Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Seit zehn Jahren ununterbrochen im Traineramt
Sport Lokalsport Lokalsport Seit zehn Jahren ununterbrochen im Traineramt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 12.03.2022
Aufbrausend, nachdenklich, artistisch – so kennen Fußballfans in und um Stadtallendorf seit mehr als zehn Jahren Dragan Sicaja, den erfolgreichsten Trainer in der Vereinsgeschichte.
Aufbrausend, nachdenklich, artistisch – so kennen Fußballfans in und um Stadtallendorf seit mehr als zehn Jahren Dragan Sicaja, den erfolgreichsten Trainer in der Vereinsgeschichte. Quelle: Fotos: Nadine Weigel, Thorsten Richter, Tobias Hirsch / Foto-Montage: Thorsten Richter
Anzeige
Stadtallendorf

Dragan Sicaja erinnert sich noch ziemlich genau daran, was sich dieser Tage vor exakt zehn Jahren abspielte. An einem Mittag, er saß zu Hause in Schwalmstadt mit seiner Frau zusammen, klingelte das Telefon. „Dragan, kannst du vorbeikommen? Wir brauchen Hilfe“, sagte die Stimme an der anderen Seite der Leitung. Der Vorstand des TSV Eintracht Stadtallendorf hatte beim Kroaten angeklopft, um ihn von einer Rückkehr zu überzeugen. Auf den ersten Blick alles andere als ein Selbstläufer, schließlich hatte der TSV Eintracht Sicajas ersten Vertrag nicht verlängert, „weil wir eine andere Idee hatten“, begründet Fußball-Präsident Reiner Bremer.

Klopps rechte Hand hilft

Bereits von Sommer 2009 bis Sommer 2011 war Sicaja Übungsleiter am Herrenwald gewesen, ehe auf ihn der glücklose Stefan Hassler folgte. Nach dessen Entlassung übernahm am 12. März 2012 also wieder Sicaja, der die Eintracht zwar enttäuscht, aber nicht im Groll verlassen hatte, denn: „Es war eine professionelle Trennung, mein Vertrag war ja ausgelaufen“, erinnert sich der 55-Jährige, der die gut neunmonatige Auszeit genutzt hatte, um in der Nähe von Dortmund seine Trainer-A-Lizenz zu machen.

Noch am selben Tag, als er den Anruf erhalten hatte, kam Sicaja mit den Verantwortlichen des Hessenligisten zusammen; die Eintracht befand sich schließlich in einer äußerst schwierigen sportlichen Situation. „Zum Glück hatten wir damals den Mut, bei Dragan anzurufen“, sagt Bremer rückblickend.

Denn zehn Jahre später hat der Coach mit dem Verein eine einzigartige Erfolgsgeschichte geschrieben – was gerade in den ersten Wochen nach seiner Rückkehr wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte. Ein Team mitten in der Saison im Abstiegskampf zu übernehmen – für Sicaja, der zuvor mit dem 1. FC Schwalmstadt zwei Aufstiege gefeiert hatte, war dies eine Situation, „die ich nicht kannte“. Also kontaktierte er Zeljko Buvac, seinen ehemaligen Weggefährten aus gemeinsamen Zeiten beim früheren Regional­ligisten SC Neukirchen, der über viele Jahre in Mainz, Dortmund und Liverpool die rechte Hand von Startrainer Jürgen Klopp war.

Dragan Sicaja (Eintracht Stadtallendorf) Quelle: Thorsten Richter

Der schlechte Fitnesszustand, den das Team seinerzeit an den Tag legte, steht heute symbolisch dafür, was Sicaja von seinen Schützlingen einfordert und was er ihnen vorlebt, um erfolgreich zu sein: harte Arbeit. „Wenn ich irgendwo Erfolg hatte, dann war dieser über harte Arbeit definiert“, begründet Sicaja, weshalb ihm jene Tugend besonders wichtig ist, weshalb er sie während des Spiels, aber auch im Training immer wieder emotional vorlebt. Zwar folgten nach seinem Amtsantritt vier Niederlagen in Folge, die Herrenwälder kamen aber mit einem blauen Auge davon und sicherten sich wenige Wochen später am Wiener Ring in Offenbach den Klassenerhalt.

Nur drei Jahre nach einem 2014 vollzogenen Umbruch im Kader schaffte der TSV Eintracht 2017 als erste Männermannschaft aus dem hiesigen Landkreis den Aufstieg in die Regionalliga. Nicht, wie anderenorts, unter professionellen Rahmenbedingungen und mit einer Reihe von ehemaligen Profis oder Halbprofis, sondern überwiegend mit jungen, ehrgeizigen Spielern aus der Region sowie Ehrenamtlern im Verein. „Der Aufstieg war eine einmalige Geschichte, damit hatte niemand gerechnet. Wobei es wohl ein noch größerer Erfolg war, in der ersten Saison die vierte Liga zu halten“, findet Sicaja.

Rücktrittsgedanken habe er in den vergangenen zehn Jahren nie gehabt, auch ein Wechsel zu einem höherklassigen Verein sei nie ein ernsthaftes Thema gewesen. „Und es ist ja nicht so, dass andere Vereine nicht auf ihn aufmerksam geworden sind“, weiß Bremer.

Doch Sicaja ist kein Typ für Träumereien, vielmehr legt er Wert auf Beständigkeit – sowohl im Privaten mit seiner Frau und seinen drei Kindern als auch im Beruflichen. „Ich arbeite seit 30 Jahren im selben Unternehmen“, erzählt der Industriekaufmann stolz.

Wie geht’s ab Sommer weiter?

Der Nichtabstieg 2012, meint Bremer, habe Trainer und Verein noch stärker zusammengeschweißt. „Wir wissen, was wir an Dragan haben, und er weiß, was er an uns hat“, sagt der Fußballchef. „Unser Verhältnis ist von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägt.“ Sicaja kann dies nur unterstreichen – und merkt an: „Hier arbeiten Leute mit mir zusammen, die in jeder Situation ruhig bleiben, mich nie unter Druck gesetzt haben. Die Leute an meiner Seite und im Hintergrund sind und waren immer realistisch.“

Am Samstag (12. März, 15 Uhr) startet Eintracht Stadtallendorf beim SC Waldgirmes in die Hessenliga-Aufstiegsrunde. Dass es am Ende der Saison für den dritten Regionalliga-Aufstieg reicht – keineswegs ausgeschlossen. „Wir gehen entspannt in die Aufstiegsrunde“, sagt Bremer. Und entspannt ist man seit einigen Jahren auch immer bei der Frage, ob Sicaja über den Sommer hinaus Trainer bleibt.

„Tatsächlich haben wir darüber noch nicht gesprochen“, sagt Bremer. „Ich bin mir aber sicher, dass es ins elfte Jahr am Stück geht“, schiebt er hinterher. Und Sicaja? „Im Leben weiß man nie, was kommt. Aber wenn nichts Außergewöhnliches passiert, habe ich keinen Grund, zu gehen“, sagt der frühere Regionalligaspieler. Klingt ganz so, als würden der TSV Eintracht und Sicaja noch weiterschreiben wollen an ihrer besonderen Erfolgsgeschichte.

Von Marcello Di Cicco