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Lokalsport Für Alexander Hirschhäuser läuft’s
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14:58 10.01.2021
Alexander Hirschhäuser. Foto: Thorsten Richter
Alexander Hirschhäuser.  Quelle: Alexander Hirschhäuser. Foto: Thorsten Richter
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Marburg

2020 würden viele Amateursportler wohl gerne aus ihrer Vita streichen. In einigen Sportarten fielen reihenweise Wettkämpfe aus, Saisons wurden abgebrochen oder unterbrochen, Training war – wenn überhaupt – oft nur eingeschränkt möglich. So auch für Alexander Hirschhäuser. Für den Langstreckenläufer war es dennoch „mein erfolgreichstes Jahr, was die persönlichen Bestleistungen angeht und was daraus entsprungen ist“.

Bei den wenigen Wettbewerben, die letztlich stattfanden, glänzte der gebürtige Oberdietener auf ganzer Linie, platzierte sich mit seinen Leistungen gleich sechsmal – über 5 000 Meter, 10 000 Meter, 10 Kilometer auf der Straße, im Halbmarathon, Marathon und über 3 000 Meter Hindernis – in der offiziellen deutschen Bestenliste. Zufall? Keineswegs! „Der ‚Vorteil‘ der Pandemie war für mich, dass ich ruhiger trainieren konnte“, stellt Hirschhäuser fest. Nach einem Mittelfußbruch im September 2019 lief der 28-Jährige drei Monate lang auf Krücken, erst im Trainingslager an der portugiesischen Algarve fing er im vergangenen Januar wieder mit Sport an, spulte auf dem Rennrad seine Kilometer ab und schnürte erstmals wieder seine Laufschuhe.

Mit dem ersten Lockdown im März machte Hirschhäuser aus der Not eine Tugend. Wo andere Sportler mit der Sinnhaftigkeit ihres Tuns wegen fehlender Ziele haderten, sagten er und seine Trainingskollegen beim ASC Breidenbach sich: „Dann können wir trainieren, was wir wollen.“ Und dies taten sie auch. Viele Tempoläufe und Einheiten, „die wir so sonst nicht gemacht hatten“, wurden absolviert. „Und man konnte mehrere Wochen ohne Wettkampf gut durchtrainieren. Sonst hatte man sich in Wettkämpfen sehr verausgabt. Oder man hatte Wochen, in denen es direkt nach Wettkämpfen nicht so sinnvoll war, wieder draufzutrainieren. Das fiel alles weg. Ich hatte einige Wochen, in denen ich Umfang und Qualität hatte, was ich sonst nie hatte.“

120 bis 130 Kilometer – mehr als früher – läuft Hirschhäuser pro Woche, „so viel wie möglich“ mit Teamkollege Kilian Schreiner. Für Hirschhäuser überraschend kam er im vergangenen Sommer sogar an die Zeiten über 5 000 und 10 000 Meter heran, die sein ASC-Trainingspartner 2019 aufgestellt hatte. „Ich hätte im ersten Quartal 2020 nie erwartet, dass ich im nächsten Quartal solche Zeiten laufe“, sagt der Doktorand an der Uni Marburg.

Bei einem Rundkursrennen (Halbmarathon) auf dem Messegelände in Frankfurt glänzte Hirschhäuser in einem auserlesenen internationalen Läuferfeld als Sechster von 32 Teilnehmern, unterbot seine eigene Bestmarke um mehr als vier Minuten und wurde mit neuer Regionsrekordmarke in 64:31 Minuten drittbester deutscher Starter. Um lediglich 31 Sekunden verpasste er damit die Norm für die Halbmarathon-WM, die zuvor verschoben worden war und für die der Wettkampf als Ausscheidungsrennen galt. „Ich habe mich aber nicht geärgert, dass mir die halbe Minute gefehlt hat, weil ich wusste, wen ich um mich herum hatte.“ Etwa das deutsche Läuferass Arne Gabius ließ der Oberdietener weit hinter sich.

Doch dies war nur „eines der beiden Highlights“ für Hirschhäuser. Sein zweites: seine Marathon-Premiere in Bernöwe/Oranienburg, wo er in 2:18,53 Stunden gewann und knapp den seit 1989 bestehenden Regionsrekord von Ulrich Wolf (TV Wetter; 2:17,23) nur knapp verpasste. „Die 2:17 von Uli Wolf hatte ich immer im Kopf. Ich wusste genau, dass er die damals in Berlin gelaufen ist“, verrät der 28-Jährige. „Ich dachte mir nach der Hälfte des Rennens angesichts meiner Zeit aber, dass es schwer wird, überhaupt die 2:20 zu knacken“, trauert er dem verpassten Rekord nicht nach, denn: „Dafür habe ich das ja im Halbmarathon geschafft.“

Nach einem überaus erfolgreichen Jahr tritt Hirschhäuser für dieses Jahr etwas auf die Euphoriebremse, und dies nicht nur, „weil beim Marathon alles passen muss – gerade mit der Gesundheit“, weiß der Langstreckler.

„Ich denke nicht, dass die Verbesserung noch mal so enorm sein wird. Ich wäre schon froh, dass Niveau zu halten oder mich zumindest etwas zu verbessern und noch mal einen guten Marathon hinzulegen“, wünscht sich Hirschhäuser im Wissen, „dass der zweite, dritte oder welcher auch immer – einer wird in die Hose gehen“. Auch weil er sich stärker auf seine Promotion konzentrieren muss, liegt der Fokus woanders.

Deshalb blickt der Läufer fast schon etwas erwartungsvoller ins kommende Jahr. „Wenn ich gesund bleibe, das Niveau halten oder sogar noch etwas draufsetzen kann, ist bei einer 2:18er-Zeit im Marathon der nächste Schritt die Norm für einen internationalen Wettkampf.“ Die Norm von 2:11,30 Stunden für die Olympischen Spiele in Tokio in diesem Jahr sei zwar unrealistisch, nicht aber die Qualifikation für einen europäischen Mannschaftswettbewerb.

Von Marcello Di Cicco

09.01.2021
09.01.2021