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Lokalsport Das sind die NFL-Verrückten
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15:27 20.10.2020
Erfolgreiches Tackling: Sharrod Neasman von den Atlanta Falcons (links) stoppt Robert Tonyan von den Green Bay Packers. Auch in und um Marburg haben die National Football League und ihre Teams viele Fans. Quelle: Foto: AP/dpa
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Marburg

Es hat ihn komplett gepackt. Ein bisschen hatte sich Meik Gerlach schon vorher für American Football interessiert. Ein Mitbewohner hatte ihn darauf gebracht, beide schauten sich sonntags Spiele der National Football League im Fernsehen an. Dann, 2015, war er in den USA, hatte die Möglichkeit, sich ein Spiel der Kansas City Chiefs im Stadion anzusehen. Das gemeinsame Feiern, Essen und Trinken der Fans vor dem Spiel, „Tailgating“ genannt, die Atmosphäre im Arrowhead Stadium, er war mitgerissen.

Gerlach hört es hin und wieder, andere Football-Fans auch: Meist würden ja alle nur rumstehen, dann passiere mal kurz was, überhaupt verstehe man nicht, was das soll – Meinung Vieler in Deutschland über den liebsten Sport der Amerikaner. Peter Scheldt hat schon so manches Mal versucht, wenigstens die Grundzüge zur erklären, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. „Es gibt aber heute viel mehr Leute, die sich für Football interessieren als vor 25 Jahren“, hat er das Gefühl, die NFL, allgemein die Sportart, bewegt sich ein Stück weit raus aus dem Nischendasein.

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Nicht zuletzt sei das ProSieben und dem Tochtersender Maxx zu verdanken, die seit einigen Jahren Partien live übertragen. Wobei echte Fans die Spiele meist im englischen Originalkommentar ansehen, dafür den „Game Pass“, ein Abo für alle Partien, kaufen. Größter Vorteil: Wer mag, kann an jedem Spieltag das „eigene“ Team verfolgen, egal wann es ran muss.

Bei Scheldt sind das die Tampa Bay Buccaneers – und das nicht erst, seit sich die „Freibeuter“ mit Quarterback-Legende Tom Brady und Star-Tight-End Rob Gronkowski prominent verstärkt haben. Er sei „gar nicht so glücklich“, dass beide nach Florida gelotst wurden. „Das macht auf mich den Eindruck, dass man den Erfolg erzwingen will. Das passt nicht zu diesem Team“, sagt der 49-Jährige, der in Oberweimar lebt, im Gespräch mit der OP.

Während eines Urlaubs in Florida las er eine Ankündigung für ein Spiel der „Bucs“ gegen die Oakland Raiders, ging kurzentschlossen hin – 1995 war das. „Voll war das Stadion nicht. Die Mannschaft war auch damals nicht wirklich gut.“ Und trotzdem fesselte es ihn. „Seitdem bin ich stolzer Fan.“ Einmal hatte er richtig Grund zur Freude: 2003 gewannen die Buccaneers den Super Bowl. „Lange ist es her“, sagt er. Nur selten erreichten sie ansonsten überhaupt die Playoffs, in den vergangenen zwölf Jahren gelang es gar nicht mehr. Doch Scheldt ist leidensfähig – und seinem Club treu. Er verfolgt die Spiele von zu Hause, noch lieber aber im 1998 eröffneten Raymond James Stadium, bekannt für sein Piratenschiff hinter der Tribüne. Und er steckte seine Tochter Lisa mit der Faszination für den Sport und für die „Bucs“ an. „Sie fiebert mit, kennt alle Regeln“, erklärt der Vater, der gemeinsam mit seiner heute 17-jährigen Tochter auch Stammgast bei den Marburg Mercenaries in der German Football League ist. Beide gehören zum Team, das die Spiele live ins Internet überträgt.

Marcel Carrette ist ebenfalls im Georg-Gaßmann-Stadion dabei, wenn die „Söldner“ in der höchsten deutschen Spielklasse auflaufen. Im CenturyLink Field in Seattle ist er noch nie gewesen, will aber dort unbedingt mal hin, sich damit einen Traum erfüllen. Beim Super Bowl im Jahr 2006 habe er „zum ersten Mal Kontakt“ mit den Seahawks gehabt, erzählt der Wahl-Gießener, der bis 2018 vier Jahre in Marburg gelebt hatte. „So richtig erfasst“ hat es ihn um 2012, mit dem Aufkommen der „Legion of Boom“, einer Gruppe von Defensivspielern, die für harte und erfolgreiche Spielweise bekannt war und großen Anteil am Super-Bowl-Triumph 2014 hatte. „Das hat mich beeindruckt. Ich liebe es, wenn die Defense Spiele gewinnt“, erklärt der 26-Jährige, der hessischer Regionalkoordinator des deutschen Fanclubs „German Sea Hawkers“ ist.

