Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport „Zu unerfahren und nicht abgebrüht“
Sport Lokalsport Lokalsport „Zu unerfahren und nicht abgebrüht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:59 02.02.2021
Angeführt von Fabian Böhm (Nr. 38) verlassen die deutschen Spieler nach dem Spiel gegen Polen das Spielfeld.
Angeführt von Fabian Böhm (Nr. 38) verlassen die deutschen Spieler nach dem Spiel gegen Polen das Spielfeld. Quelle: Sascha Klahn/dpa
Anzeige
Marburg

Dänemark ist erneut Weltmeister, das deutsche Handball-Team früh ausgeschieden. Das Abschneiden der DHB-Auswahl in Ägypten gibt nicht zu Jubelarien Anlass. Das spiegelt sich auch in den Kommentaren von Trainerinnen und Trainern des hiesigen Landkreises wider.

Sabine Rauch, Trainerin des Frauenteams und der Bambini des TSV Eintracht Stadtallendorf macht keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung über die Leistung der Schützlinge von Trainer Alfred Gislason. „Ich habe zwar gehofft, dass sie weiterkommen“, sagt sie, „aber die junge Mannschaft ist noch zu unerfahren und agierte nicht abgebrüht genug.“ Vor allem in der Abwehr habe es gehapert.

„Es fehlte die Abstimmung“, betont sie. Aber das sei auf die viel zu kurze Vorbereitungszeit auf das Turnier zurückzuführen. Im Angriff sei zum Teil recht gut gespielt worden, „Aber zu viele Chancen sind ungenutzt geblieben.“

Henning Dippel, Trainer der Bezirksoberliga Frauen der HSG Marburg/Cappel, sieht die Ursache für das bescheidene Abschneiden der Nationalmannschaft in erster Linie darin, dass der eingespielte Abwehr-Innenblock des Champions-League-Siegers THW Kiel gefehlt habe.

Zu viele Lücken in der Defensive

„Unter dieser Voraussetzung zeichnete sich schnell ab, dass es in Ägypten nicht allzu viel zu ernten gab“, betont er. Die Defensive habe den gegnerischen Kreisläufern immer wieder zahlreiche Lücken geboten. Im Angriff sei es nicht ganz so schlecht gelaufen. Allerdings sei Kapitän Uwe Gensheimer nicht in der Lage gewesen, sein Leistungsvermögen abzurufen.

„Ich sehe in Juri Knorr einen Perspektivakteur, der einmal die Rolle des Spielmachers einnehmen könnte.“ Dippel hält es für unklug, dass DHB-Vizepräsident Bob Hanning die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen fordert. „Jetzt von Olympiagold zu reden, halte ich für vermessen. Das setzt die Mannschaft unnötig unter Druck.“

Marius Pfeiffer ist seit 2015 Spielertrainer der HSG Hinterland, die in der Bezirksliga spielt. Er habe nach den vielen Absagen von etablierten Stammspielern für das Turnier in Ägypten nicht so hohe Erwartungen gehabt. „Wir müssen zugeben, dass etliche andere Teams besser als wir sind“, sagt er.

Zu wenige Talente in Deutschland

„Wir haben zwar den größten Handballverband der Welt, doch andere, zum Teil viel kleinere Länder, bringen mehr Talente hervor als wir. Das muss zu denken geben.“ Während es im Angriff noch einigermaßen gut gelaufen sei, „obwohl viel zu viel Standhandball gespielt worden ist, muss man sich Gedanken machen über die Organisation der Abwehr“. Auch er spricht von einer enttäuschenden Vorstellung von Kapitän Gensheimer.

Immerhin habe sich als Mittelmann im Angriff Philipp Weber als einer der wenigen Lichtblicke präsentiert. Trainer Gislason lebe von seinem Standing in der Branche. „Aber er verfügt noch nicht über einen Kader, der die absolute Weltklasse repräsentiert.“ Auch Pfeiffer sieht in dem 22-jährigen Knorr jemanden, „der unsere Probleme auf der Position Rückraum Mitte beheben kann“.

Olympia-Gold sei laut Blattner „überzogen“

Benedikt Blattner, Trainer des Bezirksoberligisten TSV Kirchhain, räumt ein, dass die Ausgangssituation des deutschen Teams nicht gerade die beste gewesen sei. Im neu zu bildenden Mittelblock in der Abwehr habe Sebastian Firnhaber eher unglücklich agiert.

„Im Zweifel hätte man die Außenangreifer etwas vernachlässigen sollen, um die Mitte dicht zu machen“, sagt Blattner. Doch es sei nicht alles schlecht gewesen. „Gegen Spanien hat die Mannschaft zeitweilig sehr ansprechend gespielt und viele Feldtore erzielt. Gislason habe sein Team taktisch klug eingestellt, sodass es lange Zeit gut mitgehalten habe.

„Aber oft spielen Kleinigkeiten eine entscheidende Rolle. Ich habe einige Male das Zutrauen in die eigene Person vermisst“, monierte Benedikt Blattner.

Er traut der Nationalmannschaft durchaus eine gute Rolle bei Olympia zu, doch gleich Gold zu fordern, sei überzogen, zumal man sich erst noch für das Turnier in Tokio qualifizieren müsse. „Auf höchstem Niveau spielen in unserer Mannschaft nur die wenigsten. Man muss akzeptieren, dass wir aktuell nicht Weltspitze sind.“

Von Bodo Ganswindt