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Lokalsport Robust in Schottland, filigran in Portugal
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16:58 07.02.2021
Biedenkopfer mit sportlicher Auslandserfahrung: Felix Michel (links), hier bei einem Spiel in Portugal.
Biedenkopfer mit sportlicher Auslandserfahrung: Felix Michel (links), hier bei einem Spiel in Portugal. Quelle: privat
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Biedenkopf

Mit Klischees muss man ja immer vorsichtig sein, nicht immer stimmen sie mit der Wahrheit überein. So ein Klischee ist es beispielsweise, dass der Fußball in Großbritannien sehr körperlich gespielt wird, Schiedsrichter sehr viel durchgehen lassen, das technische Niveau vergleichsweise eher gering ist. Ein anderes ist es, dass der meistbetriebene Mannschaftssport der Welt auf der iberischen Halbinsel deutlich filigraner ist, aber auch deutlich häufiger auf dem Rasen gelegen und lamentiert wird. „Ist genau so!“, sagt Felix Michel. „Alles!“

Der Biedenkopfer behauptet es nicht nur, er hat es selbst erlebt. Ihn hat es nicht nur zum Studieren nach Edinburgh und nach Lissabon gezogen, er hat sowohl in Schottland als auch in Portugal auch Fußball gespielt – jeweils in Universitätsmannschaften, jeweils recht erfolgreich und jeweils musste er sich erst an so manches gewöhnen.

Mit Anzug und Krawatte zu den Auswärtsspielen

Nach Schottland hatte es ihn 2015 verschlagen, ein knappes halbes Jahr lebte er in der Hauptstadt Edinburgh, studierte an der Napier University und kickte fürs Team der Hochschule. „Ich dachte mir, Kontakt zu anderen bekomme ich am ehesten über den Fußball“, erzählt er – also machte er bei den Sichtungstagen mit, überzeugte dort, war froh und erlebte eine „geile Zeit“, wie er im Rückblick sagt. „Mittwochs waren immer unsere Spiele. Wenn wir auswärts ran mussten, haben wir uns morgens in voller Montur mit Anzug und Krawatte getroffen, manche Professoren haben uns noch Glück gewünscht.“

Felix Michel (Vierter von links) beim Feiern mit seinen schottischen Teamkameraden nach einem gewonnenen Spiel. Quelle: privat

Gespielt wurde in der dritthöchsten britischen Liga, in der Hochschulmannschaften aus verschiedenen Teilen Schottlands aktiv waren. „Einmal blieb der Bus hängen. Wir haben ihn dann im Anzug bis zur nächsten Tankstelle geschoben. Es muss ein komisches Bild gewesen sein“, erzählt er und schmunzelt. Auch auf die Abende, an die Feiern nach den Spielen blickt er gern zurück.

Am Anfang hat’s ihn ganz schön „durchgedonnert“

Auf dem Platz lief’s für Michel und sein Team mehr als ordentlich, trotz mancher unerwarteter Sprachbarriere zu Beginn: „Mit dem schottischen Dialekt hatte ich erst mal meine Probleme, teilweise habe ich nichts verstanden.“ Auch die fußballspezifischen Begriffe musste der Innenverteidiger erst „reinkriegen“. Und an die Körperlichkeit musste er sich gewöhnen: „Am Anfang hat’s mich ein paar mal ganz schön durchgedonnert“, berichtet er. „Man lernt, körperlich dagegen zu halten. Vor allem lernt man, dass man sich nicht zu beschweren braucht, wenn der Schiedsrichter etwas nicht pfeift.“

In der Hinrunde gestaltete sein Team alle Spiele siegreich – bis auf das Stadtderby gegen die University of Edinburgh. Die Chance zur Revanche gab es in der ersten Partie der Rückserie: „Wir haben mit 8:1 gewonnen. Es war megageil“, erzählt Michel, denn: „Das Spiel fiel auf den Tag der Weihnachtsfeier, für mich war es zugleich die Abschiedsfeier.“ Er ließ es mit seinen Teamkameraden noch mal „ordentlich krachen“, ehe er zurück nach Deutschland flog, wo er an der Gießener Universität Betriebswirtschaftslehre studierte. Für die Mannschaft der Napier University lief es anschließend nicht mehr rund, in der Tabelle rutschte sie vom ersten auf den dritten Platz ab.

Technisch starke Portugiesen beeindrucken ihn

Das Niveau der schottischen Universitätsliga ordnet Michel „irgendwo zwischen Gruppenliga und Kreisoberliga“ ein – in diesen Klassen war der 27-Jährige für den VfL Biedenkopf aktiv. In Portugal sei das sportliche Level ähnlich gewesen, die Art zu spielen aber eine ganz andere: „Das sind alles klasse Techniker.“ Dennis Rakowski, ein Freund und Teamkamerad in Biedenkopf, habe ein „feines Füßchen“, sagt Michel, „aber in Portugal gab es zehn Leute in der Mannschaft, die am Ball noch besser waren, vom Torwart bis zum Stürmer. Das war unfassbar.“ Auf der anderen Seite habe es an Physis und am Spielverständnis gemangelt, beschreibt er. Und: „Die Leute waren auf dem Platz ständig am Lamentieren.“

Ab Sommer 2018 war Michel, der inzwischen überwiegend in München lebt, ein Jahr lang in Lissabon, studierte an der Católica Lisbon School of Business & Economics. Auch dort kam er über eine Sichtung in die Hochschulmannschaft, auch dort lief es sportlich gut – bis zum entscheidenden Elfmeter: Sein Team spielte in einer Staffel der zweithöchsten Universitätsliga, holte sich dort den ersten Platz, traf dann in einem Aufstiegsspiel auf den Sieger aus einer anderen Gruppe. „Da waren um die 250 Leute, die richtig für Stimmung gesorgt haben. Wir haben dominiert, sind in Führung gegangen, haben dann ein dummes Gegentor kassiert und in der Verlängerung einen Strafstoß verschossen.“

Elfmeter „versemmelt“, Aufstieg verpasst

Das Elfmeterschießen musste die Entscheidung bringen. Dann geschah es: Michel musste treffen. Er lief an, schoss rechts halbhoch – ein dankbarer Torwartball. „Ich hab’s versemmelt“, sagt er. Übel nahm’s ihm keiner. „Es war zwar nicht die Aufstiegsparty, auf die wir gehofft hatten. Aber war haben trotzdem noch gut gefeiert.“

Und wo hat er lieber gespielt? Felix Michel will sich nicht festlegen. Der schönere Fußball sei in Portugal gespielt worden, der trotz der Härte fairere in Schottland. „Spaß hat’s auf jeden Fall mit beiden Teams gemacht.“

Von Stefan Weisbrod