Anders als in den meisten anderen Mannschaftssportarten stehen beim American Football Offensive und Defensive nicht gemeinsam auf dem Feld. Ein Team ist im Angriff, will punkten – wobei das auch für die verteidigende Mannschaft möglich ist. Für die Fans liegt gerade darin die große Faszination: „Man weiß nie, was passiert“, sagt Daniel Schmidt. „Kommt als Nächstes ein Pass vom Quarterback oder ein Lauf oder sogar ein Trickspielzug? Beim Fußball wird auch mal minutenlang im Mittelfeld hin und her gespielt, sowas gibt’s beim Football nicht.“ Oft ist vom „Schach auf dem Rasen“ die Rede, für den Marburger nachvollziehbar: „Es gibt extrem viele Möglichkeiten für den nächsten Zug.“

Selbst war der 22-Jährige noch nie in den USA, ist trotzdem großer Fan der Green Bay Packers. Warum? „Ich habe 2016 eine Hail Mary von Aaron Rodgers gesehen. Seitdem bin ich dabei“, antwortet er, meint damit einen ganz langen Wurf des Quarterbacks in die Endzone, der quasi mit dem Spielende gefangen wird, zum Touchdown und zum Sieg führt. Seit drei Jahren hat Schmidt einen „Game Pass“, verpasst seitdem kein Spiel der Packers, stellt sich dafür notfalls in der Nacht von montags auf dienstags den Wecker auf zwei Uhr. „Das muss sein. So sind wir Football-Verrückten.“

Keiner der Fans, die mit der OP über ihre Leidenschaft sprechen, hat ein Problem damit, „verrückt“ zu sein. „Kann man wohl so bezeichnen“, meint auch Daniel Kaufmann. Sein Team sind die Philadelphia Eagles, die er schon live im Stadion gesehen hat, mit denen er in den vergangenen Jahren häufig gelitten, hin und wieder aber auch gefeiert hat: 2018 gewannen sie den Super Bowl, für den 34-Jährigen, der aus Rauischholzhausen stammt und in Homberg/Ohm lebt, „natürlich das absolute Highlight“. „Wer Fan ist, unterstützt sein Team nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Zeiten“, betont er.

In der aktuellen Saison läuft es für die Eagles noch nicht rund, unter anderem gab es eine 29:38-Niederlage im „Battle of Pennsylvania“ gegen die Pittsburgh Steelers – was wiederum Christian Nahrgang gefiel. Der 28-Jährige aus Schröck ist seit 2014 „extremer Fan“ des Clubs aus der Stadt mit einst florierender Stahlindustrie, daher auch der Name. Damals lebte er ein halbes Jahr in den Vereinigten Staaten, seine damalige Gastfamilie hält es mit den Steelers. „Wir sind zusammen ins Stadion gefahren.“ Das Heimteam bezwang die New Orleans Saints mit 43:39. „Dann war’s komplett rum.“ Seitdem versucht er möglichst jedes Spiel des Teams um Quarterback Ben Roethlisberger zu sehen. „Sonntagabends gehört der Fernseher mir. Damit ist meine Frau zum Glück einverstanden. Dafür darf sie samstags das Programm bestimmen.“

Gerlach ist kein Fan eines Teams. „Ich bin Fan des Sports“, sagt der 28-Jährige. Nach seiner Premiere ist er noch drei weitere Male im Stadion in Kansas City gewesen, außerdem drei Mal im Lambeau Field in Green Bay, je einmal in den Arenen der Cleveland Browns und der Dallas Cowboys sowie zweimal bei NFL-Spielen in London. „Wenn es geht, will ich Spiele live sehen.“ Derzeit wird er von der Corona-Pandemie ausgebremst, auch was seine eigenen sportlichen Ambitionen angeht: Seit einiger Zeit trainiert der Buchenauer bei den Goldminers Korbach mit, wünscht sich, bald als Wide Receiver in einem offiziellen Spiel debütieren zu können. „Derzeit lässt die Corona-Situation das nicht zu. Ich hoffe, dass es nächstes Jahr klappt.“

Von Stefan Weisbrod

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