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11:00 03.11.2019
Kaffee statt Fußball: Alexander Huber hat sich nach der Sportlerkarriere neue Ziele gesetzt. Quelle: Privatfoto
Rodgau

Jahrelang bestimmte­ der Sport sein Leben: Heim- und Auswärtsspiele, Trainingslager und -einheiten, Fitness- und zwischendurch auch immer mal wieder Rehapläne. Der Linksverteidiger stieg mit der Frankfurter Eintracht in die Bundesliga auf und mit der Braunschweiger Eintracht aus der zweiten Liga ab, hatte gute Jahre bei Kickers Offenbach und beim FSV Frankfurt, bestritt für sechs Clubs mehr als 300 Spiele in den höchsten drei Spielklassen (siehe Kasten).

Als seine Karriere als Profi im Herbst 2017 endgültig vorbei war, wollte Alexander Huber aber mit dem Fußball zunächst gar nichts zu tun haben. „Da brauchte ich Abstand“, erzählt der 34-Jährige, der in Neustadt aufwuchs, im Gespräch mit der Oberhessischen Presse. Inzwischen hat sich das geändert: „Umso mehr Zeit vergeht, umso mehr kribbelt es wieder.“ Donnerstags trifft er sich daher mit „ein paar Alten Herren zwischen 30 und 60“ zum Kicken.

Ab und zu bekomme er Anfragen von Clubs, beschäftigt sich auch damit: „Ich fühle mich fit.“ Im Amateurbereich zu spielen, zum Beispiel in der Kreisoberliga, „das könnte ich mir schon vorstellen“. Vielleicht steht Huber tatsächlich bald wieder im Trikot auf dem Fußballplatz – allerdings eher nicht im Marburger Raum: Der Plan, kurzfristig noch einmal in wichtigen Spielen für seinen Heimatverein VfL Neustadt aufzulaufen, zerschlug sich vor einiger Zeit, wie er erzählt.

Sollte er noch einmal in ­einer Mannschaft aktiv werden, dann wohl in der Nähe von Rodgau. Dort lebt er mit Frau Irina und den beiden Töchtern. Er sei „immer wieder gern zu Besuch“ in Oberhessen, betont er, „unser Zuhause als Familie ist aber im Rhein-Main-Gebiet“.

Umschulung zum Restaurantfachmann

Im eigenen Heim ist Huber aktuell so häufig wie nie zuvor. Er gönnt sich eine berufliche Auszeit, seit er im Sommer eine Umschulung zum Restaurantfachmann beendet hat. „Ich mache aktuell nichts“, sagt er zunächst, korrigiert sich dann selbst: „Das stimmt so natürlich nicht.“ Er kümmert sich vor allem um seine Töchter: die vierjährige Noomi und die sechsjährige Lina. „Das ist wunderbar, ich ­genieße das sehr.“

Als Berufsfußballer, auch schon als Jugendspieler, hatte er wenig Freizeit: „Wenn andere feiern gegangen sind, war ich mit meiner Mannschaft unterwegs.“ Und nach seiner Karriere als Profisportler – nachdem er im Herbst 2017 noch einmal für seinen Ex-Club Kickers Offenbach in einem Freundschaftsspiel gegen Bayern München mitwirkte, zog er einen Schlussstrich – stand er an sechs Tagen in der Woche bis spät abends im Restaurant.

Ein Stück weit, so scheint es, hadert der Hobbykoch damit: „Ich hatte nur montags frei, da hat meine Frau gearbeitet und meine Kinder waren im Kindergarten.“ Vor Beginn seiner Umschulung bei einem Italiener in Heusenstamm sprach er davon, einmal ein eigenes Restaurant haben zu wollen.

