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Lokalsport Für Dustin Deißler ist „alles möglich“
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19:18 15.07.2019
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Marburg

Auf Schnelligkeit kommt es beim Karate an, auf Kontrolle, auf Körperbeherrschung - weniger auf die Kraft an sich. Karate ist kein Kampfsport, bei dem es darum geht, den Gegner umzuhauen. Es ist eine Kampfkunst. Und zwar eine, die der Marburger Dustin Deißler auf hohem Niveau beherrscht. Am Samstag kämpft der 25-Jährige einzeln und mit der deutschen Nationalmannschaft in Maastricht um Europameister-Ehren. Mit einem klaren Ziel für den Teamwettbewerb: „Wir wollen den Titel holen.“ Und solo? „Alles ist möglich.“

An Selbstvertrauen mangelt es Deißler nicht. Im vergangenen Jahr wurde er in Bochum Deutscher Meister des Verbands DJKB (siehe „Hintergrund“), zuvor war er bereits mit der Mannschaft des Karate-Dojo Marburg auf nationaler Ebene erfolgreich. Zuletzt trug der Jurastudent bei seinem ersten internationalen Einsatz mit Klasseleistungen zum Sieg des von Bundestrainer Thomas Schulze gecoachten deutschen Teams beim stark besetzten Gichin-Cup in Prag bei.

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Beim Turnier in der tschechischen Hauptstadt bestand ein Team aus fünf Karateka, in den Niederlanden sind es nur vier. Deißler will bei seiner EM-Premiere zu den dreien gehören, die tatsächlich kämpfen - der vierte ist Ersatz. Und er will eine Medaille, am besten die goldene. „Es gibt einige andere starke Mannschaften“, weiß er, denkt an die Belgier und an die Russen. „Aber wir können sie besiegen. Das wollen wir schaffen.“ Die drei Sportler einer Nation treffen jeweils auf einen Sportler der anderen Nation. Die einzelnen Siege werden gewertet, zwei sind für einen Erfolg nötig. „Geht ein Duell verloren und das andere wird gewonnen, hat der Dritte den Druck. An ihm hängt dann alles“, erläutert Deißler.

Ein Ippon bringt den Sieg

Im Einzelwettbewerb gilt ohnehin: siegen oder fliegen. Ein Fehler, ein Patzer - und alles ist vorbei. Nach Regeln der JKA, des internationalen Verbands, führt ein voller Punkt sofort zum Sieg. Einen solchen Punkt, Ippon genannt, gibt es etwa für exakt und kraftvoll ausgeführte Techniken bei guter Haltung und Balance sowie mit dem richtigen Timing. Für andere Techniken können die Punktrichter, die an jeder Ecke der acht mal acht Meter großen Kampffläche positioniert sind, halbe Punkte, Wazaari, vergeben. Ist bis zum Ende der regulären Kampfzeit von meist zwei Minuten keine vorzeitige Entscheidung gefallen, spielen beispielsweise auch Verwarnungen eine Rolle. Steht es dennoch unentschieden, geht das Duell in eine Verlängerung.

Eine Nettokampfzeit von zwei Minuten klingt zunächst einmal nicht lang. „Es schlaucht aber ganz schön“, erzählt Deißler. In Maastricht werden alle Kämpfe - im Team- wie im Einzelwettbewerb - an nur einem Tag ausgetragen. Entsprechend häufig müssen die Sportler, solange sie erfolgreich sind, auf die Matten; entsprechend kurz sind die Pausen. Das geht an die Substanz. Deißler trainiert jeden Tag, meist mehrere Stunden, teils im Fitnessstudio. „Eine gute Fitness ist die Grundvoraussetzung“, weiß er. Ansonsten geht es darum, Bewegungsabläufe zu automatisieren, um auf jede Kampfsituation blitzschnell reagieren zu können. Müsste er erst über sein Handeln nachdenken, wenn ein Gegner zu einer Technik ansetzt, er hätte kaum eine Chance.

Mit sieben Jahren fing Deißler in seiner Heimat im Taunus mit dem Sport an. Er war in der „Findungsphase“, blieb weder beim Fußball noch beim Handball hängen - dafür beim Karate. Warum? „Es hat mich einfach angezogen.“ In Usingen lernte er die Grundtechniken, verbesserte sich immer weiter, trat in der Übungsform Kata bei Wettkämpfen an. Später wagte er sich an Kumite heran. Kontakt sei dabei erwünscht, berichtet er. „Aber es geht vor allem um die Kontrolle.“ Schnell war er in dieser Form, die auch als Freikämpfen bezeichnet wird, erfolgreich: Mit 13 Jahren wurde er bereits Hessenmeister, verbesserte sich stetig. Die Vielfältigkeit des Sports gefällt ihm am besten. „Es gibt immer Neues. Man lernt nie aus“, sagt er, spricht von einem „Weg, der immer weitergeht“.

Florian Herrmann pausiert

Am Samstag will Deißler in Maastricht seinen Weg gehen. Möglich, dass er im Verlauf des Einzelwettkampfs auch auf deutsche Teamkollegen trifft. Zu einem Duell mit einem Vereinskameraden kann es hingegen nicht kommen. In Florian Herrmann, als Sportler bekannter unter seinem früheren Namen Florian Bindbeutel, gibt es beim Karate-Dojo Marburg zwar einen weiteren Nationalkader-Kämpfer. Der 30-Jährige pausiert jedoch aktuell, will bald aber wieder eingreifen - und bei den Weltmeisterschaften in Dublin dabei sein.

Auch Dustin Deißler hat das Turnier im August in Irland im Blick: „Das ist mein nächstes großes Ziel.“ Als Europameister würden seine Chancen auf eine WM-Nominierung sicherlich nicht geringer ausfallen.

Hintergrund: DJKB und DKV

In Deutschland gibt es gleich zwei Karateverbände: Der Deutsche JKA-Karate-Bund (DJKB), dem das Marburger Karate-Dojo um Dustin Deißler angehört, entstand 1993 als nationaler Ableger der Japan Karate Association (JKA) durch Abspaltung vom noch heute größeren Deutschen Karate-Verband (DKV). Der DJKB steht für eine vergleichsweise traditionellere Auslegung der Regeln und Werte.

von Stefan Weisbrod