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15:53 04.09.2017
Nachdem er den Amboss auf das Podest bugsiert hatte (rechts), stand Raffael Gordzieliks Sieg fest. Quelle: GFSA
Bruckmühl

Die Freude musste raus. Sie entlud sich in geballten Fäusten und einem Urschrei gen Himmel. Ein Amboss war das letzte Hindernis, das noch zwischen Raffael Gordzielik und dem Titel gestanden hatte. Der Staufenberger, der in Marburg sein Jurastudium mit dem 1. Staatsexamen abgeschlossen hat, schnappte sich das 150 Kilogramm schwere Gerät, stellte es in Bauchhöhe auf ein Podest aus Europaletten – und durfte losjubeln.

„Jetzt hat‘s endlich geklappt“, sagt der 1,97-Meter-Hüne und in den Worten schwingt auch eine gehörige Portion Erleichterung mit. Denn Gordzielik hatte in den vergangenen beiden Jahren jeweils Silber gewonnen und war nun als klarer Favorit in die Deutsche Meisterschaft gegangen, die von der German Federation of Strength Athletes (GFSA) ausgerichtet wird. Schließlich hatte der 32-Jährige zuvor schon die beiden Pro League Cups für sich entschieden. Doch die Vorleistungen zählten – anders als in den Vorjahren – nicht und so ging es beim Titelkampf für alle zwölf starken Männer bei null los. „Der Druck war extrem groß, weil ich zweimal Vizemeister war“, sagt Gordzielik. „Der Titel musste einfach mal her.“

Das Reifenschubsen läutet die Wende ein

Die Anspannung war dem früheren Defense-Spieler der Marburg Mercenaries im Wettkampf durchaus anzumerken. Noch nicht so sehr bei der ersten von sechs Disziplinen, dem Baumstammstemmen. „Da habe ich taktiert“, sagt Gordzielik. Der „German Godzilla“ überließ seinem ärgsten Rivalen Dennis Kohlruss aus Rastatt den Vortritt, der den „Baumstamm“ mit einem Gewicht von 186 Kilogramm über den Kopf stemmte. Gordzielik hörte nach 165 Kilogramm auf, das reichte zu Platz zwei. 12 Punkte Kohlruss, 11 Punkte Gordzielik. „Es wäre Blödsinn gewesen, eine Verletzung zu riskieren“, findet Gordzielik. Er kann ein Lied davon singen: Immer wieder verhinderten Verletzungen in der Vergangenheit, dass er schon früher noch größere Erfolge feiern konnte.

War also die knappe Niederlage in der ersten Disziplin noch eingeplant, fingen beim Autokreuzheben die Probleme aber an. „Irgendwie fehlte mir die Power“, beschreibt Gordzielik, der merkte: „Ich bin nicht so stark, wie ich es sonst bin.“ Der Staufenberger hob „nur“ 410 Kilogramm, drei Konkurrenten schafften mehr. „Ich bin enttäuscht, 430 waren eingeplant“, sagt Gordzielik, der folglich nur 9 Punkte holte, Kohlruss dagegen 12. Es hieß also insgesamt 20:24 und der Druck auf den zweimaligen Vizemeister nahm zu.

Die Wende kam beim Wheelflip. Wie passend! Schließlich gilt es, einen 360 Kilogramm schweren Monsterreifen über eine Strecke von 20 Metern immer wieder aufzurichten und umzuwerfen (Foto: GFSA). 37 Sekunden benötigte Gordzielik für das Reifenschubsen. „Damit habe ich klar und deutlich gewonnen“, sagt der Referendar in Elternzeit, der zwei Punkte auf den Führenden gut machte und die Aufholjagd einläutete.

Beim anschließenden Yoke-Race – ein 370 Kilogramm schweres Gestell musste 20 Meter weit getragen werden – übernahm Gordzielik die Führung. Beim Viking Press (Über-Kopf-Drücken) mit 140 Kilogramm schaffte der Staufenberger elf Wiederholungen. „Die zwölfte wollte nicht hochgehen“, sagt Gordzielik, dessen Rivale Kohlruss aber das Dutzend voll machte. „Der Wettkampf war eine emotionale Achterbahnfahrt“, sagt Gordzielik.

Für die Zuschauer in Bruckmühl bei Rosenheim hätte es aber nicht spannender sein können. Der Kampf um Gold und Silber entschied sich im letzten Wettkampf. „Ich wusste: Da kommt meine Disziplin“, war sich Gordzielik siegesgewiss. Er sollte recht behalten. Beim Koffertragen macht dem 32-Jährigen keiner etwas vor. In der linken Hand ein Koffer von 132 Kilo, in der rechten Hand ein Koffer von 132 Kilogramm machte sich der frühere Footballspieler auf den 40 Meter langen Weg zum Titel. 20 Meter hin, Wende, 20 Meter zurück. Kohlruss musste die Gewichte zweimal abstellen, Gordzielik nicht: „Da wusste ich, ich habe das Ding in der Tasche.“ Im Ziel hievte er noch den Amboss auf das Podest und darf sich seitdem endlich Deutscher Meister nennen.

Auf Tuchfühlung mit dem „Game of Thrones“-Star

Doch das soll nur eine Zwischenstation sein. Gordzielik hat bei internationalen Wettkämpfen Blut geleckt und will sich künftig verstärkt mit der Elite messen. Mit dem Österreicher Martin Wildauer wurde er bei der „Ultimate Strongman Team World Championship“ unter zehn Mannschaften Fünfter. Bei „Europe‘s Strongest Man“ wurde er bei zwölf Startern Neunter. „Das war der krasseste Wettkampf, den ich je bestritten habe“, sagt Gordzielik, der überwältigt war von den 11 000 Zuschauern im englischen Leeds. Die Weltelite am Start, überall riesige Monitore, Feuerwerk – „du hast dich gefühlt wie ein Superstar“. Tatsächlich waren auch Stars angetreten: Eddie Hall, der „World‘s Strongest Man“ aus England, wurde bei der Europa-Ausgabe nur Zweiter. Knapp geschlagen von einem gewissen Hafthor Björnsson, Serienfans besser bekannt als Gregor „The Mountain“ Clegane aus „Game of Thrones“.

Damit er mit den ganz Großen der Szene mithalten kann, muss der 170-Kilo-Koloss Raffael Gordzielik noch ein bisschen was draufpacken. Während in Deutschland beim Yoke Race satte 370 Kilogramm getragen werden müssen, sind es international noch sattere 450. Er wird es auch damit aufnehmen und geht davon aus, zum „World‘s Strongest Man“ eingeladen zu werden. „Mein Ziel ist es, ins Finale der zehn stärksten Männer der Welt einzuziehen“, erklärt Gordzielik.

von Holger Schmidt