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Lokalsport Wie viel Technik verträgt der Fußball?
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15:48 28.01.2020
Symbolfoto: Ein Schiedsrichter schaut nach dem Videobeweis auf den Monitor.  Quelle: Marijan Murat
Marburg

Der Videobeweis ist ein häufig diskutiertes Thema im deutschen Fußball. Die Möglichkeit, die Schiedsrichter durch ausgebildete Video-Assistenten auf entgangene ­Regelwidrigkeiten hinzuweisen und jene Regelwidrigkeiten im Nachhinein ahnden zu lassen, nähme dem Sport seine Unmittelbarkeit, sagen die einen. Andere kritisieren, dass die Pausen bei Videobeweisen zu lange dauern und das Spiel somit an Dynamik verliert oder schlichtweg, dass Fehlentscheidungen zum Sport dazugehören. Aber ist der Fußball nicht besser und gerechter, wenn die richtigen Entscheidungen fallen?

Diese Diskussion dürfte auch am Mittwoch (19 Uhr) aufkommen, wenn der ehemalige Bundesliga-Referee Lutz Wagner im Haus der ATV Marburg (Kaffweg 11) seine Visitenkarte abgibt und einen Vortrag zum Thema „Schiedsrichter im Spannungsfeld zwischen Videozeitlupe und Kölner Keller“ hält – die Zentrale in Köln, wo ausgebildete Videoassistenten kniffelige Szenen mit einer Vielzahl von Kameras begutachten und die Schiedsrichter in den Bundesligastadien bei Fehlentscheidungen auf diese aufmerksam machen können.

Mehr Respekt für Schiedsrichter

Wagner hing seine Pfeife zwar vor zehn Jahren an den Nagel, ist aber ein Kenner des Themas, da er mitunter selbst Schiedsrichter schult. Seine Fähigkeiten als Unparteiischer hat der 57-Jährige in fast 300 geleiteten Bundesligapartien unter Beweis gestellt. Damit gehört er zu den Referees mit den meisten Einsätzen im deutschen Fußball-Oberhaus. Unter anderem war Wagner auch als Schiedsrichterlehrwart des Hessischen Fußball-Verbandes tätig und hält
regelmäßig Vorträge zum Schiedsrichterwesen.

Organisiert wird die Veranstaltung vom „Club der 500“, der Ende 2017 gegründete Förderverein der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg, dem derzeit 20 Mitglieder angehören. „Es ist ein blau-gelber Freundeskreis. Nach innen wollen wir den Verein unterstützen. Nach außen hin wollen wir mit solchen Veranstaltungen, die wir einmal pro Jahr planen, auftreten“, sagt Heinz Ludwig, Gründungsmitglied und Vorsitzender des Clubs.

Laut Marburgs Ex-Oberbürgermeister und Blau-Gelb- sowie Förderkreis-Mitglied Egon Vaupel soll der Vortrag auch zur Entspannung zwischen Unparteiischen auf der einen Seite und Spielern sowie Fans auf der anderen beitragen. „Wir als Fußballverrückte müssen Schiedsrichtern wieder mehr Respekt entgegenbringen. Wenn mehr Leute verstehen, was die Unparteiischen leisten, dann sorgt das vielleicht für mehr Empathie“, glaubt er.

Kreisfußballwart plädiert für mehr Transparenz

Wagners Vortrag hat nichts mit Frontalunterricht gemein. Der Mann aus dem Rhein-Main-Gebiet werde laut Vaupel ein „wahres Erlebnis“ daraus machen. Ein interaktiver Abend winkt den Zuschauern. Wagner wird zusammen mit dem Publikum Spielszenen analysieren sowie diskutieren.

Julius Martenstein, stellvertretender Kreisschiedsrichterobmann der Schiedsrichtervereinigung Marburg, freut sich ebenfalls auf den Vortrag und ist mit Wagner persönlich bekannt. Der 28-Jährige ist ausgebildeter Video-Assistent. „Ich finde so einen brandaktuellen Vortrag für die Öffentlichkeit klasse. Es kann auch für ein besseres Spielverständnis der Fans führen. Das ist immer positiv“, meint er.

Auch Kreisfußballwart Peter Schmidt lobt die Veranstaltung. „Der Blickwinkel von Lutz Wagner ist für jeden im Amateur­fußball interessant, weil ein neuer Blickwinkel gewährt wird. Die Zuschauer nehmen also teil an der großen Bühne des Fußballs“, macht der Kreisfußballwart Appetit auf den Vortrag und fügt an: „Der Videobeweis an sich ist richtig, aber die Entscheidungen brauchen zu viel Zeit. Außerdem ist die Transparenz für die Zuschauer im Stadion nicht ausreichend.“

Ob und wie der Videobeweis verbessert werden kann und ob die Technikhörigkeit im deutschen Fußball überhand gewonnen hat, dürfte am Mittwoch ebenfalls diskutiert werden.

von Benjamin Kaiser