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Lokalsport Erinnerung an eine legendäre Zeit
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13:59 02.10.2021
5. Juni 2005: Der TTV Re-Bau Gönnern gewinnt unter Trainer Helmut Hampl (links) mit Timo Boll (ab Drittem von rechts), Jörg Roßkopf, Slobodan Grujic und Patrick Baum die Tischtennis-Champions League.
5. Juni 2005: Der TTV Re-Bau Gönnern gewinnt unter Trainer Helmut Hampl (links) mit Timo Boll (ab Drittem von rechts), Jörg Roßkopf, Slobodan Grujic und Patrick Baum die Tischtennis-Champions League.
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Biedenkopf / Gönnern

Wenn man in Deutschland über Tischtennis spricht, fällt zwangsläufig der Name Timo Boll. Wenn man über Tischtennis im Landkreis Marburg-Biedenkopf spricht, fällt zwangsläufig auch der Name Timo Boll. Der Name Torsten Märte eher beiläufig. „Ach, das ist doch der vom TTV Gönnern“, kommt dann doch dem einen oder anderen über die Lippen. Klingt despektierlich, ist aber sicherlich gar nicht so gemeint.

Schließlich ist Torsten Märte nicht einfach „der“ vom TTV Gönnern, sondern einer der Macher, wenn nicht sogar „der Macher schlechthin“ des Tischtennisvereins aus dem rund 1 600 Einwohner kleinen Ortsteil der Gemeinde Angelburg. Der inzwischen 61-jährige Märte war aber eher der Macher im Hintergrund und vor allem mitverantwortlich für den rasanten Aufstieg des TTV Gönnern mit ab 1996 legendären knapp 15 Jahren in der Bundesliga. Das Aus des Vereins im Profisport im Jahr 2009 konnte selbst er trotz größter Anstrengungen nicht verhindern.

Märte drängte sich nie in die Öffentlichkeit, selbst in den Jahren 2005 und 2006 nicht, als der TTV Re-Bau Gönnern zweimal die Champions League gewann. Vor die Presse und die Kameras gingen andere. Gefragt waren vor allem die Spieler Boll und Jörg Roßkopf, die gemeinsam mit Slobodan Grujic und Ergänzungsspieler Patrick Baum mit Gönnern den größten europäischen Titel zweimal gewannen.

Märte wich den Medien aber auch nicht aus, zeigte ihnen nicht die kalte Schulter. Er stand immer Rede und Antwort, beantwortete jede Frage offen, sachlich, selbstkritisch und ehrlich – auch die unangenehmen am Ende einer grandiosen Ära. „Wir sind mehr als zehn Jahre im Tischtennis-Profisport groß mitgeschwommen. Erkennen und zugeben zu müssen, dass wir letztlich einen Betrag von zu D-Mark-Zeiten 1,3 bis 1,5 Millionen nicht mehr aufbringen konnten, war sehr enttäuschend“ und einer seiner bittersten Momente.

Ein weiterer knüpft daran an: In der zweiten Champions-League-Saison hatte Gönnern entschieden, eine Partie im Rhein-Main-Gebiet auszutragen. Der Verein hatte in der Flughafen-Betreibergesellschaft Fraport einen großen Unterstützer: „Fraport versorgte ganz Frankfurt mit Flyern. 600 000 gingen an alle Haushalte. Jeder von uns dachte, die Halle wird mit 6 000 Besuchern ausverkauft sein. Sie war letztlich aber halb leer. Dies war sehr ernüchternd“, erinnert sich Märte und ergänzt. „Ich bin wirklich kein Dauerpessimist. Aber seit 20 bis 30 Jahren wird versucht, dem Tischtennis mehr TV-Präsenz zu verschaffen. Das hat nicht funktioniert und wird es auch zukünftig nicht. Tischtennis ist einfach in Europa kein Fernsehsport.“

Unter dem Strich, sagt Märte, überwiege aber das Positive, wenn er zurückblickt. Dabei nennt er zwei absolute Highlights: „Dass wir 1997 mit dem noch jungen Timo Boll (Anm. d. Red.: Boll war 16) Deutscher Pokalsieger wurden, war sensationell.“ Unvergessen auch das Finalrückspiel in der Champions League 2005 in Dillenburg vor 2 000 Zuschauern, als man das 1:3 gegen das schier unbesiegbare belgische Team Royal Villette Charleroi wettmachte und erstmals den größten europäischen Titel gewann. „Das war nur noch phänomenal. Nicht zu vergessen, dass unser Trainer Peter Hampl den Spieler Boll seinerzeit so formte, dass er zwischenzeitlich die Nummer eins der Welt wurde.“

Inzwischen hat Torsten Märte dem Tischtennis-Sport leise ade gesagt. Bis vergangenes Jahr stand er für den TV Angelburg auf Bezirksebene noch aktiv an der Platte, dann machte die Hüfte nicht mehr so richtig mit. Da bleibt doch etwas mehr Zeit für seine Familie und vor allem als Großvater für „zwei tolle Enkeltöchter, die jetzt vier und sieben Jahre alt sind. Und wenn alles gut geht, werde ich im Januar zum dritten Mal Opa“, freut sich Märte.

Im „richtigen Leben“ ist der Diplom-Finanzwirt Steuerberater und Gesellschafter in der Kanzlei Jakowetz+Partner. Die J+P-Gruppe besteht aus 7 Partnern und insgesamt ca. 70 Köpfen mit Standorten in Biedenkopf, Gießen, Bad Endbach und Niederweimar. Inzwischen ist Märte auch der sogenannte Senior-Partner, „da leider schon der Älteste in der Runde“, fügt er hinzu.

Älter geworden sind inzwischen auch die ehemaligen Granden des TTV, zu denen er immer noch gute Kontakte hat.

Selbstverständlich bleibt der Tischtennis-Sport immer im Hinterkopf. „Wenn Boll und Co. spielen, fiebere ich immer noch mit.“ Mit etwas Abstand nach einer überaus legendären Zeit.

Von Michael E. Schmidt