Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Das lange Warten auf ein Match
Sport Lokalsport Lokalsport Das lange Warten auf ein Match
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:41 11.07.2019
An Tennis war gestern lange Zeit nicht zu denken. Erst ab 18 Uhr wurde bei den Marburg Open gespielt. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Pünktlich zum vorgesehenen Beginn um 11 Uhr – als sich Mats Rosenkranz und der Belgier Buvaysar Gadamauri sowie Lasse Muscheites und der Peruaner Mauricio Echazu gerade für ihre Achtelfinalspiele einschlagen sollten – hatte es sich so richtig schön eingeregnet über der Anlage in der Willy-Mock-Straße. „Man hat immer mal so einen Tag“, nahm es Muscheites, der seit 10.15 Uhr auf seinen Einsatz wartete, locker. „Es regnet ja häufiger in Deutschland.“

Erst um kurz vor Zwölf kam Bewegung in die Sache, da war der Start längst auf 13 Uhr verschoben worden. Wimbledon hat Ballkinder, die in einer einstudierten Choreographie Planen über die Plätze ziehen, um den „Heiligen Rasen“ vor Feuchtigkeit zu schützen.

Und seit 2009 hat der Centre Court ein Dach, sodass der typisch englische Regen den Turnierplan nicht mehr allzu sehr durcheinander zu wirbeln vermag. „Sparkassen-Court“ und „S&S-Court“ bei den Marburg Open haben kein Dach. Da helfen dann auch keine noch so fleißigen Helfer, die Plätze abziehen, die Auslinien mit Besen freiwischen und frischen, braunroten Sand auf die Stellen schaufeln, die besonders feucht und mit kleinen Pfützen übersät sind.

Regenband dreht sich

Denn: Es war vergebliche Liebesmüh. Gerade, als die Arbeit vollbracht war und die Tennisplätze akkurat hergerichtet auf ihre Nutzer warteten, gingen die bangen Blicke wieder gen Himmel, der seine Farbe von hellgrau in dunkelgrau geändert hatte. Und um 12.40 Uhr begann es wieder zu tröpfeln. Dabei sollte es laut Wettervorhersage erst um 14 Uhr so richtig nass werden.

Die Hoffnung, bis dahin die ersten Matches des Tages beendet zu haben, hatte sich bald zerschlagen. „Laut Wetter-App war am Morgen um 11 Uhr eine Riesenlücke – auf einmal drehte das ganze Regenband“, sagte Turnierdirektor Peter Zimmermann mit einem Schulterzucken in Was-will-man-machen-Manier.

Als berieten er, der rumänische Supervisor Ion Coman und die Schiedsrichter. Um 15 Uhr sollte ein neuer Versuch unternommen werden, dann auf allen fünf Tennisplätzen, die dem TV Marburg zur Verfügung stehen.

Als der Zeitpunkt näher rückte, war noch immer keine Besserung in Sicht. Wieder wurde um zwei Stunden nach hinten verschoben. Als spätesten Termin für den Beginn eines Matches nannte Supervisor Coman 19 Uhr.

Also hieß es weiterhin: warten.Wimbledon hat (überteuerte) Erdbeeren mit Sahne, die Marburg Open haben neben Bratwürstchen, Flammkuchen und Pizza einen Donut-Stand und einen Eiswagen, um den Zuschauern die Wartezeit zu versüßen.

Allein: Während die Tennisfans in Wimbledon ausharren, um die aktuellen Stars der Szene in Action zu sehen, bleiben die Tennisfans in Marburg bei Regen zu Hause. „Wenn es den Rest der Woche durchregnet, wäre es natürlich schlecht für uns“, sagt Peter Zimmermann. Allerdings hat der Verein bewusst ohne Zuschauereinnahmen kalkuliert, eine Finanzierungslücke droht also nicht.

