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Großer Zusammenhalt prägt kleinen Verein
Großer Zusammenhalt prägt kleinen Verein
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12:59 27.11.2021
Kreisliga B Marburg; FC Sindersfeld vs. SV Erfurtshausen. Lucien Fleischhammel (Sindersfeld, rechts) und Conrad Bieneck (Erfurtshausen).
Kreisliga B Marburg; FC Sindersfeld vs. SV Erfurtshausen. Lucien Fleischhammel (Sindersfeld, rechts) und Conrad Bieneck (Erfurtshausen). Quelle: Tobias Hirsch
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Erfurtshausen

Mit dem Aufstieg wird der SV Erfurtshausen in dieser Fußballsaison wohl nichts zu tun haben. Den achten Platz belegt das Team aus dem kleinsten Stadtteil von Amöneburg in der Kreisliga B Marburg I zur Winterpause, elf Punkte trennen die Mannschaft um Spielertrainer Philipp Luzius von Spitzenreiter SV Emsdorf II – wobei die zweite Garde des Gruppenligisten an diesem Sonntag (14.30 Uhr) in einem Nachholspiel gegen Langenstein den Abstand noch vergrößern kann.

An Nikolaus gibt’s Präsente

„Für den ganz großen Wurf wird es nicht reichen, das ist uns klar“, sagt Spielführer und Torhüter Philipp Jakobi (28), „aber die Top fünf sind schon das Ziel.“ Nikolas Dippell (22), Kapitän der zweiten Mannschaft, ergänzt: „Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass das möglich ist.“ Da machte der SVE den Topteams um Sindersfeld (0:3) und Bracht (1:3) zumindest das Leben ziemlich schwer.

Fußball und Erfurtshausen – es ist eine Mischung, die einfach passt. Auch wenn der Verein in den vergangenen 15 Jahren nur zweimal den Sprung in die Kreisliga A geschafft hat, das kleine Dorf am Rande des Landkreises hat einige bekannte Sporttreibende hervorgebracht – etwa die Rasiejewski-Brüder Jens (Ex-Profi) und Manuel oder die ehemalige Regionalligaspielerin Elena Luzius, jüngere Schwester von Spielertrainer Philipp Luzius.

Womöglich ist es die urige Lage des Sportplatzes, gut einen Kilometer vom Ortsrand mitten im Wald gelegen, die zur Fußball-Romantik in Erfurtshausen beiträgt. Klar dürfte aber vielmehr sein: Der knapp 220 Mitglieder zählende Verein tut viel, damit sich Fußballer bei ihm wohlfühlen, und er reiht sich nahtlos in die Dorfkultur ein, die von Gemeinschaft geprägt ist: „Ob Winterzauber, Backhaus – bei uns im Dorf arbeiten alle Hand in Hand, generationsübergreifend. Es wird einfach unheimlich viel geleistet“, lobt Eckhardt Schraub (64), waschechter Erfurtshäuser und seit knapp zwei Jahrzehnten Fußball-Abteilungsleiter beim SVE, dessen Mannschaft selbst mit gutem Beispiel vorangeht und am 5. Dezember anlässlich Nikolaus im Ort kleine Präsente an Kinder verteilt – wie schon im Vorjahr.

Dies ist nur eines von zahlreichen Engagements der Kicker – und es kommt nicht von ungefähr, wie Jakobi weiß: „Wir haben fast durchweg Spieler, die aus dem Ort kommen oder Verbindung zum Ort haben – sei es wegen Familie, Freunden, Freundin oder Arbeitskollegen. Wir sind Kumpels, die auch außerhalb von Fußball viel zusammen machen, teilweise schon seit der Jugend zusammenspielen. Das schweißt zusammen.“

Das gemeinsame Umsetzen von alltäglichen Projekten gehört dabei genauso dazu wie das Beisammensein nach Spielen, wofür die Erfurtshäuser inzwischen sogar im Fußballkreis Alsfeld bekannt sind. Die zweite Garde des B-Ligisten spielt seit vergangener Saison im benachbarten Fußballkreis. „Uns ging es auf die Nerven, dass damals in der Reserveklasse die Spiele abgesagt wurden oder nicht stattfanden, weil es keine Gegner gab“, erzählt Dippell, wie es zu dem Wechsel kam. Die deutlich weiteren Fahrtwege nehmen die Fußballer der zweiten Mannschaft jedoch gern in Kauf.

Den Ortsbezug kann man beim SVE auch an Zahlen ablesen: Der 35-Mann-Kader für beide Teams setzt sich aus 21 Erfurtshäusern zusammen, die restlichen Spieler kommen aus benachbarten Orten. „Die spielen hier, weil es ihnen einfach unheimlich gut gefällt“, meint Schraub, der zu dem Schluss kommt: „Manch andere Vereine beäugen uns neidisch. Wer hat denn noch Reserven in unserer Liga?“, fragt der 64-Jährige vielsagend.

Dabei ist dem Fußball-Abteilungsleiter gerade dies eine Herzensangelegenheit, denn: „Wir haben Erfurtshäuser, die es nicht schaffen, sich in der ersten Mannschaft einen Stammplatz zu erspielen. Doch die wollen auch Fußball spielen. Sie müssen die Möglichkeit haben, hier zu kicken. Deshalb braucht es eine Reserve. Das ist für mich das Wichtigste.“ Wie viele andere kleine Vereine bildet der SV Erfurtshausen mit benachbarten Vereinen eine Jugendspielgemeinschaft, die JSG Stadt Amöneburg.

Weil aus dem Nachwuchsbereich aber nicht in regelmäßigen Abständen eine feste Anzahl an Spielern in den Seniorenbereich aufrückt, schnürt auch so mancher Ü-40-Kicker noch die Schuhe – etwa Spielertrainer Luzius, der auch mit seinen 40 Lenzen noch regelmäßig seine Tore schießt, auch wenn dies am Ende der Saison womöglich nicht zum Aufstieg reichen wird.

Aufstieg „größter Wunsch“

Beim SVE hofft man dennoch darauf, verrät Jakobi, dessen „größter Wunsch“ es ist, „mit dem Verein noch mal aufzusteigen – alleine für die jungen Spieler und den Ort, hier würde dann die größte Ekstase ausbrechen“, meint der gebürtige Erfurtshäuser. Um jeden Preis wird dies beim SVE aber nicht erzwungen.

Bessere Spieler dazuzuholen, nur um den Klassensprung zu schaffen – dies ist nicht nur für Schraub, sondern auch für den stellvertretenden Kapitän Jonas Baumgarten (28), ebenfalls gebürtig aus Erfurtshausen, nicht denkbar: „Das, was möglich ist, versuchen wir zu machen. Aber wir wollen kein Ungleichgewicht in die Mannschaft bringen, indem einer Geld beziehungsweise einer mehr Geld bekommt und es deshalb Ärger gibt, weil sich jemand ungerecht behandelt fühlt. So macht man sich unnötig ein gutes Team kaputt.“ Dies ist das Letzte, was man bei dem kleinen Verein mit dem großen Zusammenhalt will.

Von Marcello Di Cicco