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12:57 18.07.2020
Aufstiegsfreude mit Bierdusche? In diesem Jahr gab’s so was nicht. Quelle: Nadine Weigel/Archiv
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Marburg

Nils Steitz kennt dieses Gefühl: „Wenn der Schiedsrichter abpfeift, wenn du realisierst, dass du aufgestiegen bist, das ist Ekstase pur.“ Dreimal hat es der 28-Jährige als Fußballer des VfL Dreihausen erlebt, blickt auf die Aufstiegsfeiern zurück: „Die bleiben in Erinnerung. Davon wird man in vielen Jahren erzählen.“

In der beendeten Saison hat er als Trainer den SV Großseelheim zum Titel in der Kreisliga A Marburg geführt, verbunden mit dem Sprung in die Kreisoberliga Gießen/Marburg Nord. „Natürlich“, sagt er, „freuen wir uns darüber. Aber man muss schon ehrlich sein: Das Gefühl ist nicht dasselbe.“

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Es sei „eben nicht zu ändern“, sagt er in Anbetracht der Corona-Situation, die zur Unterbrechung und schließlich zum Abbruch der Spielzeit geführt hat, aber „es fehlt einfach was, das ist schade“.

Die Abschlussplatzierungen wurden nach Anwendung einer Quotientenregelung ermittelt: Wer im Durchschnitt die meisten Punkte pro gewerteter Partie geholt hat, steht vorn – wie auch die A-Junioren der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg in der Gruppenliga. Deren Trainer Kristof Kühn gehörte wie Steitz zum Dreihäuser A-Liga-Meisterteam von 2013. „Wir sind mit Schlepper und Anhänger durchs Dorf gefahren. Das vergisst man nicht“, erzählt er.

Feier soll nachgeholt werden

Der 34-Jährige hätte sich „natürlich gewünscht, dass wir die Saison zu Ende spielen, den Aufstieg in einer kompletten Saison erringen und entsprechend hätten feiern können“. Vor zwei Wochen trafen sich die Blau-Gelben, um ihre Meistermedaillen entgegenzunehmen und gemeinsam zu essen.

„Wir werden sicherlich irgendwann eine größere Feier machen, sobald es wieder möglich ist“, berichtet Kühn – auch für ihn persönlich sei das wichtig: „Viele der Spieler des Jahrgangs 2001, die jetzt zu den Senioren kommen, habe ich schon vor sechs Jahren in der C-Jugend trainiert. Ich hoffe, wir bekommen noch einen richtig schönen Abschluss hin.“

Den wünscht sich auch Armin Kassner, der das Traineramt beim TSV Caldern nach dem Abstieg aus der Marburger Kreisliga A vor zwei Jahren übernommen hatte und die Mannschaft in der abgelaufenen Saison zum zweiten Platz in der Kreisliga B II und dank der Quotientenregelung für theoretische Relegationsteilnehmer zum Aufstieg führte: „Da kommt hoffentlich noch was“, sagt der bisherige Coach, der den Posten an Jörg Muth übergibt.

Ranke: Können es eben nicht ändern

Wenige Kilometer entfernt, in Michelbach wurde ein Klassensprung kräftig gefeiert – im Vorjahr, von der Kreisoberliga in die Gruppenliga. Dort hat das TSV-Team in der Saison 2019/2020 den Durchmarsch geschafft, sich den Titel gesichert. Für den Zweiten Vorsitzenden Dieter Jacobi ist die aktuelle Meisterschaft „sportlich natürlich höher zu bewerten“. Doch auch für ihn ist es „schade, dass die Bedingungen es nicht zugelassen haben, die Saison durchzuziehen und zu einem würdigen Abschluss zu bringen“.

Kai Ranke, der mit Christoph Weidenhausen das Trainerduo beim künftigen Verbandsligisten bildet, setzt aufs nächste Jahr: „Ich hoffe, dass wir dann eine gute Platzierung feiern können.“ Dass es nicht „dasselbe sein kann, ist mir bewusst. Aber wir können an der Situation eben nichts ändern.“

Vor allem für ältere Spieler schade

Etwas andere Worte wählt Tobias Kunz. Der Fußballvorstand der SG Rosphe hat Verständnis für den Abbruch der Saison, spricht aber dennoch von „ziemlichem Mist“ – und meint damit nicht die Meisterschaft der Sportgemeinschaft in der Kreisliga B Marburg I, über die sich alle Beteiligten freuen, sondern die Umstände:

Vor allem die älteren Spieler im Team hätten sich ausgemalt, wie es sein würde, mal aufzusteigen – mit ausgelassenem Jubel, mit Bierduschen, mit manchem mehr. „Wir hätten noch einige Heimspiele vor richtig vielen Zuschauern gehabt. Irgendwann hätten wir den Aufstieg sicher gehabt“, ist Kunz überzeugt. „Dann hätte es eine Feier gegeben, von der jeder von uns noch in vielen Jahren erzählt hätte.“

Einwurf von Stefan Weisbrod

Der Moment ist nicht nachholbar

Bierdusche? Ist Verschwendung des Gerstensaftes. Kann man jedenfalls so sehen. Manchmal aber, da sollte das zu verzeihen sein. In Momenten, in denen die Emotionen mit einem durchgehen. Etwa, wenn Amateursportler gerade eine Meisterschaft errungen haben.

Es sind Momente, die bleiben. Klar, von besonderen Toren können die alten Haudegen, die sonntags am Dorfsportplatz stehen und beim Zuschauen der Fußballspiele in Erinnerungen schwelgen, auch erzählen. Aber vor allem sind es die Geschichten von Titel und Aufstiegen – und davon, wie diese erlebt wurden. Dabei ist es ziemlich egal, ob’s in der Landesliga oder in der Kreisklasse B passiert ist.

Oft ist es dieser eine Moment, der Abpfiff des Schiedsrichters, der dabei eine zentrale Rolle spielt. Ein Moment, der nicht simulierbar ist, der nicht nachgeholt werden kann, den man einfach erlebt – oder eben nicht. In diesem Jahr – so schön Aufstiege dennoch sind – fehlt er.

Natürlich, es gibt Schlimmeres. Natürlich, es ist eben der besonderen Situation geschuldet, niemand kann etwas dafür. Schade, gerade für diejenigen, die womöglich nur einen Aufstieg in ihrer Fußballer-Laufbahn erleben, ist es trotzdem.

Von Stefan Weisbrod

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