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Die Erinnerungen bleiben für immer
Die Erinnerungen bleiben für immer
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12:23 22.07.2021
Gabi Lesch-Sewing bei der Einkleidung für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul.
Gabi Lesch-Sewing bei der Einkleidung für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul. Quelle: Helmut Schaake
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Kirchhain

Mit einer glitzernden Welt früherer Sportstars hat das Leben von Gabi Lesch-Sewing und Johannes Oesterling nichts zu tun. Die 56-Jährige ist heute Vorsitzende der Turnabteilung des TSV Kirchhain und trainiert den Leichtathletik-Nachwuchs des Vereins, der 38-jährige Oesterling hat längst die Badehose gegen die Richterrobe eingetauscht, die er am Landgericht Stade trägt. „Heute kommt mir das so unwirklich vor, weil es schon so lange her ist“, sagt Lesch-Sewing über ihre Teilnahme bei den Olympischen Spielen 1988 im südkoreanischen Seoul.

Im 800-Meter-Lauf belegte sie damals den neunten Platz im Halbfinale, verpasste damit nur um Haaresbreite den Sprung in den Endlauf – und die Chance auf eine Medaille. „Das war superknapp“, bedauert Lesch-Sewing, die dennoch mit ihrer Leistung zufrieden war, lief sie die Distanz doch unter zwei Minuten. „Für mich war das eine sehr gute Zeit, die überdies bei allen vorherigen Spielen für den Endlauf gereicht hätte.“ Nur nicht an diesem Tag.

Doch sie ärgert sich auch, weil einige ihre damaligen Kontrahentinnen – so mutmaßt sie – nicht „sauber“ waren, ihre Leistung mit Dopingmitteln gesteigert hätten; einige seien bereits verstorben.„Ich war immer für den sauberen Sport“, bekräftigt die diplomierte Humanbiologin.

Johannes Oesterling war indes keineswegs zufrieden mit seiner Ausbeute bei den Spielen 2004 in Athen – „zumal wir uns nach der Bronzemedaille bei der WM ein Jahr zuvor mehr ausgerechnet hatten“, sagt der frühere Spitzenschwimmer, der von seiner Kindheit bis 2004 für den TSV Eintracht Stadtallendorf an den Start ging. Doch über 4 x 200 Meter Freistil – Oesterling durfte im Vorlauf ran – reichte es für die deutsche Auswahl nur zu Rang sechs und damit nicht fürs ersehnte Edelmetall.

Ungeachtet ihrer Erwartungen, Hoffnungen und Träume von sportlichen Erfolgen beim größten Sportereignis der Welt haben sowohl Lesch-Sewing als auch Oesterling wertvolle Erinnerungen für ihr weiteres Leben mitgenommen. „Dieses Sportereignis ist einfach nicht mit nationalen oder anderen internationalen Wettbewerben vergleichbar“, sagt Oesterling über die Olympischen Spiele und verweist nicht nur darauf, dass der Umgang unter den Athletinnen und Athleten anders sei, sondern auch, dass es im Olympischen Dorf ein ganz anderes Zusammenleben gebe. „Es ist ein ganz anderes Flair, als wenn nur Schwimmer untereinander sind“, sagt Oesterling. Und Lesch-Sewing ergänzt: „Dort begegnet man Sportlern und Sportlerinnen aller Nationen, es herrscht Frieden.“

Dass die Spiele in Tokio dieser Tage unter strengen Hygieneregeln stattfinden müssen, es also gewisse Einschränkungen auch für Sportler gibt, „macht es für die Athletinnen und Athleten schwierig mit dem Erlebnis“, meint Lesch-Sewing. Sie selbst erinnert sich an Wettkämpfe vor 100 000 Zuschauern – diese wird es diesmal aufgrund des Zuschauerausschlusses wegen der Corona-Pandemie nicht geben.

„Das ist so tragisch, weil jeder auf dieses Ereignis so hart hintrainiert“, sagt die frühere Spitzenleichtathletin, der Oesterling beipflichtet, die Umstände für die Akteure und Akteurinnen als „innerliche Katastrophe“ bezeichnet. Schließlich bestehe Olympia aus so viel mehr als nur dem eigenen Wettkampf. Weil schon damals die Leichtathleten erst in der zweiten Woche ihre Wettkämpfe absolvierten, blieb der Kirchhainerin Zeit, sich Hockey oder Schwimmen anzuschauen, es blieb Zeit zum gemeinsamen Essen mit Steffi Graf und zum Treffen mit Jürgen Klinsmann.

Oesterling, der 2005 seine Karriere wegen eines Bandscheibenleidens beenden musste, war bereits in der ersten Woche gefordert, schaute sich danach etwa noch das Handballfinale der Männer an. So wie man dies eben bei Olympia macht.

Fragt man Lesch-Sewing, wie die Spiele in Tokio werden, so ist sie sicher: „Es wird schon mal eine großartige Eröffnungsfeier, das können die Asiaten“, sagt sie aus eigener Erfahrung. Sie selbst habe sich vor 33 Jahren bei dem Fest sechs Stunden vorher aufstellen müssen, ehe sie mit dem deutschen Team ins Stadion einlaufen konnte.

Dass sie – genau wie Oesterling – die Spiele in Fernost vor dem Fernseher verfolgen werden, ist keine Frage. Nur ist sich die ehemalige Spitzensportlerin nicht sicher, ob die Athletinnen und Athleten den würdigen Rahmen bekommen, den sie sich verdient haben. Also hätten die Verantwortlichen die Spiele erneut verschieben oder ausfallen lassen müssen? Nicht unbedingt, meint die 56-Jährige, „denn manche haben extrem auf dieses Ereignis hintrainiert“, gibt Lesch-Sewing zu bedenken.

Von Marcello Di Cicco

Olympia-Teilnehmer mit Bezug zum Landkreis Marburg-Biedenkopf

Neben Gabi Lesch-Sewing und Johannes Oesterling gibt es weitere Sportler aus dem Kreis Marburg-Biedenkopf beziehungsweise aus Vereinen im hiesigen Kreis, die an Olympischen Spielen teilgenommen haben.

Henning Harnisch belegte mit dem deutschen Basketballteam bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona den siebten Platz. Ein Jahr später gewann „Flying Henning“, wie der gebürtige Marburger mit Spitznamen genannt wurde, mit der Mannschaft die Europameisterschaft.

In Timo Boll gibt es einen Sportler, der seit 2000 regelmäßig am größten Sportereignis der Welt teilnimmt. Der gebürtig aus Erbach im Odenwald stammende Boll spielte zwischen 1995 bis 2006 beim Hinterland-Tischtennisklub TTV Gönnern, mit dem er zweimal die Champions League gewann. Mit der Mannschaft holte Boll 2008 bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille, 2012 und 2016 jeweils Bronze. Bei den Spielen in Tokio hofft der 40-Jährige auf seine erste Medaille im Einzel (siehe Seite 18).

Auch Turner Fabian Hambüchen hat mehrere Olympia-Teilnahmen vorzuweisen, gewann dort jeweils einmal Bronze, Silber und zuletzt 2016 in Rio de Janeiro die Goldmedaille am Reck. Zwischen 2012 und – mit einer Unterbrechung von einer Saison – 2017 war Hambüchen für die heimische KTV Obere Lahn in der Kunstturn-Bundesliga aktiv. mdc