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Wo man für einen Fallrückzieher gefeiert wird
Wo man für einen Fallrückzieher gefeiert wird
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12:58 18.06.2021
Henry Schmidt (von links), Simon Sippel, Stefan Briehl (am Ball) und David Moreno gehen ihrer Leidenschaft im Georg-Gaßmann-Stadion nach. Beim Footvolley ist Geschick gefragt, um den Ball mit dem Fuß oder dem Kopf übers Netz zu bugsieren.
Henry Schmidt (von links), Simon Sippel, Stefan Briehl (am Ball) und David Moreno gehen ihrer Leidenschaft im Georg-Gaßmann-Stadion nach. Beim Footvolley ist Geschick gefragt, um den Ball mit dem Fuß oder dem Kopf übers Netz zu bugsieren. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Hin und wieder schweifen interessierte Blicke vom benachbarten Beachvolleyballfeld im Georg-Gaßmann-Stadion hinüber auf einen der äußeren von den drei Sandplätzen, wo sich David Moreno, Simon Sippel und Co. lässig, manchmal fast artistisch den Ball übers Netz zuspielen – allerdings nicht mit den Händen, sondern mit den Füßen oder dem Kopf. Footvolley nennt sich die Sportart, die sie betreiben – schon seit einigen Jahren, doch erst seit Januar 2020 im Verein, der Footvolley Marburg heißt.

„Wir haben den Verein gegründet, weil wir gemerkt haben, dass Footvolley nicht nur ein cooler Zeitvertreib ist, sondern auch das Potenzial hat, hier in Marburg Leute abzuholen – etwas Neues ins Rollen zu bringen, eine Sportart als Alternative zu dem zu bieten, was es bereits gibt“, begründet Jascha Döringer. Der 24-Jährige war nicht nur langjähriger Regionalligafußballer des TSV Eintracht Stadtallendorf, der Cappeler ist einer von sieben Gründungsmitgliedern des Footvolley-Vereins und dessen Pressewart.

Bei einem Brasilien-Trip 2016, als er seinen Freund Leo Mengel, früherer Zweitliga-Volleyballer des TV Waldgirmes, besuchte, lernte Döringer die Sportart kennen, als an dortigen Stränden gespielt wurde – an jenen Orten, wo sie vor gut fünf Jahrzehnten entstand (siehe Infobox). „Als wir zurück in Deutschland waren, kam uns irgendwann die Idee, dies einfach mal auszuprobieren“, erzählt Döringer. Zunächst interessierten sich die Fußballer dafür, dann kamen die Beachvolleyballer hinzu. Inzwischen organisieren sich die Marburger Footvolleyspieler in einer Whatsapp-Gruppe, die rund 40 Personen zählt.

In der hiesigen Region bekannte Kicker wie Döringer, Dennis Brandl (ehemals FV Breidenbach) oder David Moreno vom Verbandsligisten SV Bauerbach gehören zum festen Stamm der Footvolley-Gruppe, die sich auch deshalb im Verein organisiert, um sich mit festen Trainingszeiten „technisch und taktisch weiterzuentwickeln“, sagt Döringer, der im selben Atemzug durchblicken lässt, dass die Sportart für ein Lebensgefühl steht: Sommer, Sonne, Spaß haben mit Freunden, dabei Musik hören. „Footvolley macht Laune, wenn Stimmung und Wetter gut sind“, sagt Döringer.

Zwar warfen immer neue Corona-Beschränkungen für den Freizeit- und Breitensport den Verein seit seiner Gründung zurück. „Aber unsere Motivation ist nach wie vor groß, weil wir bisher noch nicht die Chance hatten, uns zu beweisen, etwas Cooles auf die Beine zu stellen“, sagt Döringer. Geplant ist etwa ein Jedermannturnier.

Im vergangenen Jahr, gewissermaßen zum Saisonabschluss, hatte die Footvolley-Gruppe bereits ein internes Turnier ausgespielt, erzählt der Vorsitzende David Moreno. Der gebürtige Breidenbacher lernte die Sportart 2018 in Darmstadt kennen, besuchte dann ein Ranking-Turnier in Düsseldorf, wo ihn die Spieler beeindruckten. „Es hat mich einfach begeistert, was die Spieler dort mit dem Ball gemacht haben – so sehr, dass ich es selbst machen wollte“, erzählt der 28-jährige, der mit Gleichgesinnten zunächst im Uni-Stadion spielte.

Nach Monaten ohne regelmäßigen Trainingsbetrieb wollen die Freizeitsportler in diesem Jahr so richtig durchstarten. „Unser Ziel ist es erstmal, die Sportart publik zu machen und Leute dafür zu begeistern“, sagt Moreno, der insbesondere Fußballer im Blick hat, „die nicht mehr aktiv Fußball spielen, nicht mehr die vielen Kilometer auf dem Platz rennen, aber dafür im Sand etwas akrobatischer sein wollen“. Dafür ist Footvolley geradezu prädestiniert. „Wenn ein Fußballer einen Fallrückzieher macht, sagen viele: ,Der hat sie nicht mehr alle!‘ Bei uns wirst du dafür abgefeiert – egal, ob der Ball im Spielfeld landet oder nicht“, sagt Moreno.

Das Training des Vereins Footvolley Marburg findet mittwochs ab 15.30 Uhr auf einem der Beachvolleyballfelder im Marburger Georg-Gaßmann-Stadion statt. Interessierte können dort ohne Anmeldung teilnehmen. Infos gibt es per E-Mail unter kontakt@footvolley-marburg.de

Ohne Arme und mit leichterem Fußball: So wird Footvolley gespielt

Footvolley ist eine Trendsportart, die in den 1960er-Jahren an den Stränden Brasiliens entstanden ist und eine Mischung aus Fußball und Beachvolleyball darstellt. Ziel des Spiels ist es, den Ball so über das Netz zu spielen, dass er in der gegnerischen Hälfte auftippt und zu verhindern, dass er in der eigenen Spielhälfte den Boden berührt.

Gespielt wird pro Team zu zweit auf einem gewöhnlichen Beachvolleyballfeld, die Höhe des Netzes beträgt 2,20 Meter. Der Ball hat die Größe eines Fußballs, ist allerdings nicht mit so viel Luft wie bei einem Fußball gefüllt, zudem hat der Footvolley-Ball eine weichere Oberfläche. „So ist es angenehmer, wenn man ihn mit nackter Haut spielt“, erklärt Jascha Döringer vom Verein Footvolley Marburg. Der Ball darf mit allen Körperteilen außer den Armen gespielt werden.

Bei der Angabe wird der Ball von einem kleinen Sandhügel hinter der Grundlinie mit dem Fuß ins Spiel gebracht. Danach sind drei Kontakte erlaubt, wobei der Ball mit dem dritten Kontakt übers Netz gespielt werden muss und das Netz dabei nicht berühren darf.

Für einen Satzgewinn sind 18 Punkte mit mindestens zwei Punkten Vorsprung notwendig, ein Satz wird maximal bis 21 Punkte gespielt. Zwei Gewinnsätze sind nötig, um eine Partie zu gewinnen (Best-of-three-Modus). mdc

Von Marcello Di Cicco