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Lokalsport Der Klassekeeper kehrt als Stürmer zurück
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11:00 08.03.2022
Stephen Jäckel pariert im Trikot des FSV Fernwald einen Schuss von Stadtallendorfs Felix Nolte. Bei der SG Dautphetal gibt Jäckel nun selbst den Stürmer.
Stephen Jäckel pariert im Trikot des FSV Fernwald einen Schuss von Stadtallendorfs Felix Nolte. Bei der SG Dautphetal gibt Jäckel nun selbst den Stürmer. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Mornshausen/D

Eigentlich ist Stephen Jäckel bei der SG Dautphetal schon seit dem vergangenen Sommer zurück – jedoch erst seit einigen Wochen so richtig. Zuletzt war der 27-Jährige für ein halbes Jahr in Litauen, machte aus diesem Grund beim Biedenkopfer A-Kreisligisten nur die Sommervorbereitung mit und stand erst zweimal auf dem Spielfeld. Für die Fußball-Spielgemeinschaft des TSV Mornshausen/D. und der Spvgg Dautphe war die Verpflichtung des Torhüters nicht weniger als ein Königstransfer. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass sich ein Spieler im besten Fußballeralter mit Erfahrungen aus der Junioren-Bundesliga, Hessenliga und Regionalliga einem A-Ligisten anschließt.

Für Jäckel, der gerade an der Justus-Liebig-Universität Gießen an seiner BWL-Masterthesis schreibt und deshalb ohnehin sportlich kürzertritt, hat sich der Schritt jedoch als richtig erwiesen. „Die zwei Monate Vorbereitung und die zwei Spiele mit der Mannschaft haben mir sehr viel Spaß gemacht. Es war das erste Mal seit Langem, dass ich mal wieder richtig Spaß am Fußball hatte. Dieser Spaß war in den Jahren davor verloren gegangen“, erzählt Jäckel, der in seiner Karriere schon einiges mitgemacht hat: In seinen jungen Jahren musste der 1,91 Meter große Torhüter schon fast ein halbes Dutzend Mal operiert werden – an der Hand und an der Schulter. Zeitweilig musste er seine Handschuhe für elf Monate am Stück beiseite legen. „Das merkt man schon, obwohl es mit 27 nicht so sein sollte“, sagt Jäckel.

Bis zur D-Jugend spielte er in seinem Heimatort Mornshausen an der Dautphe, in der Folge zwei Jahre beim VfL Biedenkopf und eine Saison beim VfB Marburg. Mit dem Ziel, in Richtung Profikarriere einzuschlagen, zog es ihn im ersten B-Junioren-Jahr zu Rot-Weiß Erfurt. „Zum einen, weil es dort ein Internat gab, und zum anderen, weil sich der Verein sehr um mich bemüht hatte“, erzählt Jäckel, dem das Flüggewerden zunächst „gar nicht so leicht“ fiel. „Das Heimweh war manches Mal etwas größer“, sagt er, kann heute darüber schmunzeln. Auch anschließend beim 1. FC Kaiserslautern lebte er im Internat, als junger Kicker des SV Wehen Wiesbaden erstmals in seiner eigenen Wohnung.

Von Verzicht will Jäckel jedoch nicht sprechen, wenn er an diese Zeiten denkt – im Gegenteil: „Ich habe es oft so empfunden, als sei man mit seiner Mannschaft das ganze Jahr auf Klassenfahrt. Die Teamkollegen waren wie Mitschüler“, vergleicht der Keeper, dem im Sommer 2014 mit dem Wechsel zum Hessenligisten TSV Eintracht Stadtallendorf klar wurde, dass es für eine Profikarriere nicht reichen wird.

Gegen die TSG Hoffenheim II um den heutigen BVB-Torhüter Gregor Kobel kam Jäckel im September 2016 im Trikot des SC Teutonia Watzenborn-Steinberg immerhin zu einem 13-minütigen Einsatz in der Regionalliga – es blieb der einzige für den Torwart, der danach noch für den FC Gießen und FSV Fernwald spielte.

Viele Leute kennengelernt 

Trotz dem verfehlten Ziel Profizirkus hat es der Mornshäuser nicht bereut, dass er so viel Aufwand für den Fußball betrieben, für seine Leidenschaft viel zurückgesteckt hat, denn: „Durch den Fußball habe ich viele Leute kennengelernt, mit denen ich auch heute noch Kontakt habe. Und der Fußball hat mir ermöglicht, ein für einen Studenten perfektes Leben zu führen. Ich konnte mir mit Fußball mein komplettes Studium finanzieren“, gibt Jäckel zu bedenken.

Bei der SG Dautphetal bekommt er nun ermöglicht, worauf er auch schon immer Lust hatte: eine Trainertätigkeit. Mit dem bisherigen Coach Markus Tiemann bildet Jäckel ab sofort und über die Saison hinaus das Trainergespann. Er tritt damit an die Stelle seines Kumpels Johann Tissen, der jüngst aus beruflichen Gründen nach Gießen gezogen ist, wo auch Jäckel lebt. Spieler bleibt Jäckel bei den Kombinierten – allerdings nicht zwischen den Pfosten.

„Als ich im Sommer kam, war die Prämisse, dass ich im Feld spiele“, erzählt Jäckel und lacht. „Das hat bisher auch gut geklappt, ich habe in drei Spielen vier Tore gemacht.“ Bedarf fürs Tor sehe er ohnehin nicht, schließlich verfüge der Verein in Jonas Schmidt über „mit den besten Torwart in der Liga“.

Zehn Punkte trennen die SG nach dem 4:1 zum Rückrundenauftakt am vergangenen Sonntag gegen den FV Breidenbach II von Spitzenreiter SG Versbachtal. Dass es mit oder ohne seine Tore noch für den Aufstieg reicht, glaubt Jäckel aber nicht. „Das ist utopisch“, sagt der zum Angreifer umfunktionierte Keeper. „Ziel ist es, in der oberen Tabellenhälfte zu bleiben. Würden wir das schaffen, wäre es schon ein Erfolg.“

Von Marcello Di Cicco