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Lokalsport Ackermann verliert das Rote Trikot
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21:14 30.08.2019
Die Etappe führte auch gleich zu Beginn an der Elisabeth-Kirche vorbei. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

 Immer wieder brandete Applaus auf. Nacheinander schrieben sich die Radsportler auf einer Bühne vor dem Hörsaalgebäude der Marburger Universität ein. Am lautesten wurde es – natürlich – bei den großen Stars: Geraint Thomas, Sieger der Tour de France im Vorjahr, Julian Alaphilippe, bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt lange im Gelben Trikot des Gesamtführenden unterwegs, Caleb Ewan, der vor etwas mehr als einem Monat auf dem Champs-Élysées triumphierte.

Ebenso bei den deutschen Hoffnungen wie Emanuel Buchmann, Lennard Kämna und Pascal Ackermann, der nach seinem Sieg am Vortag bei der Etappe von Hannover nach Halberstadt als Führender der Gesamtwertung an den Start ging. Auf dem zweiten Tagesabschnitt, vor mehreren Tausend Zuschauern in Marburg gestartet, hat er seine Position aber nicht verteidigen können.

Furioses Solo von Evenepoel ungekrönt

Den Verlust seines Roten Trikots nahm Ackermann mit ­einem Lächeln im Gesicht. Der derzeit beste deutsche Sprinter wurde um mehrere Minuten abgehängt und büßte ­damit seine Gesamtführung ein. „Es war ein geiles Feeling und es war eine­ super Motivation. Wir werden es nochmal versuchen. Wir ­geben uns noch nicht geschlagen“, berichtete Ackermann im ZDF über seinen Tag im Roten Trikot, das am Samstag der norwegische Tagessieger Alexander ­Kristoff tragen wird.

Auf den 202 Kilometern von Marburg nach Göttingen – der scharfe Start erfolgte nach einigen Kilometern in Cölbe – hatte sich der 32 Jahre alte Routinier behauptet und im Schlusssprint vor Sonny Colbrelli und Yves Lampaert durchgesetzt. Der Star des Tages war jedoch ein anderer: Remco Evenepoel. Der 19 Jahre junge Belgier verblüffte die Radsport-Welt einmal mehr mit einem furiosen Solo, das nach 99 Kilometern erst kurz vor dem Ziel endete. „Er ist superstark, großen Respekt vor ihm“, lobte auch Ackermann, der den Angriff von Evenepoel schon „gar nicht mehr gesehen“ hatte, wie er erzählte.

Der Deceuninck-Quick-Step-Profi feierte im August einen beachtlichen Aufstieg. Vor seiner beeindruckenden Flucht auf der Deutschland-Tour hatte er die Konkurrenz bereits beim Eintagesrennen Clásica San ­Sebastián und beim Zeitfahren der Straßenrad-EM mit Siegen verblüfft. In Anlehnung an den fünfmaligen Tour-de-France-Sieger Eddy Merckx wird das Riesentalent in Belgien schon „der kleine Kannibale“ genannt.

„Ob Evenepoel mein Nachfolger ist? Er könnte besser sein als ich. Remco hat alle Qualitäten, um es zu schaffen“, sagte Merckx jüngst. Die Solo-Attacke nach Göttingen wirkte jedenfalls angsteinflößend – umso mehr, weil sie von einem 19-Jährigen kam. Der zurückgetretene Marcel Kittel lobte im ZDF: „Man muss keine Kristallkugel mehr haben, um zu sagen, dass er seine Generation und diese Sportart prägen wird. Das ist ein absoluter Hammer.“ Der Begriff „Jahrhunderttalent“ fällt schon jetzt immer wieder in der Radsport-Szene.

Neun Kilometer vor dem Ziel endet die Alleinfahrt

Auf der eigentlich als flach und leicht machbar eingeschätzten Etappe wurde von Anfang an wie wild attackiert. Zunächst lag ­eine 25-köpfige Gruppe an der Spitze, darunter auch Rot-Träger Ackermann sowie Buchmann und der französische Liebling Alaphilippe. Doch das Feld jagte hinterher und stellte die Gruppe relativ zügig wieder. Mit dem davonrasenden Evenepoel hatten sie weit mehr Mühe und holten ihn erst neun Kilometer vor dem Ziel ein. Dann kam es zum erwarteten Schlusssprint.

Am Samstag (13.15 Uhr) steht erneut eine anspruchsvolle Etappe auf dem Programm. Das dritte Teilstück von Göttingen nach Eisenach dürfte vor allem den Klassikerspezialisten wie Alaphilippe oder dem Hürther Nils Politt entgegenkommen. Der Tour-Gesamtsieg ist noch immer vollkommen offen.

von Patrick Reichardt
und Stefan Weisbrod