Der Turnierdirektor nahm die unfreiwillige Pause mit der Gelassenheit seiner langjährigen Erfahrung hin. Schließlich kennt Zimmermann Regenverzögerungen aus der Vergangenheit und kann einige Anekdoten erzählen: Von 2007 etwa, als die Marburg Open erstmals als ITF Future – in derselben Turnier-Kategorie wie in diesem Jahr also – ausgetragen wurden.

Damals musste der Ausrichter improvisieren. So kam ein Dustin Brown zum zweifelhaften Vergnügen, in der (eigentlich zu) kleinen Halle des Nachbarvereins Marburger TC anzutreten. Dort gab es nicht einmal einen Schiedsrichterstuhl. „Der Schiedsrichter saß auf einem normal Stuhl, der auf einem normalen Tisch stand“, erinnert sich Peter Zimmermann.

Ein Jahr später war das Wetter wieder nicht auf der Seite des TV Marburg. „Wir sind mit den Spielern in die Hallen nach Holzhausen, Gladenbach und Amöneburg gefahren“, sagt Zimmermann. In Amöneburg fehlten die vorgeschriebenen Stützpfosten am Netz. Also rief Zimmermann den Hausmeister an und erzählt schmunzelnd: „Wir haben dann Besenstiele auf 91,4 Zentimeter Länge abgesägt.“

So weit wird es in diesem Jahr nicht kommen. „Wenn alle Stricke reißen, haben wir die Halle“, baute Zimmermann vor. TV und TC bringen es zusammen auf vier überdachte Plätze. An Tennis unter freiem Himmel dachte gestern Nachmittag jedenfalls niemand mehr, als der Turnierdirektor über derlei Alternativen nachdachte.

Schlaues Spiel mit wenig Fehlern

Nicht die Schiedsrichter, die im Turnierbüro E-Mails beantworteten, sich über Regelfragen austauschten oder im Live-Stream Wimbledon verfolgten. Noch die Spieler, die lange im Restaurant „Casa del Tennis“ ausharrten. „Rumsitzen, aufs Handy gucken, Einkaufen, nebenan ins Fitnessstudio gehen, Karten spielen“, beschrieb Lasse Muscheites die Möglichkeiten, die Langeweile zu bekämpfen. „Aber man muss immer auf Standby sein und darf sich keinen großen Kopf machen.“

Plötzlich, als der Tag schon abgeschrieben war, wurde der Himmel heiterer. Und um 17.39 Uhr betraten tatsächlich noch die beiden Deutschen Louis Weßels und Karlo Cubelic den „Sparkassen-Court“ und das lange Warten auf ein Match hatte ein Ende.

Doch der 19-Jährige, der wegen eines Außenbandrisses mit Tapeverband und Schiene am rechten Fuß spielt, schien damit nicht so gut zurecht zu kommen wie sein Gegner. „Aufgrund meines Fußes hatte ich bei dem weichen Platz ein wenig Angst beim Laufen“, räumte der an Nummer eins gesetzte Weßels ein, zollte Cubelic aber auch Respekt: „Er hat sehr schlau gespielt und kaum Fehler gemacht.“

Mit 0:6 ging der erste Satz weg. Weßels ließ sich in einer medizinischen Auszeit den Knöchel härter tapen. „Damit ich den Schmerz nicht so spüre“, sagte er, wobei die Achillessehne mehr Probleme bereitete als die Bänder. Danach lief es deutlich besser: Nach 6:3 und 6:2 in den Sätzen zwei und drei steht Weßels im Viertelfinale.

So weit ist Lasse Muscheites nicht. Nach dem Warten auf das Ende der „Regenzeit“ war sein Match eines von sieben, die gestern zumindest angefangen wurden. Gegen den an Nummer vier gesetzten Peruaner Maurico Echazu führte der Deutsche mit 6:4, 2:6 und 3:0, als sein Arbeitstag nach 1:59 Stunden so unbefriedigend endete, wie er begonnen hatte. Diesmal war nicht der Regen schuld, sondern die hereinbrechende Dunkelheit.

von Holger Schmidt