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Die Furcht vor dem erneuten Lockdown
Die Furcht vor dem erneuten Lockdown
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18:00 15.01.2022
Ein Mann trainiert in einem Fitnessstudio. Im zweiten Corona-Winter bangen viele Fitnessstudios in Deutschland erneut um ihr Geschäft – auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf.
Ein Mann trainiert in einem Fitnessstudio. Im zweiten Corona-Winter bangen viele Fitnessstudios in Deutschland erneut um ihr Geschäft – auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Quelle: Foto: Oliver Dietze
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Marburg

Einen Moment überlegt Urban Seifert auf die Frage der OP, ob ihn derzeit Existenzängste plagen. Umso entschlossener antwortet der Geschäftsführer der Move-Sportwelt in Marburg nach kurzem Überlegen mit „na klar“. Er dürfte damit nicht der Einzige unter seinesgleichen sein – und dies in einer Zeit, in der Menschen eigentlich besonders häufig Fitnessstudios aufsuchen, um ihre guten Vorsätze fürs neue Jahr in die Tat umzusetzen, lästige Pfunde loszuwerden, gesünder zu leben.

Im ersten Quartal erzielen Fitnessstudios laut dem Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV) üblicherweise ein Drittel der Neuanmeldungen eines Jahres. Insofern seien die ersten drei Monate „maximal wichtig“, bringt es Geschäftsführer Sascha Mössinger von MC Shape in Stadtallendorf auf den Punkt. „Die Monate November, Januar, Februar und März sind für uns wie der Sommer für die Eisdielen“, vergleicht Mössinger. Waren die Studios wegen des Lockdowns im vergangenen Januar geschlossen, sei der Zulauf bei MC Shape in diesem Jahr vergleichbar mit jenem im Januar 2020 – „maximal zehn Prozent weniger“, schätzt Mössinger, dem allerdings auffällt, dass zurzeit mehr jüngere als ältere Mitglieder zum Sporttreiben kommen.

Beim Studio Fit im Grund in Ebsdorf kann Inhaber Andreas Schäfer keine Angst bei seinen Kundinnen und Kunden ausmachen. Für das Plus an Sicherheit hat das Studio, das im Dorf schon seit etwas mehr 15 Jahren beheimatet ist und sich im Dezember 2020 am Ortsrand vergrößert hat, mit zusätzlichen Trennwänden gesorgt. Überdies muss dort auch eine Maske getragen werden, wenn man sich im Raum bewegt – laut Corona-Schutzverordnung des Landes Hessen ist dies nicht zwingend vorgeschrieben (siehe Infokasten).

„Selbst Geboosterte haben Angst“

Während die Move-Sportwelt laut Seifert in den vergangenen zwei, drei Jahren vor der Pandemie zu Jahresbeginn etwa 100 bis 120 Neuanmeldungen zählte, wäre der Geschäftsführer froh, wenn es bis Ende dieses Monats ein Viertel davon wäre. „Die Situation ist schwierig. Selbst Geboosterte haben etwas Angst“, meint Seifert.

Im Studio 22 in Kirchhain stellt sich die Lage derweil entspannter dar. „Wir haben keine Ungeimpften unter den Mitgliedern. 80 Prozent von ihnen sind sogar schon geboostert“, sagt Inhaberin Stefanie Bauerbach, laut der „eher das etwas ältere Klientel“ mit einem Altersdurchschnitt von 40 Jahren ins Studio 22 komme. Laut Bauerbach sei für sie das Geschäft zum Ende des ersten, Anfang des zweiten Quartals sogar noch etwas wichtiger. „Nämlich dann, sobald es draußen wärmer wird, man erstmals wieder ein T-Shirt tragen kann“, sagt Bauerbach. In jenen Tagen ziehe es auffallend viele Leute in ihr Studio, insbesondere Frauen.

Dass durch die rasante Verbreitung der Omikron-Variante die Corona-Infektionszahlen in die Höhe schnellen, so weitere Einschränkungen wie die 2G-plus-Regel drohen, bereitet den Betreibern heimischer Fitnesshäuser nur bedingt Sorge. „Davor habe ich keine Angst“, sagt Mössinger. „Wir wären darauf eingestellt, und es wäre nur für einige unserer Mitglieder eine Einschränkung.“ Da vier von fünf Mitgliedern schon geboostert sind, die zusätzliche Testpflicht daher entfällt, würde 2G plus auch das Studio 22 „kaum betreffen“, sagt Bauerbach, die – wie ihre Mitbewerber andernorts – eine andere Sorge umtreibt: dass erneut wieder das öffentliche Leben heruntergefahren wird und damit auch Fitnessstudios schließen müssen.

„Bloß kein weiterer Lockdown“

„Bloß kein weiterer Lockdown“, antwortet Bauerbach auf die Frage, was keineswegs passieren darf. „Schlechter als die vergangenen 22 Monate kann es nicht werden“, sagt sie. In dieser Zeit mussten die Studios zeitweise komplett schließen. Käme es erneut dazu, „würde es der ein oder andere wohl nicht überstehen“, meint Geschäftsführer Schäfer von Fit im Grund, wo man 2G plus ebenfalls gut handhaben könnte, weil drei Viertel aller Mitglieder schon geboostert seien. Auch für Seifert wäre eine Schließung der Studios das Worst-Case-Szenario. Er plädiert vielmehr dafür, allgemein eine langfristige Perspektive zu entwickelt, schließlich müsse man noch länger mit dem Virus leben. „Ich gehe davon aus, dass es keinen Lockdown mehr gibt“, sagt der Geschäftsführer der Move-Sportwelt, den die Positionierung des Landes Hessen zum Sport zudem optimistisch stimmt, dass auch nicht 2G plus droht.

In Stadtallendorf greifen Mössinger und Co. das aktuelle Corona-Vokabular derweil auf. „Booster deine Fitness“ heißt die aktuell laufende Kampagne, die so manchem die Entscheidung erleichtern soll, den Start ins Jahr zu nutzen, um etwas für die eigene Gesundheit zu tun.

Diese Regeln gelten in und für Fitnessstudios in Hessen

Anders als in zahlreichen anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg, wo die 2G-plus-Regelung gilt, dürfen Mitglieder hessischer Fitnessstudios trainieren, wenn sie geimpft oder genesen sind (2G). Zudem muss in der Sportstätte ein Abstands- und Hygienekonzept umgesetzt werden. Aktuell sieht die Corona-Schutzverordnung für Sporttreibende nicht das Tragen einer medizinischen Maske während des Aufenthalts vor, ein Mindestabstand von 1,50 Metern soll aber auch beim Sporttreiben eingehalten werden.

Sobald die Inzidenz in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 350 liegt, greifen vor Ort zusätzliche „Hotspot-Regelungen“ ab dem nächsten Tag. Für Fitnessstudios gilt dann die 2G-plus-Regel (nur Genesene und Geimpfte plus negativer Test). Eine Booster-Impfung befreit von dem verpflichtenden zusätzlichen Testnachweis. Die „Hotspot-Regelungen“ treten außer Kraft, sobald der Inzidenzwert an fünf aufeinanderfolgenden Tagen unterhalb der Schwelle von 350 liegt.

Mehr Infos zu Sport und Corona in Hessen gibt’s im Internet: www.landessportbund-hessen.de/servicebereich/news/coronavirus/faq/

Von Marcello Di Cicco