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Eis ist ihm lieber als die EM
Eis ist ihm lieber als die EM
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19:25 18.06.2021
Elsio Costa betreibt seit 2015 die Eisdiele „Gelado Costa“ in Marburg-Ockershausen. Das EM-Spiel Deutschland – Portugal verfolgt der 37-jährige Portugiese entspannt.
Elsio Costa betreibt seit 2015 die Eisdiele „Gelado Costa“ in Marburg-Ockershausen. Das EM-Spiel Deutschland – Portugal verfolgt der 37-jährige Portugiese entspannt. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steht an diesem Samstag (18 Uhr / ARD) bei der Europameisterschaft ein Schicksalsspiel auf dem Programm. Nach der 0:1-Niederlage gegen Weltmeister Frankreich sollten sich die Schützlinge von Bundestrainer Jogi Löw gegen Titelverteidiger Portugal keinen weiteren Patzer erlauben, will sie die Hoffnung auf den Einzug ins Achtelfinale am Leben erhalten.

Während Fans hierzulande mit der DFB-Elf hoffen und bangen, lässt sich Elsio Costa dieser Tage nicht vom EM-Fieber anstecken. Doch dies liegt nicht etwa daran, dass der 37-jährige Portugiese die Partie entspannter verfolgen könnte, weil Cristiano Ronaldo und Co. nach dem 3:0-Auftaktsieg gegen Ungarn nicht so sehr unter Zugzwang stehen wie das deutsche Team. Fußball, gesteht Costa, ist einfach nicht sein Ding.

„Ich gucke eigentlich keinen Fußball, hatte nie dieses Fieber dafür“, gesteht Costa. „Früher habe ich mit Kumpels im Café oft Fußball geschaut, doch danach gab es häufig Streitereien, sodass ich mir gesagt habe: Das ist nichts für mich“, erzählt der Portugiese, der sich mehr für Fitnesssport interessiert und diesen – vor allem im Winter – dafür nutzt, jenen Stress abzubauen, den seine Arbeit mit sich bringt.

Costa stammt gebürtig aus Viseu, etwa eine Autostunde von Porto und zwei Fahrtstunden von der portugiesischen Hauptstadt Lissabon entfernt. Nach Marburg kam er erstmals 2006 – allerdings nicht durch Zufall. „Mein Bruder war etwa zwei Jahre vorher bereits hierhergekommen“, erzählt der 37-Jährige, der ab dem Jahr der Heim-WM für immer etwas mehr als sechs Monate als Saisonarbeiter in einer Eisdiele in Marburg arbeitete, ehe es ihn über die Wintermonate regelmäßig wieder zurück in die Heimat zog. Etwa sechs Jahre ging dies so, bis er einen beruflichen Abstecher machte, in Marburg als Pizzabäcker arbeitete, sich dabei das Handwerkszeug aneignete, das er als Gastronom brauchte. „Viele Leute halten mich für einen Italiener“, sagt Costa und lacht. Verwundern mag es nicht, schließlich klingt sein Name nicht nur italienisch, er beherrscht auch die italienische Sprache.

Die Frage, warum er sich letztlich für eine Eisdiele entschied und nicht für seine eigene kleine Pizzeria, beantwortet der Portugiese so: „Pizzerien gibt es schon so viele in Marburg. Außerdem kannst du bei einer Eisdiele vieles vorbereiten und hast alles da, auch wenn du keine Mitarbeiter hast.“

Seit 1. Mai 2015 ist er im Besitz seiner eigenen Eisdiele „Gelado Costa“ in Marburg-Ockershausen – und entschloss sich damit an einem beruflichen Scheideweg für die Selbstständigkeit und gegen die Option, die Gastronomie komplett zu verlassen. Bewusst, denn Costa weiß, was es heißt, selbstständig zu sein: „Du kommst auf viele Stunden Arbeit, muss immer da sein, gerade wenn du keine Mitarbeiter hast, musst auf Sauberkeit achten. Kurzum: Du musst dich um alles selbst kümmern, arbeitest im Sommer von morgens bis abends.“

Doch Costa wollte mutig sein, in jungen Jahren etwas ausprobieren, einen Schritt wagen, zu dem sich andere nicht durchringen wollen oder können, dies aber vielleicht im Alter bereuen. Seine Entscheidung pro eigene Eisdiele hat er zumindest nicht bereut: „Ich habe damals immer viele Stunden für meinen Chef gearbeitet, war fleißig. Jetzt arbeite ich für mich. Das ist besser, weil du mutiger bist.“

Mutiger – ein Stichwort, das sich die deutsche Auswahl vor dem Spiel gegen die Portugiesen auf die Fahnen geschrieben hat, waren die Offensivbemühungen gegen Frankreich doch zu verhalten. „Klar freue ich mich, wenn Portugal ein Spiel gewinnt“, lässt sich Costa dann doch noch etwas zur EM entlocken. Wirkliche Begeisterung entfacht die Partie an diesem Samstag bei ihm allerdings nicht. „Wenn ich in der Vergangenheit mal einen Fernseher aufgestellt habe, dann habe ich das nur für meine Kunden gemacht. Ich verfolge das alles mit Abstand“, sagt Costa und gibt zu bedenken, dass man als Gastronom bei Kunden unterschiedlicher Fan-Interessen immer zwischen den Stühlen sitze.

Von Marcello Di Cicco