Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Der Weg zu den Fördertöpfen ist steinig
Sport Lokalsport Lokalsport Der Weg zu den Fördertöpfen ist steinig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 27.06.2019
Archivfoto: Teilnehmer am Six-Nations-Cup 2013 im Marburger Georg-Gaßmann-Stadion. Die Veranstaltung wurde durch die Europäische Union mit 17.000 Euro gefördert. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Dass Sportvereine mithilfe finanzieller Zuwendungen des Landes Hessen Projekte umsetzen oder Anschaffungen tätigen können, kommt im hiesigen Landkreis nicht selten vor. Förderbescheide sind für Vereine ein willkommenes Zubrot – nicht selten sogar notwendig, um die Finanzierung sicherzustellen.

Wenn es allerdings um die Sportförderung für Projekte durch die Europäische Union (EU) geht, dünnt sich die Zahl der Antragsteller und Empfänger von Förderleistungen schnell aus – zumindest auf lokaler Ebene. Wobei: „Es gibt genügend Fördertöpfe, die sogar prall gefüllt sind“, sagt Christian Ackermann vom Fachdienst Gefahrenabwehr und Gewerbe der Stadt Marburg. Ackermann muss es wissen, war er doch mit Wolfgang Strümpfler vom
Sportamt der Universitätsstadt Organisator der ersten Auflage des Six-Nations-Cups in Marburg.

Frühe Planung war notwendig

Eine Woche lang kamen im Sommer 2013 etwa 250 Jugendliche aus den Partnerstädten Marburgs zu einem internationalen Fußballturnier zusammen. „Eine super Veranstaltung“, schwärmt Ackermann noch sechs Jahre später – zumal sich der Austausch in der Folge etablierte. 21.000 Euro Fördergelder hatte der Veranstalter für diesen interkulturellen Austausch, in den verschiedene Veranstaltungen eingebettet waren, bei der EU beantragt. 17.000 Euro flossen letztlich. Die Gesamtkosten für das Event beliefen sich auf 35.000 Euro. Allerdings: „Der damit einhergehende Aufwand war riesengroß“, erinnert sich Ackermann.

Nicht nur, dass das Antragsformular sehr umfangreich und vieles darin in englischer Sprache gewesen sei. Gefordert wurden bei der Antragstellung auch viele Details zu einzelnen Veranstaltungen des Austausches – und dies etwa ein Jahr vorher. Denn bereits zu diesem Zeitpunkt musste die Registrierung im Programm „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ erfolgen.

Thema kaum auf Agenda

Das Gesamtbudget dieses Programms wurde für die Periode 2014 bis 2020 auf 185,47 Millionen Euro reduziert, in der vorherigen Förderperiode hatte es noch 215 Millionen Euro betragen. Wie in der vom EOC EU-Büro in Brüssel 2015 herausgegebenen Broschüre „Sportförderung in der Europäischen Union“ zu lesen ist, unterstützt dieses Programm Projekte, „die die europäische Integration durch bürgerliches Engagement fördern“. Zudem soll es die Identifikation der Bürger mit der EU stärken. „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ ist allerdings nur eines von mehreren Programmen zur Sportförderung durch die EU.

Bei „Erasmus+“ etwa gibt es erstmals für die Förderperiode 2014 bis 2020 sogar ein eigenes Sportkapitel, das mit 266 Millionen Euro 1,8 Prozent des „Erasmus+“-Gesamtbudgets von 14,774 Milliarden Euro ausmacht. Bei der Beantragung von Fördermitteln gelten aber stets gewisse Grundsätze: von der Kofinanzierung (die EU finanziert in der Regel nur 60 bis 80 Prozent der Gesamtkosten) über Transnationalität (es muss eine entsprechende Zahl von Partnern in Europa geben) bis hin zu Nachhaltigkeit (es sollen über die Projektdauer hinaus dauerhafte Strukturen etabliert werden) – um nur einige Grundsätze zu nennen.

"Aufwand kaum leistbar"

Beim Sportkreis Marburg-Biedenkopf ist das Thema „Sportförderung durch die EU“ so gut wie gar nicht auf der Agenda, berichtet Geschäftsführer Peter Jacobi auf OP-Nachfrage. Jacobis Vermutung, dass „der Formalitätenaufwand für einen Verein viel zu groß ist“ trifft den Nagel auf den Kopf. Auch Ackermann kommt zu dem Schluss: „Für eine kleine Organisation oder einen Verein ist der Aufwand kaum leistbar.“

Dr. Markus Morr, Leiter des Fachdienstes Kultur und Sport  beim Landkreis Marburg-Biedenkopf, sieht die Problematik ähnlich und erläutert: „Im Bereich Sport sind die Abläufe sehr stark strukturiert, wo ich wie Anträge stellen kann.“ Der Landkreis – und auch der Sportkreis – verweisen potenzielle Antragsteller an Fachleute, voranging im Hessischen Innenministerium.

Auch bsj hat Erfahrungen

Erfahrungen mit dem Abrufen von EU-Mitteln hat auch der Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugendsozialarbeit (bsj) Marburg, der Körper und Bewegung zum Ausgangspunkt und zu Medien seiner sozialen Arbeit macht. Der bsj führt jährlich Jugendbegegnungen mit jungen Menschen aus unterschiedlichen Ländern durch. „Bei den Jugendbegegnungen sind Körper- und Bewegungserfahrungen ganz zentrale Elemente“, sagt Simona Lison, die beim bsj die Projektleitung der Jugendhilfe-Schule inne hat und betont, dass das Sporttreiben in diesem Zuge nicht als Mittel der Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit oder des Wettbewerbs dient.

Durch EU-Mittel aus dem Programm „Jugend stärken im Quartier“ (JustiQ) wurde das 2017 am Jugendraum in Neustadt von Jugendlichen gebaute Parkour-Gelände gefördert. „Dabei wurden Jugendliche aktiviert, den Sozialraum selbst zu gestalten“, erzählt Lison, die allerdings auch weiß, mit welchem Aufwand eine Förderung verbunden ist. „Das macht man nicht mal zwischen Tür und Angel, da fließt einiges an Zeit hinein“, berichtet Lison von gleichen
Erfahrungen wie Ackermann.

„Grundsätzlich ist es aber gut, dass es Fördermöglichkeiten gibt“, gewinnt Morr wie Ackermann und Lison bei aller Hürden dem Umstand etwas Gutes ab. Wenngleich Ackermann einräumt, dass für die Jugendaustausch-Veranstaltungen nach der Premiere 2013 keine Fördermittel mehr bei der EU beantragt wurden, denn: „Aufwand und Nutzung standen danach in keinem Verhältnis.“

von Marcello Di Cicco