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Auf der letzten Rille nach Frankfurt
Auf der letzten Rille nach Frankfurt
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09:58 21.03.2021
Kristian Gaudermann (links, gegen Ulms Robin Heußer) ist nur einer von vielen Spielern, auf die die Stadtallendorfer Eintracht an diesem Samstag gegen den FSV Frankfurt verzichten muss.
Kristian Gaudermann (links, gegen Ulms Robin Heußer) ist nur einer von vielen Spielern, auf die die Stadtallendorfer Eintracht an diesem Samstag gegen den FSV Frankfurt verzichten muss. Quelle: Thorsten Richter
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Stadtallendorf

„Bisher war es gefühlt immer weit weg, bis man es dann selber hat. Dann macht man sich Gedanken – auch wenn wir nicht zur Risikogruppe gehören“, sagt ein nachdenklicher Kristian Gaudermann. Wie fünf seiner Mitspieler des Fußball-Regionalligisten TSV Eintracht Stadtallendorf hatte sich der Kapitän mit dem Coronavirus infiziert, spricht mit der OP ganz offen über seinen Krankheitsverlauf, der „nie richtig schlimm“ gewesen sei. Doch komplett genesen ist „Gaudi“ auch nicht. „Ich merke schon, wenn ich die Treppe hochlaufe, dass es noch nicht ist wie vorher“, sagt er.

Wegen noch andauernder Quarantäne wird der 25-Jährige an diesem Samstag (14 Uhr) nicht auflaufen können, wenn der Tabellenletzte nach zwei Spielausfällen in Folge beim Liga-Sechsten FSV Frankfurt gastiert. Generell, lassen die Verantwortlichen durchblicken, ist die personelle Situation wegen Corona, (Langzeit-)Verletzten und zwei Sperren angespannt. Sehr angespannt! „Es sieht ziemlich bescheiden aus“, redet Stadtallendorfs Fußball-Präsident Reiner Bremer nicht um den heißen Brei.

Lediglich zehn Feldspieler und zwei Torhüter hatte Trainer Dragan Sicaja vor dem Abschlusstraining am Freitagabend zur Verfügung; sie sollen gegen die Bornheimer im Kader stehen, vermutlich auch die seit Monaten verletzten Perry Ofori und Matthias Pape. „Sie haben im Training nur erste Schritte gemacht – laufen, Passspiel“, lässt Sicaja durchblicken, dass beide Abwehrspieler noch nicht einsatzbereit sind – zumal ihnen obendrein jegliche Spielpraxis fehlt.

Dass ein Antrag der Herrenwälder auf Spielverlegung von der Regionalliga-Gesellschaft beziehungsweise der Spielkommission jüngst abgelehnt wurde (die OP berichtete am Donnerstag), ärgert Bremer und Sicaja. „Dass wir mit unseren Mitteln in Corona-Zeiten keinen Kader von 27 Spielern haben können, sollte jedem einleuchten. Wir haben einen Kader von 21 Spielern. Damit kommst du über die Runden – aber nicht, wenn dich das Virus gepackt hat“, gibt der Fußball-Chef zu bedenken – und er findet nicht als einziger, dass dem Verein vonseiten der Regionalliga GbR „übel mitgespielt“ wird.

Auch der Coach lässt kein gutes Haar an den Entscheidern, ihn ärgert die Ignoranz von so manchem. „Ich habe kein Problem damit, auf sportlichem Weg abzusteigen. Ich bin der Letzte, der einen Saisonabbruch fordert, damit wir die Klasse halten“, sagt Sicaja. „Dass man aber keine Rücksicht nimmt, wenn es um die Gesundheit von Menschen geht, ärgert mich.“

Sicaja: „Werden erhobenen Hauptes nach Hause fahren“

Der Kroate appelliert an das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein und kommt mit Blick auf das Vorgehen der Verantwortlichen, aber auch jener Vereine, die auf einen Re-Start mitten in der Pandemie drängten, zu dem Schluss: „Es bestimmen immer die Mächtigen. Die Gesellschaft entwickelt sich in eine falsche Richtung – ohne Werte, ohne Moral“, kritisiert der 54-Jährige, der sich – allen Widerständen zum Trotz – kämpferisch gibt gegen Bornheimer, die wegen Corona-Fällen im Team ebenfalls schon pausieren mussten.

„Jeder unserer Jungs wird 90 Minuten spielen. Mehr als verlieren können wir nicht. Wir werden die Situation sportlich annehmen – auch wenn es unter diesen Umständen nichts mit Sport zu tun hat“, sagt Sicaja, der verspricht: „Wir werden den Sprit raushauen, den wir im Kanister haben und danach erhobenen Hauptes nach Hause fahren.“ Der ganz große Druck, so der TSV-Coach, sei ohnehin weg, denn: „Wenn wir ehrlich sind, würden wir es schwer haben, selbst wenn wir ab jetzt alle Spiele gewinnen würden“, sagt der 54-Jährige angesichts von 22 Punkten Rückstand zum rettenden Ufer.

Bereits am kommenden Dienstag (19 Uhr) steht für die Herrenwälder die nächste Partie an, in einem Nachholspiel muss die Eintracht dann bei der SV Elversberg ran. „Wir werden uns überlegen müssen, ob wir spielen werden“, sagt Sicaja ganz offen, zumal sich die personelle Situation nicht bessern dürfte – nicht nur wegen Corona, auch weil weitere Verletzte nach dem Frankfurt-Spiel hinzukommen könnten. Für Kristian Gaudermann reicht es wegen der Quarantäne sicher nicht, um wieder dabei zu sein. Zumal ihn eine gewisse Unsicherheit begleitet, wie er zugibt – denn: „Die Symptome sind zwar weitestgehend weg, aber ich weiß ja nicht, wie mein körperlicher Zustand bei Belastung sein wird.“

Von Marcello Di Cicco