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Lokalsport Eike Immel hat sein Glück gefunden
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08:00 27.11.2020
Im Stadtallendorfer Herrenwaldstadion macht Eike Immel heute das, was er wie kaum ein anderer kann: Fußball-Torhüter ausbilden. Quelle: Marcello Di Cicco
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Stadtallendorf

Ursprünglich hatte Eike Immel an eine Feier gedacht. Mit dem ein oder anderen früheren Fußball-Nationalspieler. Mit ehemaligen Weggefährten. Doch die Corona-Pandemie macht dem Ex-Nationaltorhüter, der am Freitag, 27. November, seinen 60. Geburtstag feiert, einen Strich durch die Rechnung. „Nicht schlimm“, sagt der Jubilar, „denn im Gegensatz zu Louis van Gaal bin ich kein Feierbiest“, scherzt Immel in seiner gewohnt lässigen Art.

Lieber Maffay als Hip-Hop

Immel lässt es ruhiger angehen – passend zu seinem Lebenswandel, den er vollzogen hat, als der auf einem Bauernhof in Erksdorf aufgewachsene frühere Spitzentorwart 2016 zurück nach Stadtallendorf kam und seither bei seinem Heimatverein TSV Eintracht das macht, was er nach seiner Karriere immer machen wollte: als Torwarttrainer arbeiten. „Ich glaube, dass ich das brutal gut kann“, sagt Immel, der neben seiner Tätigkeit als Trainer der zweiten Eintracht-Mannschaft in der Kreisliga A die Keeper des Regionalliga-Teams trainiert. Überdies „eine junge Gruppe aus Torhütern“, wie er sagt.

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Es sind Tätigkeiten, die ihm wichtig sind. „An manchen Tagen fühle ich mich wie 30, an anderen wie 80“, sagt Immel, „aber generell fühle ich mich jünger als ich bin, was damit zu tun hat, dass ich häufig mit jungen Leuten arbeite.“ Auch wenn er lieber einen Stift nutzt als bei Facebook oder Twitter in die Tasten zu hauen – in beiden sozialen Netzwerken ist er nicht aktiv – und auch wenn er statt fetter Hip-Hop-Beats lieber Michael Holm oder Peter Maffay hört.

Bundesliga-Debüt als 17-Jähriger

Der Weg zurück – es war ein langer. Und zuletzt ein steiniger. Als 15-Jähriger verließ er den TSV in Richtung Dortmund, debütierte 1978 als 17-Jähriger in der Bundesliga gegen den FC Bayern München, absolvierte bis 1986 247 Partien im deutschen Oberhaus für den BVB, ehe seine erfolgreichste Zeit auf Vereinsebene begann. Zwischen 1986 und 1995 lief er 287-mal für den VfB Stuttgart in der Bundesliga auf. Unvergessen: Die Deutsche Meisterschaft 1992, als Immel mit den Schwaben erst am letzten Spieltag der Frankfurter Eintracht und Dortmund den Titel vor der Nase wegschnappte.

„Das war eine super Saison, und wir hatten eine tolle Mannschaft mit Spielern wie Guido Buchwald, Matthias Sammer oder Fritz Walter“, erinnert sich Immel, der 1997 seine aktive Karriere bei Manchester City ausklingen ließ. Nach einem Engagement als Cheftrainer beim VfR Heilbronn folgte Immel seinem Meistertrainer Christoph Daum, wurde Torwarttrainer bei Besiktas Istanbul, Austria Wien und Fenerbahce Istanbul, wo er Thomas Mandl (Österreich) und Volkan Demirel (Türkei) zu Toptorhütern ihrer Nationen machte.

„Sehenden Auges in die Katastrophe“

„In meinen letzten Profijahren bin ich dann sehenden Auges in die Katastrophe hineingeschlittert, weil die Kosten fürs Leben einfach explodiert sind“, erzählt Immel, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: Er spricht über Bauherrenmodelle in Hagen-Haspe, die ihn „weit über eine Million D-Mark“ gekostet hätten, über teure Autos, die er sich gerne leistete und Frauen, denen er teure Geschenke machte. Hinzu kam ein Hüftleiden.

„Ich war immer großzügig“, sagt Immel – und stellt rückblickend fest: „Die Leute, denen ich am meisten Gutes getan habe, waren meistens die größten Enttäuschungen.“ Nach seiner Trainerkarriere prägten Negativschlagzeilen Immels Bild in der Öffentlichkeit: Gerichtsverhandlungen, Privatinsolvenz, Teilnahme am RTL-Dschungelcamp. Bis Unternehmer und Eintracht-Finanzvorstand Wolfgang Schratz ihn vor einigen Jahren anrief und überredete, zurück in die Heimat zu kommen. „Wolfgang und der Eintracht bin ich unendlich dankbar“, betont Immel im OP-Gespräch.

Immels Buch ist „so gut wie fertig“

Wenn Immel dieser Tage wegen der Corona-Pandemie nicht Torhüter ausbildet, dann widmet er sich seinen Erinnerungen. Derzeit schreibt er ein Buch über sein Leben, ist damit „so gut wie fertig“, verrät er. Eine typische Autobiografie soll es allerdings nicht werden. „Ich erzähle über alle möglichen Dinge: Vertragsverhandlungen, Skandale und auch über witzige Anekdoten – etwa bei den Weltmeisterschaften“, gibt Immel einen Vorgeschmack auf das, was seine Leser erwartet.

Bei den WM-Endrunden 1982 und 1986 gehörte er – ohne Einsatz – zur DFB-Auswahl, wurde mit ihr jeweils Vize-Weltmeister. Überdies wurde er mit dem deutschen Team 1980 als dritter Keeper Europameister. „Diese Erfolge stehen zwar in meiner Visitenkarte, sie bedeuten mir aber nichts, weil ich nicht zum Einsatz kam“, sagt Immel. Schon mehr zählt für ihn das Erreichen des Halbfinales bei der EM 1988, wo er als Stammkeeper im Tor der Deutschen stand, ehe der mit 19 Jahren bis heute jüngste Torwart-Debütant in der Nationalelf wenig später wegen Differenzen mit dem damaligen Teamchef Franz Beckenbauer 1988 überhastet zurücktrat, weshalb kein 20. Länderspiel mehr hinzukam. Die Spiele gegen die Größten der Großen wie den erst kürzlich verstorbenen Diego Maradona oder Marco van Basten bleiben ihm aber für immer.

„Ich brauche keine Rolex“

Inzwischen lebt Immel in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Stadtallendorf – „glücklich alleine“, wie er sagt. Von materiellen Dingen hat er sich aufgrund seiner Lebenserfahrungen längst verabschiedet. „Ich brauche keine Rolex, keinen Porsche, keine Prada-Tasche. Etwas zu essen, trinken und ein Dach über dem Kopf. Das zählt“, sagt er voller Überzeugung. Und die Menschen, die er an seiner Seite hat, die zu ihm stehen, sind das, was ihm heute wichtig ist – wichtiger denn je. Dazu gehören seine Mitstreiter von der Stadtallendorfer Eintracht – und seine Kinder Daniel (33) und Desiree (30).

„Beide haben immer zu mir gehalten, wobei sie es nie leicht hatten“, stellt der frühere Fußball-Profi fest. Und sie sind es auch, die er an seinem Ehrentag gerne um sich hätte. „Wünsche habe ich keine zum Geburtstag. Höchstens, dass alle gesund bleiben und ihr normales Leben wiederbekommen. Ich hatte selbst Corona. Zwei, drei Tage ging es mir damit richtig schlecht.“

Von Marcello Di Cicco