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Lokalsport Klare Botschaft gegen Rassismus
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18:00 17.09.2019
So idyllisch wie auf diesem Foto geht es beim Sport- und Schützenverein (SSV) Hatzbach nur während des Trainings zu. Bei Spielen werden die Fußballer nicht selten rassistisch angefeindet. Quelle: Tobias Hirsch
Hatzbach

Ein lauer, sonniger­ Abend im Spätsommer. Die Spieler des SSV Hatzbach machen einen Kreis auf, wie die Fußballer sagen. Es ist eine beliebte Spielform zum Aufwärmen. Die fünf Spieler außen trainieren dabei das Passen, indem sie den Ball mit nur einer Berührung in den eigenen Reihen laufen lassen.

Die zwei Spieler in der Mitte laufen auch, weil sie versuchen müssen, die Pässe abzufangen. Gut für die Stimmung ist es außerdem. Denn es lässt sich trefflich über missratene Zuspiele und ungelenke­ Abfangversuche lachen. So auch an jenem Abend, an dem die Hatzbacher Spieler beim Training Spaß haben.

Hier das Video der OP:

Spaß, das ist eine Sache, die den Kreisoberliga-Kickern zuletzt vergangen ist. Wie heißt es doch in Michael Endes Unendlicher Geschichte: „Es muss weh tun, damit es heilen kann.“ Und es tut weh. Beim Zuhören, beim Schreiben dieser Zeilen, sicherlich auch beim Lesen. Noch mehr aber als Betroffener, der derlei Schmähungen schon über sich hat ergehen lassen müssen. Torwart Florian Greguletz ist seit drei Jahren Hatzbacher.

"Dreckskanake, was hast du hier zu suchen?"

Seit dieser Zeit hat er sich und seine Teamkollegen immer wieder rassistischen Anfeindungen ausgesetzt gesehen, wurde selbst schon als „Zigeuner“ und „Scheiß-Polacke“ beschimpft. „Irgendwann platzt die Bombe und man muss etwas dagegen tun“, sagt Greguletz.

Die Bombe platzte am 1. September in der Partie beim SV Emsdorf. Hatzbachs Florent Raishtaj soll nach einem Foul von einem Zuschauer als „dreckiger Kanake“ und „Zigeuner“ beleidigt worden sein, was der Gefoulte Hasan Naziyok bestätigte.

Hier das Video des SSV Hatzbach:

Der SV Emsdorf distanzierte sich in einem Facebook-Beitrag von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt und versicherte, dass der identifizierte Zuschauer „zukünftig­ ­keinen Zutritt zu unserem Sportgelände erhalten“ solle (die OP berichtete).

Auch vom SSV Hatzbach kam eine Reaktion. Der Verein drehte und veröffentlichte ein ­Video. „Unser Platz – unsere Regeln“, stellen die Spieler darin klar. Und die Mannschaft macht mit einem gemeinschaftlichen Ausruf am Ende des Films überdeutlich: „Rassismus hat bei uns nichts verloren.“

"Hurensohn! Dreckskanake!"

Eine starke und – so sollte man meinen – selbstverständliche Botschaft, die nicht ungehört blieb. Mehr als 16 000 Mal wurde das Video im Internet bislang aufgerufen. Noch stärker und weit weniger selbstverständlich ist, dass sich sechs Spieler vor die Kamera stellten und dort ­erzählten, mit welchen Ausdrücken sie schon beleidigt worden sind auf den Fußballplätzen der Region. Die fett gedruckten Zitate stammen aus dem Video.

Um wirklich zu verstehen, was solche Beleidigungen mit einem Menschen machen, kommt man um Kraftausdrücke nicht umhin. „Das geht hier rein und da raus“, sagt Hatzbachs Spieler Devin Agca zwar und deutet erst auf sein rechtes und dann auf sein linkes Ohr. Aber das stimmt gar nicht, nicht mehr, wie er nach kurzem Überlegen feststellt.

Der Stadtallendorfer begleitete schon als kleiner Junge seinen Vater Suphi Agca zu den Fußballplätzen der Region, als dieser erst Trainer in Rüdigheim und später in Mardorf war. Auch damals hätte man schon ein ­Video mit genau den gleichen Beleidigungen drehen können, ist sich der heute 22-Jährige ­sicher. „Zwischendurch ist man abgestumpft, hat sich damit ­abgefunden“, sucht Devin Agca nach einer Erklärung, warum es ihm zwischenzeitlich egal war – oder er zumindest dachte, dass es ihm egal gewesen sei.

"Du dreckiger Zigeuner, raus aus Deutschland!"

„In der Heftigkeit hat sich das jetzt alles neu entfaltet“, sagt der wuchtige Stürmer aus der zweiten Hatzbacher Mannschaft und verweist auf „die ­politische Lage in Deutschland“. Wo die Rechtspopulisten an ­Bedeutung gewinnen, da trauen sich die Leute wieder Dinge zu sagen, die sie vorher lieber für sich behalten haben.

