Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport SF BG Marburg finden sich selbst
Sport Lokalsport Lokalsport SF BG Marburg finden sich selbst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:00 26.10.2019
Präsentieren das Leitbild des SF BG Marburg: Egon Vaupel (von links; Abteilungsleiter Männerfußball), Daniel Goy (Abteilungsleiter Frauenfußball) und der Vereinsvorsitzende Dr. Anton Schmölz. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Der Fußball zeigte jüngst seine hässliche Fratze: In der EM-Qualifikation benahmen sich bulgarische „Fans“ daneben, gaben im Spiel gegen England Affenlaute von sich und zeigten den Hitler-Gruß. Auch auf heimischen Fußballplätzen gab es Fälle von Rassismus. In Emsdorf und mutmaßlich auch in Stadtallendorf wurden Zuschauer ausfällig, beim 1. FC Waldtal beleidigte ein Spieler des TSV Speckswinkel einen Gegenspieler des Gastgebers.

Da erscheint das Leitbild, das sich die Sportfreunde Blau-Gelb Marburg vor gut zwei Wochen gegeben haben, wie die passende Reaktion auf die Vorfälle. „Wir zeigen Rassismus, Antisemitismus, Religionsfeindlichkeit, Homophobie und Ausgrenzungen aller Art die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein“, heißt es im zweiten der nicht zufällig ­gewählten elf Punkte.

„Wir wissen um die Diskussionen, die es aktuell im Fußball gibt – in der Region und ­international“, sagt Egon Vaupel, Fußballabteilungsleiter der SF BG Marburg. „Das war aber nicht der Anlass für das Leitbild. Wir wollten für uns eine Aussage treffen.“

Vaupel betont angesichts der jüngsten Vorfälle aber auch: „Es kommt zur richtigen Zeit.“ Wobei Theresa Goy, die im Verein sehr engagierte Spielerin der Hessenliga-Mannschaft, anmerkt: „Für so ein Zeichen ist es immer der richtige Zeitpunkt. Dafür sollte man als Verein einstehen.“

Bis zur endgültigen Fassung dauerte es eineinhalb Jahre

Das tun die Sportfreunde­ Blau-Gelb nun, nach außen wie innerhalb des Vereins. Ein Schnellschuss war das Leitbild dabei wahrlich nicht. Gut eineinhalb Jahre hat es gedauert, bis der Verein zu einem Ergebnis gekommen ist, mit dem nun alle leben können und hinter dem alle stehen. „Wir haben vom Vorstand aus einen Vorschlag gemacht, der ist dann in der Diskussion immer wieder geändert und überarbeitet worden“, erklärt Vaupel den Entstehungsprozess.

„Wir haben keinen Widerspruch erhalten“, sagt er über die endgültige, einstimmig beschlossene Fassung, die am Vereinsheim im Zwetschenweg großformatig aushängt und auch bald auf der Homepage ins Auge fallen soll. Die gesamte Fußballabteilung – also neben den Seniorenfußballern auch die Jugendlichen und deren Eltern, die Frauenabteilung, die Blindenfußballer und die Übungsleiter – seien eingebunden gewesen.

Etwa 40 Leute hätten sich regelmäßig mit Ideen und Verbesserungsvorschlägen eingebracht. Turnusmäßige Treffen – wie man sich klassische Vereinsarbeit eben vorstellt – habe­ es aber nicht gegeben. „Wir haben das digital gemacht“, sagt Vaupel und verweist etwa auf Nachrichten in WhatsApp-Gruppen.­ ­„Ansonsten hätten wir wahrscheinlich fünf Jahre gebraucht“, scherzt der Leiter der Fußballabteilung.

„Manchmal ist es nicht so einfach, das in Worte zu fassen“, sagt Theresa Goy. Die ehemalige Torjägerin und jetzige Torfrau hat beim Leitbild mitgewirkt, denn: „Ich finde es grundsätzlich wichtig, wenn viele Menschen in einem Verein zusammen sind, dass die Motive und Werte schriftlich festgehalten sind. Damit andere wissen, was man bezweckt.“

Einen besonders hohen Stellenwert hat für Goy der Toleranz-Aspekt und auch das Miteinander, das im Verein gelebt wird. „Wir haben es für wichtig erachtet, dass wir uns als Verein unseres Selbstbildes und ­unserer gesellschaftlichen Aufgaben bewusst sein“, begründet Vaupel, warum die Sportfreunde Blau-Gelb ein Leitbild entwickelten, das den Namen „Freunde fürs Leben“ trägt.

Sogar dem Klimawandel wird Rechnung getragen

Toleranz und Respekt sind darin nur zwei Aspekte. Die Weltoffenheit des Vereins ist ebenso im Leitbild verankert und sogar der Klimawandel hat in der Formulierung „Ressourcenschonung im Interesse kommender Generationen“ Eingang ins Schriftwerk gefunden. „Anhänger von politischen Gruppierungen, die diese Werte nicht teilen, können nicht zur Vereinsfamilie gehören“, heißt es unmissverständlich.

„Wenn jemand offen gegen das Leitbild verstößt, wird das Diskussionen im Vorstand nach sich ziehen und im schlimmsten Fall zum Vereinsausschluss führen. Es ist nicht zu akzeptieren, dass den Werten unseres Leitbildes zuwider gehandelt wird“, betont Egon Vaupel, durchgreifen zu wollen. „Wenn hier ein Zuschauer ist, der sich trotz Aufforderung nicht entsprechend verhält, bekommt er Platzverbot. Das Hausrecht ­haben wir.“

Die Einstellungen und die Werte des Vereins finden sich im Leitbild, aber auch seine historische Identität mit den Ursprungsvereinen Germania 08 in Weidenhausen, FSV Ockershausen, der Post und dem studentischen Umfeld mit dem PSV Blau-Gelb Marburg. Die Nachwuchsarbeit nimmt ebenfalls einen sehr zentralen Platz ein. „Wir wollen Vorbilder sein“, sagt Egon Vaupel, „wir wollen Kinder und Jugendliche sich zu Persönlichkeiten entwickeln lassen, die soziale Kompetenzen haben.“

Von „profiähnlichen Bedingungen“, wie es im Leitbild heißt, distanziert sich der Verein dagegen, dessen erste Männermannschaft in der Verbandsliga Mitte spielt. Man trete „in keinen Finanzwettbewerb mit anderen Vereinen. Unsere ‚Entlohnung‘ ist die Freundschaft fürs Leben.“ An diesen Werten werden sich die Sportfreunde Blau-Gelb Marburg künftig messen lassen müssen.

von Holger Schmidt