Das Ziel der Selbstständigkeit verfolgt er weiterhin, jedoch in veränderter Form: Er könne sich nun eher vorstellen, ein Café zu eröffnen. Dass auch das mit „einer Menge Arbeit verbunden“ ist, stört ihn nicht: „Die Öffnungszeiten sind entscheidend. Ich möchte nicht an fast jedem Tag erst um Mitternacht zu Hause sein.“

"Ich will nicht Mittelmaß sein"

Sein beruflicher Traum kommt nicht von ungefähr. Huber, seit jeher kulinarisch interessiert und bekennender Weinliebhaber, hat seine Leidenschaft für Kaffee entdeckt. Es ist die Vielfältigkeit, die auf ihn große Faszination ausübt: „Bohnen­ ­unterschiedlicher Herkunft ­haben stets ihren eigenen Charakter. Es ist toll, die verschiedenen Aromen herauszuschmecken.“

Unregelmäßig belegt er an der Bonner Kaffeeschule Workshops, lässt sich zum Barista­ ausbilden, will Kaffee nicht nur mit Maschinen, sondern auch per Hand zubereiten können. Als Fußballer wollte er besser sein als andere, schaffte es mit viel Ehrgeiz bis in den Profibereich. Daraus leitet er seine ­Ansprüche fürs weitere Berufsleben – speziell fürs Zubereiten von Kaffee – ab: „Ich will nicht Mittelmaß sein. Ich will mich mit dem, was ich mache, hervorheben.“

Einen genauen Zeitplan für seine berufliche Zukunft gibt es nicht. Er hat in mehr als zehn Jahren als Fußballer „sicherlich überdurchschnittlich verdient“, sagt er offen. Er legte sich etwas Geld zur Seite, „ewig reicht das aber natürlich nicht“. Huber war kein Star, der Jahr für Jahr Millionen kassierte. Die Bundesliga erwies sich für ihn als eine Nummer zu groß, in der dritten und noch länger in der zweiten Liga war er aber über Jahre Leistungsträger.

Wie sich seine früheren Vereine schlagen, interessiert ihn nach wie vor. Besonders freut er sich über die Entwicklung der Frankfurter Eintracht, bei der er vor 14 Jahren zum Profi wurde: „Da ist eine Mannschaft aufgebaut worden, die in der Bundesliga oben mitspielen kann.“ Er sei aber keiner, der bei allen Spielen mitfiebert. „Früher war Fußball für mich das Wichtigste, das ist vorbei“, sagt er. Jetzt haben seine Familie und die berufliche Zukunft Priorität.

von Stefan Weisbrod

Hubers Fußballer-Laufbahn

Alexander Huber begann in der Jugend des VfL Neustadt mit dem Fußballspielen. Bereits als 14-Jähriger wechselte­ er 1999 zur Frankfurter Eintracht, in deren erster Mannschaft er am 9. August 2004 bei einem 1:1 in der 2. Bundesliga gegen Alemannia Aachen debütierte. 2005 stieg er mit der SGE in die Bundesliga auf.

Nachdem er ein halbes Jahr an die damals drittklassige TSG Hoffenheim ausgeliehen war, kam er im Herbst 2006 drei Mal für die Eintracht im Oberhaus zum Einsatz, außerdem spielte er im Uefa-Cup bei Celta Vigo – und traf in der Partie am 2. November 2006 für die Frankfurter zum 1:1-Endstand.

Nach einem halben Jahr bei Eintracht Braunschweig und einem Abstieg aus der 2. Bundesliga wechselte Huber zum Hamburger SV, wurde in der zweiten Mannschaft eingesetzt. Bei Kickers Offenbach, damals Drittligist, war er ab 2008 Stammspieler, ehe er sich 2010 einen Kreuzbandriss zuzog. 2011 schloss er sich dem FSV Frankfurt an, für den er bis 2016 mehr als 150 Einsätze in der 2. Bundesliga hatte. Danach war er zunächst vereinslos, ließ sich an der Achillessehne operieren.

Für ihn akzeptable Angebote blieben aus, sodass er 2017 seine Profikarriere für beendet erklärte. Auch in Natio­naltrikots lief der heute 34-Jährige, der im damaligen sowjetischen Leninobod (heute Chudschand) geboren wurde, auf: zwischen 2002 und 2005 in insgesamt 20 Partie für DFB-Nachwuchsteams, im Juni­ 2017 einmal für die A-Nationalmannschaft Tadschikistans.