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Lokalsport Freude am gleichberechtigten Tun steht im Vordergrund
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17:00 23.05.2021
Das Inklusionsteam von Blau Gelb Marburg.
Das Inklusionsteam von Blau Gelb Marburg. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Der Sport – das scheint unstrittig – ist ein Bereich im gesellschaftlichen Miteinander, der Lernprozesse ermöglicht, die der sozialen Integration eines Menschen zuträglich sind, und das unabhängig davon, ob jemand ein Handicap hat oder nicht. Körperliche und geistige Einschränkungen sollten nicht Grund dafür sein, auf sportliche Betätigungen zu verzichten. Eher im Gegenteil: Die Gelegenheit zum gemeinsamen Sporttreiben ist eine Grundannahme der sogenannten Inklusion, die den Anspruch formuliert, dass sich Menschen mit und ohne Behinderungen gleichberechtigt und in Selbstbestimmung auf dem Feld des Sportes bewegen.

Hilde Rektorscheck kümmert sich um die Belange

„Ich bin seit zehn Jahren Spielerin beim BC im Basketball-Handicap-Team“, sagt Laura Süssmann. Die Mittdreißigerin ist die Kapitänin der Mannschaft, die von Spielerinnen des Bundesligisten BC Pharmaserv Marburg trainiert wird. Das findet sie „toll“. „Der Sport im Verein macht mir sehr viel Spaß, und ich fühle mich zu Hause, und der Verein bringt mich weiter“, betont sie, „ich bin gern gesehen. Ohne Basketball ist es langweilig.“ Hilde Rektorschek, Mitglied im hessischen Landesverband der Special Olympics, kümmert sich um die Belange der 24 Sportlerinnen und Sportler im Alter von 11 bis über 40 Jahren, die in drei Teams den Basketball für sich erobert haben. Sie formuliert, welche Schwierigkeiten dem Inklusionsgedanken in der Realität des Vereinslebens anhaften.

„Die Aufnahme in einen Verein ist das Problem schlechthin“, sagt sie. Viele wüssten nicht, dass man mit Menschen, die ein Handicap haben, ganz „normal“ umgehen kann. Bedenken seien eigentlich unbegründet, zumal alle „sporttauglich“ seien, was durch ein ärztliches Attest belegt sei. Überdies bedürfe es keiner speziellen Ausbilder. Viele kommen zum Sport entweder alleine oder in Begleitung. „Sie wollen nicht nur mal eben an einem Projekt teilnehmen. Ihre Aufnahme sollte zu einer Selbstverständlichkeit werden“, sagt Hilde Rektorschek, „sie wollen wie andere auch Teil des Vereins sein, Teamgeist erleben, miteinander gewinnen oder verlieren.“

Das Miteinandererleben für Menschen mit Handicap wird auch praktiziert in der Marburger Klettergruppe „No limits“ im Deutschen Alpenverein (DAV). Deren Übungsleiter Joachim Wolff betreut seit etwa sieben Jahren zwei inklusive Gruppen mit insgesamt einem guten Dutzend Teilnehmern im Alter von bis zu 22 Jahren. „Unser Angebot ist eines von Kletterern für alle, die interessiert sind“, sagt Wolff. Es gehe vor allem um die Freude am Tun. „Die wird bei uns groß geschrieben.“ Bestimmte Bewegungsabläufe und Grifftechniken werden vorgegeben und geübt. Das Ziel an der 14,5 Meter hohen Kletterwand bestimme ein jeder selbst. „Das kann sich durchaus auch in 2,5 Metern Höhe befinden.“ Ein integrierter Bestandteil der jeweils zwei Kletterstunden ist laut Wolff die Kaffee- oder Teepause, während der Gelegenheit besteht, sich untereinander auszutauschen.

Michael Schimanski vom Vorstand des Vereins zur Förderung der Inklusion behinderter Menschen (fib e.V.) verweist auf das Projekt „Inklusion bewegt“, das von 2015 bis 2018 mit finanzieller Unterstützung des Landes Hessen realisiert worden sei. „Es ist mit von uns ins Leben gerufen und von der Stadt Marburg, dem Landkreis und dem Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugend- und Sozialarbeit mitgetragen worden“, sagt Schimanski. „Mit etwa 40 Projekten unterschiedlicher Inhalte wurde einiges angestoßen, um allen Menschen einen uneingeschränkten Zugang zu Freizeitgestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen.“

Allerdings ist eine geforderte nachhaltige Weiterführung der inklusiven Bemühungen momentan eher weniger in Sicht, weil die Landesförderung inzwischen weggefallen ist. Jedoch ist das aus dem Projekt „Inklusion bewegt“ hervorgegangene Netzwerk immer noch aktiv – erst letzte Woche gab es wieder ein Treffen.

Landkreis signalisiert weiterhin Unterstützung

Für den Landkreis Marburg-Biedenkopf signalisiert dessen Sprecher Dr. Markus Morr jedoch weiterhin Unterstützung. „Wir wollen grundsätzlich und besonders unter gesundheitlichen Aspekten einiges tun zur Förderung der Bewegung. Das Land legt allerdings den Rahmen dazu fest.“

Gleichwohl muss festgestellt werden, dass sich auf der Vereinsebene die Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung in überschaubarem Rahmen halten. Eine Umfrage im Landkreis hat dies bestätigt. Danach haben lediglich 11 Prozent der teilnehmenden Vereine angegeben, Menschen mit Behinderung ein Angebot machen zu können.

Hier setzt ein Projekt von Special Olympics Deutschland an. Gefördert von der Aktion-Mensch-Stiftung möchte das Projekt „Wir gehören dazu“ in besonderem Maße für die Inklusion in Sportvereinen sensibilisieren. „Da ist durchaus noch Luft nach oben“, sagt Anne Effe, die Regionalkoordinatorin dieser Aktion für Hessen, „Schätzungen gehen davon aus, dass nur etwa 8 Prozent der Menschen mit geistiger Behinderung sportlich aktiv sind, und das zumeist auch nur in Organisationen der Behindertenhilfe.“

Daher wolle man den Vereinen beratend zur Seite stehen, Hilfe leisten bei der Planung inklusiver Sportfeste und beitragen zur Qualifizierung von Übungsleitenden und Schulung von Betreuern.

Der aktuelle Stillstand im Vereinsleben infolge der Corona-Pandemie bietet laut Effe Vereinen im Landkreis die Chance, ihre Angebote im Sinne der Inklusion zu überdenken, um ein offenes Sportangebot auch für Menschen mit Behinderung einzuplanen.

Von Bodo Ganswindt

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