der Jugend offenbar nicht mehr so ausgeprägt“, sagt Fischer mit Wehmut und Trauer in der Stimme, „dort herrscht eher die Meinung vor, dass es die Alten schon machen werden. Aber es gelang uns nicht.“ Schließlich spiele das Geld eine immer wichtigere Rolle. „Wir mussten erkennen: Aus Spaß alleine will keiner mehr Fußball spielen.“ Weber ergänzt: „Wir sind zunehmend von den Bedingungen einer Erfolgsgesellschaft geprägt. Die Vermittlung sozialer Kompetenzen als ein Ziel der Vereinsarbeit geht verloren.“

Die Perspektiven für den SV Kirchhain verengten sich zusehends. Also haben sich die Verantwortlichen an den TSV Kirchhain gewandt, um Gespräche über eine Zusammenführung aufzunehmen. Die verliefen bislang recht fruchtbar. „Unsere Gesprächspartner sind der Vorstand der Fußballabteilung des TSV Kirchhain und Bürgermeister Olaf Hausmann in Zusammenarbeit mit Dirk Lossin, dem Vorsitzenden des TSV“, sagt Fischer und lobt die „fairen, hilfs- und lösungsorientierten Gespräche“. Der schuldenfreie SV Kirchhain wird aufgelöst, der Prozess ist aktuell noch im Gange.

Von Bodo Ganswindt