Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Drei Geschwister, eine Leidenschaft
Sport Lokalsport Lokalsport Drei Geschwister, eine Leidenschaft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:00 27.01.2021
Merle Herwig vom VfL Marburg (links) – hier im vergangenen August beim Youngster Camp in Spremberg gegen Julia Berger vom SC Berlin – legt fürs Training weite Strecken mit ihrer Familie zurück.
Merle Herwig vom VfL Marburg (links) – hier im vergangenen August beim Youngster Camp in Spremberg gegen Julia Berger vom SC Berlin – legt fürs Training weite Strecken mit ihrer Familie zurück. Quelle: Kay Krause
Anzeige
Marburg

Zwei in Weiß gekleidete Personen halten ein Florett in der Hand und tragen jeweils eine Fechtmaske. Sie stehen sich auf der Fechtbahn gegenüber. „Stellung. Fertig. Los!“, ist vom Obmann zu hören. Die 13-jährige Finja Herwig fechtet zusammen mit ihren Geschwistern Merle und Quentin beim VfL Marburg. Aber nicht nur das: Die Herwig-Schwestern nehmen an einem Projekt namens „Ekays Fencing Project“ teil, bei dem die Athleten auf einem leistungsorientierten Niveau trainieren können, aber ihren Heimatverein nicht verlassen müssen.

Die Idee stammt von Kay Krause, der Vorsitzender und Trainer beim FSC Cottbus ist. Der Grund dafür war, dass er vor drei Jahren Defizite erkannte und nicht auf eine Lösung von anderen Personen warten wollte. „Wir möchten die Kinder nicht aus ihrem Zuhause oder ihren Heimatvereinen reißen. Aber die Trainingsqualität der Sportler soll mit diesem dezentralen Ansatz erhöht werden“, erklärt Krause.

Deutschlandweites Projekt mit Mädchen aus vier Bundesländern

Dafür trainiert eine Gruppe von zehn Mädchen aus Baden-Württemberg, Hessen, Berlin und Brandenburg ein- bis zweimal im Monat je zwölf Stunden an einem Wochenende zusammen. Dabei legt der Coach auch Wert darauf, dass die schulischen Leistungen nicht zu kurz kommen. „In der Mittagspause haben die Kinder Zeit zu lernen. Wir zwingen sie aber zu nichts – das ist alles freiwillig. Es kommt gut an, und die Mädchen sind schon eine richtige Gemeinschaft geworden“, findet Krause.

Seit September 2019 nehmen Merle und Finja an diesem Projekt teil. „Wenn man Finja etwas erklärt oder sagt, dann merkt sie es sich. Sie hört aufmerksam zu und nimmt es auf. Das hat mich schon oft sprachlos gemacht, und das ist bei mir wirklich nicht einfach“, merkt der Projekttrainer an.

Ein „Familienausflug“ nach Cottbus

Zu Beginn sei ihre ein Jahr jüngere Schwester Merle ihr im Fechten noch überlegen gewesen – das hat sich nun geändert. „Sie hat Merle eingeholt und teilweise auch überholt. Es ist immer wieder eine Herausforderung für die beiden, aber sie unterstützen sich gegenseitig. Ich sehe das nur als Gewinn an“, sagt Krause.

Der Meinung des Trainers schließen sich auch die Schwestern an. „Mir ist es deutlich lieber, dass meine Schwester mich besiegt und auf dem Podium steht als jemand anderes“, sagt die 13-jährige Finja Herwig.

Merle Herwig (links) im Übungskampf gegen ihre ältere Schwester Finja Herwig (rechts). Quelle: Privatfoto

Ihre jüngere Schwester Merle stimmt ihr zu und ergänzt: „Es ist ein großartiges Gefühl, als Familie fechten zu können.“ Dadurch seien die Fahrten nach Cottbus auch eher wie ein „Familienausflug“. Dabei vertreiben sie sich die Zeit mit Kartenspielen, Schlafen, für die Schule lernen oder Musik hören.

Alles begann mit Quentin Herwig

Der erste Herwig, der zu Turnieren angetreten ist, ist Quentin. „Ich habe ein dreiviertel Jahr vor Finja und Merle angefangen. Aber nur, weil Finja schon mal gefochten hat und ich das cool fand“, erzählt der Zwölfjährige. Mit den Wettbewerb-Kämpfen ihres Bruders kam bei Finja auch der Wunsch zum Fechten zurück. Mit Schwester Merle startete sie im Januar 2018 mit dem Fechten.

Quentin Herwig vom VfL Marburg. Quelle: Privatfoto

Vom privaten „Ekays Fencing Project“ erfuhren die beiden Fechterinnen durch ihre damalige VfL-Trainerin Linda Petersohn. „Das Training beim VfL Marburg ist eine tolle Ergänzung zu dem in Cottbus“, findet Merle. Ihre ältere Schwester Finja fügt an: „Marburg ist unsere Heimat. Wir sind froh, dass der Verein uns unterstützt.“

Ziele sind die „Deutschen“ und die Junioren-Europameisterschaft

Bei ihren Zielen werden die Mädchen nicht nur vom VfL Marburg unterstützt, sondern sie unterstützen sich bei ihren Träumen gegenseitig: Beide wollen zur Junioren-Europameisterschaft und eine gute Platzierung bei den Deutschen Meisterschaften erzielen. „Dazu möchte ich noch mehr im Ausland fechten und auch im Jahrgang über meinem eigenen gut abschneiden“, merkt Finja Herwig an.

Finja (links) und Merle Herwig (rechts) fechten beim VfL Marburg. Quelle: Privatfoto

Aber nicht nur leistungssportorientierte Sportler fechten für den VfL Marburg, sondern auch viele, die Fechten als Freizeitsport ausüben. Von den knapp 100 Mitgliedern der Fechtabteilung gehören 20 zu den Altersklassen bis zur U 17, die die Sportart leistungsorientiert betreiben. „Das kann – vor allem im Fechtsport – nur mit dem Rückhalt der Eltern geschehen. Und da ist Andrea Herwig Feuer und Flamme“, sagt Abteilungsleiter Fabian Sälzer, der auch Trainer beim VfL ist.

Laut Sälzer sei in Hessen ein ähnliches Projekt wie das in Cottbus geplant. „Nicht jeder Fechter möchte die weiten Wege in Richtung Osten machen. In Hessen wollen wir eine Trainingsgruppe etablieren, die lokaler angelegt ist“, fügt der VfL-Abteilungsleiter an. Bis dahin hofft Sälzer, dass wieder Fecht-Wettkämpfe möglich sein werden und der Sport im gewissen Rahmen wieder möglich ist.

Was für die VfL-Fechter in diesem Jahr ansteht

Voller Vorfreude blickt die Fechtabteilung auf die 20. Offenen Marburger Stadtmeisterschaften, die – nach dem Ausfall im vergangenen Jahr – gegen Ende des Jahres stattfinden sollen. „Es hat sich zu einem der teilnehmerstärksten Turniere in Deutschland entwickelt. 2019 hatten wir 350 – auch internationale – Fechter in der Halle“, erinnert sich Abteilungsleiter Fabian Sälzer. Weiterhin hofft der Trainer auf die Austragung der Deutschen Meisterschaften. Jedoch sei es fraglich, in welchem Maße dies stattfinden könne. „Das ist ein Ziel für unsere leistungsorientierten Sportler“, so Sälzer.

Von Leonie Rink