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„Laufen ohne Ball macht keinen Spaß“
„Laufen ohne Ball macht keinen Spaß“
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12:00 03.07.2021
So sah der Zeitungsartikel der OP 1959 über die Fußballer des VfL Marburg aus.
So sah der Zeitungsartikel der OP 1959 über die Fußballer des VfL Marburg aus. Quelle: OP
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Drei Recken des Fußballsports in Marburg, insbesondere der damaligen Fußballabteilung des VfL Marburg, halten im hohen Alter Rückschau auf den nicht nur von ihnen so geliebten Sport. Es ist ein Blick mit leichten Anflügen von Wehmut, vor allem aber getragen von einem Grundton in Dur.

„Laufen ohne Ball macht keinen Spaß“, sagt Richard Weber, der am vergangenen Sonntag seinen 83. Geburtstag gefeiert hat. Noch heute kickt der pensionierte Lehrer zur Lust einmal pro Woche mit Freunden. Dabei geht es längst nicht so zu, wie dereinst im Jahre 1956, als ihm im Hessenligaspiel der berüchtigte „Knochen-Ede“ vom CSC 03 Kassel auf der Mittellinie ein Schienbein zertrümmert. Es dauert ein Jahr, ehe der vielseitig einsetzbare Weber nach erfolgreicher Konvaleszenz wieder auflaufen darf. Aber dafür geht es im Waldstadion gleich gegen die Reserve der Frankfurter Eintracht im Vorspiel der Europacup-Partie der Frankfurter gegen Manchester City mit dem legendären Torwart Bernd Trautmann.

Zunächst mäßig erfolgreich

In den Folgejahren sind die Fußballer des VfL eher mäßig erfolgreich. Die Chemie zwischen Trainer und Mannschaft passt nicht besonders. Das ändert sich, als zur Mitte der Saison 1957/58 Rolf Gaßmann das Traineramt übernimmt. „Mit ihm sind wir als Mannschaft gewachsen“, betont Torwartlegende Uwe Schauß, der im kommenden Herbst 83 Jahre alt wird, „unser Erfolg wäre nicht möglich gewesen, wenn das Team nicht intakt gewesen wäre.“ Die guten sportlichen sowie persönlichen Beziehungen - auch mit dem Betreuerteam und dem Vorstand - seien dafür eine solide Basis gewesen. „Gaßmann war ein echtes Vorbild für uns, er hat im Training alles mitgemacht, und wir haben seine Spielweise angenommen“, erinnert sich Jochen Dietrich, der Älteste des Trios. Im Juli wird der ehemalige rechte Läufer 87 Jahre alt. Er ist wie Schauß und Weber Lehrer im Ruhestand. Sie fachsimpeln, kommen in Fahrt, sprechen über die Bedingungen des Fußballspielens in der Nachkriegszeit, über 18er-Schraubstollen und Schuhe mit Stahlkappen und davon, dass es seinerzeit wider alle Vernunft verpönt gewesen sei, in der Halbzeitpause etwas zu trinken. Taktische Finessen, wie sie aktuell als Nonplusultra des modernen Fußballs gepriesen werden, gibt es damals in dieser ausgeprägten Form nicht. Von Abseitsfalle keine Rede! Und doch! „Es gab immer etwas Neues, und wenn es die Veränderung des Spielgerätes war“, sagt Schauß, „auf den Stoffball folgte der Lederball.“

„Bei all dem ist die Faszination des Fußballs ungebrochen“, stellt Dietrich fest. Es habe sich an seiner Grundidee nichts geändert. Mit dem Ball als Medium gehe es darum, ihn in Besitz zu nehmen, damit Tore zu schießen bzw. diese zu verhindern.

„Das bedeutet, durch geschickte Spielverlagerung den Gegner in Unterzahl zu bringen und Räume für sich zu schaffen und zu nutzen“, sagt Schauß. Das gelingt dem VfL in der Saison 1958/59 mit 15 Feldspielern und nur einem Torwart – nämlich Schauß - in außerordentlicher Manier. Die Mannschaft sichert sich am letzten Spieltag mit einem 2:0 über Union Niederrad bei der gleichzeitigen 0:1- Niederlage des schärfsten Konkurrenten Spvgg Griesheim bei Viktoria Urberach den Titel des Hessenmeisters. Das von Sepp Herberger, dem Vater des deutschen WM-Sieges von 1954, geprägte Credo „Elf Freunde müsst ihr sein“, das in den 50er-Jahren zum Ideal stilisiert worden ist, hat beim VfL im übertragenen Sinne seine Erfüllung gefunden.

Doch die drei Fußball-Oldies verschließen nicht ihre Blicke vor der Wandlung des Phänomens Fußball. „Jetzt sind vor allem Marktgesetzlichkeiten prägend“, betont Schauß und fragt: „Was ist noch verkraftbar? Die Vereine sind in zunehmendem Maße auf dem Weg zu Geld generierenden und professionell vermarkteten Wirtschaftsunternehmen verkommen. Welche Bedeutung hat überhaupt noch die ehrenamtliche Arbeit, die den Sport und darüber hinaus dessen Idee trägt?“

In der Jugend haben Weber und seine Fußballfreunde zunächst auf den Straßen und den heimatlichen Wiesen gespielt. Dann haben sie in den Vereinen ihre sportliche „Karriere“ fortgesetzt. Das Thema Geld spielt damals eine völlig untergeordnete Rolle, sagt Weber. Ein Schnitzel nach dem Spiel und das gesellige Beisammensein sind schon das höchste der Gefühle, vielleicht noch ein wenig Fahrtgeld für den Weg zum Training. Damit hat es sich auch schon.

Heinz Fischer, der 1959 die Geschicke der Fußballabteilung des VfL leitet, beweist in seiner Laudatio während der Meisterschaftsfeier am 30. April Weitblick: „Die Sportorganisation im Allgemeinen und die des Fußballs im Besonderen ist zu einer Großmacht geworden, die viel Geld braucht. Die Riesenvereine der Großstädte mit ihren teuren Sportanlagen, dem Stab von Angestellten und Vertragsspielern lassen uns aufhorchen. Sollen Manager regieren, denen nur die Befriedigung der Massen und das Geldverdienen vor Augen steht? Wir sagen dazu offen ‚nein‘. Trotz der so üblen Notwendigkeit des Geldeinnehmens wollen wir Idealisten der Freiheit bleiben und uns nicht vom Geld beherrschen lassen.“

Aktuelles Geschehen im Blick

Ob der Fußball künftig seine dominierende Rolle behält, bleibt abzuwarten. In den 70er-Jahren jedenfalls mietet Schauß eine Wiese in Rauschenberg, auf dass darauf von den Kindern gebolzt werden könne. Das Angebot wird zunächst gut angenommen. „Aber nach etwa einem Monat hat dort niemand mehr gespielt. Heute brauchen wir bei einem Überangebot von Alternativen die Wiese offenbar nicht mehr. Auch die Dichtheit der sozialen Beziehungen ist geringer geworden.“

Bei allen derartigen Erwägungen widmen die drei in Ehren ergrauten Fußballfreunde ihre Blicke natürlich dem aktuellen Geschehen bei der Europameisterschaft, haben sich in die Gilde der 87 Millionen Trainer eingereiht, nicht mit Kritik gespart. Und sie haben den deutschen Profis natürlich die Daumen gedrückt. Genützt hat es allerdings nichts.

Von Bodo Ganswindt