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Lokalsport Eine Begegnung der anderen Art
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10:59 09.10.2021
Lukas Muszong (links) vom Bremer SV attackiert Leroy Sané vom FC Bayern München. Der Bremer SV unterlag dem Rekordmeister im DFB-Pokal mit 0:12.
Lukas Muszong (links) vom Bremer SV attackiert Leroy Sané vom FC Bayern München. Der Bremer SV unterlag dem Rekordmeister im DFB-Pokal mit 0:12. Quelle: Foto: Imago
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Bremen

Wenn Träume – von schlimmen Albträumen abgesehen – in Erfüllung gehen, dann ist Freude angesagt. Ein Fußballer etwa träumt in jungen Jahren davon, einmal in der Nationalmannschaft spielen zu dürfen. Auch Lukas Muszong hat dereinst den Blick ganz nach oben gerichtet. Er beginnt bei der Jugendspielgemeinschaft Salzbödetal seine fußballerische Karriere und macht durch Leistung auf sich aufmerksam. Nach der D-Jugend wechselt er in die C-Jugend von Gießen-Wieseck und erringt mit seinem Team den Hessenmeistertitel. „Aber der Sprung in ein Leistungszentrum war mir nicht vergönnt“, sagt der inzwischen 26-Jährige. Nach einem Probetraining bekommt er eine Absage. Dennoch bleibt er ambitioniert. „Der Fußball begleitet mich seither auf meinem Lebensweg“, betont er. Nach ganz oben wird es offenbar nicht gehen. Also werden andere Ziele ins Visier genommen.

Nach dem Abitur an der Europaschule in Gladenbach entscheidet er sich 2013 für einen Aufenthalt in den USA. Für einen 18-Jährigen ein mutiger Schritt. Seine Eltern unterstützen ihn dabei nach Kräften. Der Fußballer erhält über ein Sportstipendium einen Studienplatz am Bethel-College in Indiana, für das er fortan auch seine Fußballstiefel schnürt. Dort bringt er es zum Bachelor in Mathematik. „Der USA-Aufenthalt war ein prägendes Erlebnis“, erinnert er sich, „ich bin viel herumgereist und habe Kontakte zu Menschen aus aller Welt geschlossen.“

2018 kehrt er zurück nach Deutschland und muss sich neu orientieren. Er findet als Fußballer eine neue Heimat in Bremen, dem Heimatort seines Vaters Bernd. Dort lebt er in einer Wohngemeinschaft mit seinem Bruder Sebastian, spielt als Vertragsamateur für den Fünfligisten Bremer SV, studiert seit 2020 das Fach „Künstliche Intelligenz und strebt aktuell den Titel „Master of Science“ an.

Beim Fünftligisten ist der Mittelfeldspieler inzwischen Stammspieler, Mitglied des Mannschaftsrates und zweiter Kapitän. „Wir wollen gerne in die Regionalliga aufsteigen“, sagt er, „einmal haben wir das Ziel bereits verfehlt.“ Die Teamleistung habe unter der hohen Spielerfluktuation gelitten, aber jetzt sei wieder Stabilität eingekehrt. Das mag auch die Tatsache belegen, dass der SV zuletzt den Bremen-Pokal geholt hat und sich für die erste Runde des DFB-Pokalwettbewerbs qualifiziert hat. Und es geschieht, was nur wenigen vergönnt ist: Muszong und seinen Kollegen wird als Gegner der große FC Bayern München zugelost.

Traum erfüllt

Jetzt erfüllt sich ein Traum: „Wir sind fast ausgeflippt, als uns die Bayern zugelost wurden. Es war wie in einem Film. Wir haben die Ziehung der Paarung gemeinsam bei unserem Hauptsponsor angeschaut.“ Ab sofort herrscht schier nicht enden wollender Trubel beim Fünftligisten. Fast in jedem Training sind Leute von Funk, Fernsehen und Zeitungen vor Ort, um Neues von den Nobodys zu berichten und den Kampf von David gegen Goliath medial zu inszenieren. Der Bremer SV erlebt plötzlich das ganz große Kino. „Wir haben einmal Profi-Luft schnuppern dürfen. Das bleibt unvergessen“, sagt Muszong. Zunächst grätscht Corona dazwischen. Denn das für Anfang August angesetzte Spiel wird verlegt auf den 25. August, weil sich einige Spieler des SV mit dem Virus infiziert haben.

Doch dann kann der Showdown beginnen. Vor dem Anpfiff der ins Weserstadion verlegten Partie gehen die Gastgeber zu einem gemeinschaftlichen Essen ins Hotel und fahren mit dem Mannschaftsbus auf das Stadiongelände. „Als wir im Spielertunnel waren und das Kommando zum Einlaufen erwarteten, standen Thomas Müller und Joshua Kimmich neben mir. Wir grüßten uns mit Handschlag“, schildert Muszong die Situation. Auf dem Spielfeld lassen die Bayern, die ohne Manuel Neuer und Leon Goretzka auflaufen, vor 10 000 Zuschauern keinen Zweifel am Gelingen ihres Vorhabens aufkommen. Muszong ist beeindruckt: „Sie begegneten uns mit Respekt und agierten hochkonzentriert. Da hat keiner kürzer getreten. Sie spielten hohes Tempo, wollten stets den Ball haben und ließen diesen und uns laufen.“ Am Ende heißt es 0:12. Kein Anflug von Trauer bei den Geschlagenen. Sie sind Teil eines Spektakels. „Es war das Spiel meines Lebens“, erklärt Muszong.

Schließlich erhält er das Trikot von Bayerns Offensivkraft Jamal Musiala, dann noch Shakehands mit den anderen, und der Zauber ist vorüber. Wenige Tage später hat ihn der Fünftliga-Alltag wieder. „Wir mussten auf einem ‚Acker‘ bei Bremen antreten.“ Wo er sich doch so gerne an das soeben Erlebte gewöhnen würde. Doch er hält dem Fußball die Treue. „Damit kommt man rum“, sagt er, „ich bin offen für alles und möchte gerne wieder etwas Neues sehen.“

Von Bodo Ganswindt