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Lokalsport Ein bisschen Sport und ganz viel Drumherum
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16:00 29.01.2021
Stand mal vor der Zimmertür: Toni Innauer.
Stand mal vor der Zimmertür: Toni Innauer. Quelle: Imago)
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Wehrda

Skispringen. Weltcup. In Willingen. Und Fans denken sofort nicht nur an Weltklassesport, sondern auch an die tolle Atmosphäre an der Schanze, an die Partys vorher, nachher, drumherum. Und jetzt? Corona. Und deshalb ist diesmal auch im Upland alles anders. Vieles jedenfalls: gesprungen wird, Zuschauer sind aber nicht dabei. Schade, finden auch Pierre Graf und Alexander Usinger – und erinnern sich daran, wie es früher war …

Früher, das ist in dem Fall zwischen zehn und 20 Jahre her. Denn so etwa zwischen 2000 und 2010 war für die beiden heute 44-Jährigen ein Wochenende im Jahr fix verplant – das nämlich, an dem der Weltcup in Willingen stattfand. Die beiden aus Wehrda waren Stammgäste an der Mühlenkopfschanze, auch im bekannten Hotel „Sauerlandstern“ – meist mit etwa einer Handvoll weiterer Leute aus dem Marburger Stadtteil.

Einen Aufruf der OP bei Facebook kommentiert Alexander Usinger, verlinkt darin unter anderem Pierre Graf – erste Stichworte fallen, auch Namen, etwa der von Roberto Cecon. Telefonisch erzählen sie, was es damit auf sich hat.

Partyabende mit Roberto Cecon

Cecon ist ein früherer italienischer Skispringer – oder, wie es Graf ausdrückt: „Er war der italienische Skispringer. Denn sonst gab es damals keine.“ Und weil das um das Jahr 2000 herum so war, hatte er in Willingen in der Regel einen freien Tag. „Damals war es so, dass am Samstag das Einzelspringen und am Sonntag das Teamspringen war“, blickt Graf zurück. Während „so mancher Springer“ in der Disco des „Sauerlandsterns“ samstagabends zwar auch „ordentlich Party gemacht“ habe, mit Blick auf den Wettkampf am nächsten Tag aber lieber zu früh als zu spät den Rückzug antreten musste, hatte Cecon diese Last nicht – er hatte schließlich kein Team.

Zusammen wurde so manches Kaltgetränk verzehrt – nicht nur einmal: „Wir haben ihn die nächsten Jahre wieder getroffen. Er hat uns dann auch erkannt“, erzählt Usinger. Insgesamt, so der Eindruck der beiden Wehrdaer, seien die Skispringer „erstaunlich partyfest“ gewesen: „Sie sind ja alle recht schmächtig. Dafür haben die meisten aber gut durchgehalten.“

Zimmerbesuch von Toni Innauer

Auf Toni Innauer, zu dieser Zeit Sportdirektor des österreichischen Teams, trafen die Fans aus Wehrda nicht in der Disco – dafür stand der Olympiasieger von 1980 einmal plötzlich im Hotel vor ihrer Tür. In ihrem Zimmer, berichten sie, habe es nach einer Partynacht wohl nicht sonderlich gut gerochen. Es klopfte, die Tür wurde geöffnet.

„Toni Innauer stand da, hatte eine Brille und eine Wintermütze auf“, erinnert sich Usinger. „Wir beide haben wohl ‚hä!?‘ gedacht. Ich habe dann gefragt, ‚was gibt’s?‘“ Er habe „mal eine Luftprobe nehmen“ wollen, antwortete der frühere Skisprungstar mit österreichischem Dialekt, grinste und ging weg. Offenbar hatte er sich schlicht in der Etage vertan.

Ein Wehrdaer im norwegischen Team

Und sonst? Überlegen Graf und Usinger, fällt ihnen noch viel mehr ein. Viel zu viel, um alles ausführlich zu erzählen. Dann eben manches kurz: So die Geschichte von einem Kumpel, der mal einen roten Overall getragen hatte und deshalb vorm Hotel von Fans für ein Mitglied des norwegischen Teams gehalten wurde. Autogrammwünsche erfüllte er geduldig.

Oder die eines anderen, der nach Abschluss eines Wettbewerbs über die Absperrung kletterte, um auf einer Plastiktüte den Aufsprunghang herunterzurutschen – mit der Folge, dass seine Jeans für einen langen blauen Streifen auf dem Schnee sorgte, nachdem die Tüte nach nur wenigen Metern weggerissen war. Aber warum macht man so was? In dem Fall, um eine Wette zu gewinnen.

Und was war mit dem Sportlichen? „Also, wenn die Deutschen gut gesprungen sind“, sagt Graf, „haben wir uns darüber natürlich gefreut.“

Von Stefan Weisbrod