Immerhin Letzteres sollten die Sportplatzbesucher auch wieder tun, finden sie beim SSV Hatzbach. „Es gibt doch keinen Verein in Deutschland, der keine Spieler mit Migrationshintergrund in seinen Reihen hat“, sagt Kassierer Jürgen Schmidt. In Hatzbach schätzen sie den Anteil auf etwa ein Drittel. So genau habe man sich damit aber nicht beschäftigt – es spiele einfach keine Rolle.

Deshalb will der Verein bei Verfehlungen der Zuschauer künftig durchgreifen und Platzverweise aussprechen. „Es wäre­ enttäuschend, wenn der Zuschauer dann das Spiel weitergucken könnte“, meint der Vorsitzende Klaus Wagner und appelliert an andere Vereine, Schiedsrichter, aber auch an die Zivilcourage aller Zuschauer. Das Schlimmste sei, wenn der Querulant auch noch Zuspruch oder Bestätigung erfahre, denn dann „macht er weiter mit den Sprüchen“. Man solle ihn doch lieber zurechtweisen, dann „hält er das Maul“.

"Scheißausländer! Scheißzigeuner!"

Nicht schweigen wollte Daniel­ Keller. Der Fotograf, beim SSV Hatzbach zuständig für die ­Öffentlichkeitsarbeit, hatte die Idee zum Video. Nicht einfach ein Facebook-Eintrag, sondern etwas, „das mehr wachrüttelt und Aufmerksamkeit erzeugt“. Kurz, einfach und prägnant sollte die Botschaft sein. „Wir wollen Nachahmer finden“, sagt Keller. „Denn wir sind ja nicht allein mit dem Problem. Je mehr mitmachen, desto größer wird das Echo.“

Die Reaktionen auf das Video sind bislang durchgehend positiv, Vereine aus dem Hinterland, aus Gießen und Kassel ­haben bekundet, die Hatzbacher mit ihrem Anliegen zu unterstützen. „Je größer die Aktion wird, desto höher wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Negatives kommt“, weiß Daniel Keller, fügt aber hinzu: „Wir sind darauf vorbereitet.“ Heißt konkret? „Wir können gerne ­einen Dialog auf Augenhöhe führen. Aber da gibt es beim Thema Rassismus nicht viel Spielraum.“

Der Vorfall, der den Stein ins Rollen brachte und zum viel beachteten Video führte, passierte­ beim SV Emsdorf. „Das kann aber bei jedem Verein passieren. Es ist eine unangenehme Sache, wir wollen dem Nachbarverein nichts reinwürgen“, betont Kassierer Jürgen Schmidt im Namen des SSV-Vorstands, und Daniel Keller ergänzt: „Wir wollten das generell angehen und uns als Verein klar positionieren.“

Man habe das Video deshalb absichtlich neutral gehalten und sei nicht auf den ­einen konkreten Vorfall eingegangen, führt der Vorsitzende Klaus Wagner aus. Denn Rassismus sei kein spielklassenspezifisches Problem. „Das zieht sich bis in die Bundesliga hinein.“

"Geh gefälligst dahin zurück, wo du herkommst!"

Das Problem aus Wagners Sicht: Viel zu oft würden rassistische Beleidigungen als Kavaliersdelikt gesehen. „Aber man kann das nicht als Thekengeschwätz abtun“, sagt Hatzbachs Vorsitzender. „Das ist kein Joke, sondern tut richtig weh.“ So sehr, dass die Raishtaj-Brüder Florent und Leonard nach dem Vorfall in Emsdorf überlegt hätten, den Platz zu verlassen.

Florent Raishtaj ist in seiner Karriere schon öfter beschimpft worden. Bislang hieß es von seinen Vereinen dann immer: „Ach, vergiss das wieder!“ Der Stürmer, der neben seinem Bruder Leonard, Florian Greguletz, Devin Agca, Marco Loi und Alpay Saritekin im Video zu sehen ist, findet es „super“, dass der SSV Hatzbach das Thema nicht unter den Teppich kehrt, sondern an die Öffentlichkeit geht: „Damit setzt du als Verein direkt ein Zeichen.“

Wichtig ist Raishtaj: „Mensch ist Mensch – egal, ob du schwarz oder weiß, dick oder dünn, blond oder dunkelhaarig bist.“ Selbstverständlich könne er damit leben, dass Zuschauer aus der Emotion heraus reagieren. „Penner oder Arschloch genannt zu werden, ist nicht schön – aber Rassismus ist etwa ganz anderes und hat auf dem Fußballplatz nichts zu suchen.“ Manchmal muss es eben weh tun, damit es heilen kann. Beim SSV hoffen sie, mit einer klaren Botschaft ihren Teil dazu beizutragen, dass Rassismus auf dem Fußballplatz nicht zu einer Unendlichen Geschichte wird.

von Holger Schmidt