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Lokalsport Nicht alle finden Regelverschärfung gut
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15:58 07.02.2020
Schiedsrichter Tobias Stieler zeigt dem Mönchengladbacher Alassane Pléa Gelb-Rot. Quelle: imago
Marburg

Die Clubs sind vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Winterpause darüber informiert worden, dass Schiedsrichter in der Rückrunde schneller Gelbe Karten bei Beschwerden von Trainern und Spielern zücken würden.

Daraus entstand spätestens am Wochenende eine hitzige Debatte, nachdem Borussia Mönchengladbachs Alassane Pléa beim 2:2 im Spitzenspiel bei RB Leipzig Gelb-Rot gesehen hatte. Pléa war zunächst wegen Meckerns verwarnt worden und hatte anschließend weitere abfällige Gesten in Richtung von Schiedsrichter Tobias Stieler gemacht.

Stieler erhielt nach seinem heftig kritisierten Platzverweis Rückendeckung vom DFB. „Wir haben eine klare Linie zum Vorgehen gegen Unsportlichkeiten im Vorfeld der Rückrunde definiert und kommuniziert. Beiden Gelben Karten gegen Pléa lagen klare Unsportlichkeiten zugrunde“, sagte Peter Sippel, Leiter Training und Qualifizierung im DFB, in einer Verbandsmitteilung.

Schalke-Trainer „blickt“ das nicht

Trainer David Wagner vom Bundesligisten FC Schalke 04 hat die schärfere Regelauslegung im neuen Jahr beim Reklamieren kritisiert. „Ich finde die Herangehensweise nicht richtig, auch falsch“, sagte Wagner.

Speziell ein möglicher Zusammenhang zwischen Attacken auf Schiedsrichter im Amateurbereich und daraus resultierendem härteren Durchgreifen in der Bundesliga mache für ihn keinen Sinn. „Ich blicke den Zusammenhang nicht. Das ist konstruiert. Wir haben in der Bundesliga keine Jagdszenen“, sagte Wagner weiter.

Was sagen unter anderem 
Trainer und Schiedsrichter aus der heimischen Region zu dieser schärferen Regelauslegung?

Kleemann: Zeitpunkt spielt keine Rolle

„Der Respekt muss natürlich immer da sein, aber es wird schon gebremst, dass man seinen Emotionen freien Lauf lassen kann. Nur weil es mal ein lauteres Wortgefecht gibt, muss das nicht immer sofort bestraft werden“, sagt Jean Michel Kleemann, Spieler des Verbandsligisten Sportfreunde Blau-Gelb Marburg.

Schwierig werde es einzuschätzen, wie die einzelnen Schiedsrichter das handhaben. „Auch die haben ein unterschiedliches Auftreten, und es gibt auch mal einen arroganten Vertreter, mit dem man dann anders umgeht“, sagt Kleemann. Zur Frage, ob der Zeitpunkt der Regeleinführung eine Rolle spielt, sagt er: „Für alle sind die Regeln gleich und gelten auch ab dem gleichen Zeitpunkt. Das spielt keine Rolle.“

Meier: Jeder Spieler kritisiert alles

Der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter Urs Meier spricht sich dafür aus, das Reklamieren auf dem Fußballplatz nur dem Kapitän zu überlassen. „Ich würde mir wünschen, dass nur die Spielführer mit den Schiedsrichtern diskutieren dürften – so wie es ursprünglich einmal vorgesehen war“, sagte der Schweizer im Interview von „Spox“ und „Goal“. „Heute wird jede Entscheidung, jeder Einwurf, jedes noch so klare Foul von jedem Spieler kritisiert. Als Schiedsrichter denkst du dir: Verdammt noch mal! Denkt ihr, ich bin ein Idiot?“

Für Julius Martenstein, stellvertretender Kreisschiedsrichterobmann und Assistent in der 2. Bundesliga, war die Entscheidung „längst überfällig“. Die Aufregung um den Zeitpunkt sei eine Ausrede. „Die Regelung ist für alle klar kommuniziert, und da macht der Zeitpunkt keinen Unterschied.“

Mit Verweis auf die vieldiskutierte Gelb-Rote-Karte für Alassane Pléa sagt er: „Ich glaube spätestens, wenn wir das noch ein oder zwei Mal gesehen haben, hat es auch wirklich der Letzte verstanden.“ Die Herausforderung sei nun, dass alle Schiedsrichter das nun gleichermaßen durchziehen. „Die Regel gilt zwar speziell für die ersten Ligen, aber es ist auch gut für uns, weil wir da mit aufspringen können.“ Die Strahlkraft der Bundesliga müsse man nutzen, sagt Martenstein.

Sicaja will Emotionen sehen

Julian Nagelsmann fordert mehr gesunden Menschenverstand. „Man muss unterscheiden zwischen Unsportlichkeiten wie Schwalben oder Zeitspiel und nervigen Situationen“, sagte der 32 Jahre alte Trainer von RB Leipzig. „Es gibt einen Unterschied zwischen Emotionen und Unfairness. Emotionen machen Sport groß, und das soll auch so bleiben. Man muss gut miteinander sprechen, und dabei ist es ein Schlüssel, Fehler zuzugeben.“

Ähnlich sieht das auch Dragan Sicaja, Trainer von Eintracht Stadtallendorf: „Emotionen und dass man sich mal aufregt, gehören einfach dazu.“ Dass sich Spieler gegenseitig anbrüllen und pushen – „das wollen wir sehen“. Dies könne ein Stück weit verloren gehen, wenn man Angst haben müsse, dass das bestraft werde. „Aber natürlich dürfen Beleidigungen nicht sein, und das muss man dann auch bestrafen“, sagt Sicaja. „Es ist eine schwierige Geschichte, aber ich meine, man muss es nicht komplizierter machen, als es ist.“

von Philipp Pawlik
 und unserer Agentur