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Lokalsport Die Angst vor dem nächsten Lockdown
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18:00 18.03.2021
Geschäftsführer Vardan Arakelyan im „clever fit“ in Stadtallendorf.
Geschäftsführer Vardan Arakelyan im „clever fit“ in Stadtallendorf. Quelle: Marcello Di Cicco
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Stadtallendorf

Seit genau einem Jahr ist für Vardan Arakelyan wegen der Corona-Pandemie vieles anders. Am 18. März 2020 ging das „clever fit“ in Stadtallendorf, dessen Inhaber und Geschäftsführer der 39-Jährige ist, mit dem Fitnessstudio bis zum 14. Mai in den ersten Lockdown. Zuletzt lag der Betrieb vom 1. November bis zum 7. März brach, machte keinen Umsatz. Für Arakelyan eine schwere Zeit – und eine manchmal auch eigenartige: „Wenn ich mal hier war, um etwas zu erledigen, fühlte sich das irgendwie falsch an, als dürfte ich gar nicht hier sein“, erzählt er.

Dass es für ihn und seine Mitarbeiter nach insgesamt sechs Monaten Lockdown in den vergangenen zwölf Monaten weitergehen kann, führt der gelernte Sport- und Physiotherapeut vor allem darauf zurück, dass ein Großteil der Mitglieder (die Zahl derer bewege sich aktuell im unteren vierstelligen Bereich) dem Studio die Treue hielt. „Wir haben das Glück, dass es uns lange genug gibt und dass wir einen starken Mitgliederbestand haben – und dass die Mitglieder sehr solidarisch waren“, betont Arakelyan. „60, 70 Prozent von ihnen haben im Lockdown weiter ihre Beiträge bezahlt. Darüber waren wir heilfroh, sonst hätte es nicht funktioniert. Dieser Personenkreis erhält Gutscheine, die Leistung verfällt also nicht.“

Maximal 32 Personen dürfen aktuell gleichzeitig trainieren

Besonders weh tat dem Studio der Lockdown, weil Einnahmen wegfielen. Angebote, um neue Mitglieder zu werben, habe er gar nicht gemacht, sagt Arakelyan, denn: „Soll ich Leute mit Angeboten ins geschlossene Fitnessstudio locken? Das wäre das falsche Signal“, findet er. Zudem trauert der Inhaber dem Hauptgeschäft am Jahresanfang nach – eine Zeit, in der üblicherweise viele einen neuen Vertrag abschließen.

„Im Januar und Februar bauen wir das Niveau auf, um aufzufangen, was sich im Laufe des Jahres abbaut. Das konnten wir in diesem Jahr nicht“, zeigt Arakelyan auf und verweist auf ein weiteres Problem: weiter laufende Kosten, darunter die großen Posten wie Miete oder Geräte-Leasing. Ein mittlerer fünfstelliger Betrag komme da schnell zusammen. „Unsere Mitarbeiter waren in Kurzarbeit, 90 Prozent aller Kosten hatten wir aber weiterhin.“ Mit speziellen Viren-Luftreiniger für seine Studios in Stadtallendorf, Korbach und Eschwege tätigte Arakelyan weitere kostspielige Investitionen.

Seit 2014 gibt es das Studio im Stadtallendorfer Stadtzentrum, wo Jung und Alt an mehr als 100 Geräten auf 1 500 Quadratmetern trainieren können. Aktuell dürfen wegen der Corona-Beschränkungen maximal 32 Sportlerinnen und Sportler gleichzeitig, aber immer im Abstand von drei Metern, an den Geräten schwitzen – nur nach Anmeldung per Telefon oder Internet. Quasi übers Wochenende entwickelte Arakelyan dafür mit einem IT-Experten ein Anmeldetool. „Zu Stoßzeiten konnten vor Corona 120 Mitglieder gleichzeitig trainieren. Jetzt können in jedem Zeitraum von 90 Minuten 32 Personen trainieren. Verteilt man dies über den Tag, kommt man trotzdem auf die fast 300 Personen, die am Tag bei uns sind“, rechnet Arakelyan vor.

Angebot wird gut angenommen

Der Geschäftsführer ist froh, dass die zurückgewonnene Möglichkeit des Trainierens – insbesondere ab vormittags – „sehr gut“ angenommen wird, was ihn nicht allzu sehr wundert. Denn für viele der Mitglieder zähle nicht nur das reine Sporttreiben. Es gehe ihnen darum, dabei unter Mitmenschen zu sein.

Zudem kann der in Cölbe wohnhafte Sport- und Physiotherapeut von durchweg positiven Erfahrungen bei der Umsetzung der Hygieneregeln berichten. „Anfangs hatten sich mal Grüppchen gebildet, sodass wir nun zu Stoßzeiten etwas mehr Personal einsetzen, das kurz Hinweise gibt. Das funktioniert. Zudem läuft alle 45 Minuten eine Ansage über Lautsprecher mit dem Hinweis, sich an die Hygieneregeln zu halten. Mit diesen Maßnahmen sind die Regeln allgegenwärtig“, erklärt Arakelyan, der jedoch einräumt, dass ihm die jüngste Entwicklung der Infektionszahlen Sorgen bereitet.

Pandemie bringt digitale Entwicklungen mit sich

Gestern lag die Inzidenz in Hessen bei 93,4; ab einer Inzidenz von 100 an drei aufeinanderfolgenden Tagen gelten nach dem jüngsten Bund-Länder-Beschluss wieder jene Beschränkungen von davor. Fitnessstudios wären davon betroffen, müssten wieder schließen – für Arakelyan ein durchaus realistisches Szenario. „Ich verfolge die Entwicklung der Zahlen mit extremer Sorge. Meine größte Angst ist, dass wir wieder zumachen müssen“, sagt er – und verrät: „Jeden Morgen vor dem Waschen schaue ich mir die Inzidenzzahlen an.“

„Gezwungenermaßen“, sagt Arakelyan, habe die von der Pandemie eingeforderte Flexibilität aber auch schon zu unternehmerischen Weiterentwicklungen geführt. „Etwa dahingehend, wie man einen vernünftigen Terminplan aufbaut“, sagt der 39-Jährige. Weil keine Präsenzkurse angeboten werden können, hat das Studio digitale Kursangebote eingeführt, die entweder von zu Hause aus per Stream oder im Studio auf einem großen Bildschirm verfolgt werden können. „Um den Digitalisierungsprozess kommen wir in den nächsten Jahren nicht herum“, prognostiziert der Geschäftsführer, der glaubt, dass in Zukunft „30 bis 40 Prozent unserer Arbeit mehr online angeboten wird“.

Von Marcello Di Cicco