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Lokalsport Als Krzysztof Wysocki die Freiheit wählte
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14:00 10.04.2022
Er war ein Sportstar in Polen: Krzysztof Wysocki (mit Ball) in den 1970ern im Trikot des Klubs aus dem südostpolnischen Rzeszów.
Er war ein Sportstar in Polen: Krzysztof Wysocki (mit Ball) in den 1970ern im Trikot des Klubs aus dem südostpolnischen Rzeszów. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Das 51. Länderspiel sollte auch sein letztes sein. Es war in Bremerhaven, wo im Dezember 1984 ein internationales Turnier ausgetragen wurde. Krzysztof Wysocki spielte mit der polnischen Auswahl gegen das mit Stars gespickte russische Team. So wirklich auf Basketball fokussiert war der damals 28-Jährige aber nicht. Er dachte an die Freiheit, an seine bevorstehende Flucht. Spektakulär war die nicht: „Ich bin einfach gegangen“, erzählt der heute 65-Jährige, den die Basketballinteressierten aus der Region als Chefcoach beim BC Marburg kennen, im Gespräch mit der OP.

Recht spät, erst mit 15 Jahren, hatte er überhaupt mit dem Sport angefangen. Die Familie lebte zu dieser Zeit in Oberschlesien im Südwesten Polens. „Ich war lang und dünn. Meine Mutter meinte, ich wäre bestimmt ein guter Basketballer.“ Also fuhr sie ihren Sohn in den Nachbarort, wo es ein Team gab. Doch fast hätte die erste Erfahrung dafür gesorgt, dass die Spielerlaufbahn nie begonnen hätte: „Ich habe es noch vor Augen, wie ich dort ankam und der Trainer gerade Athletiktraining gemacht hat.“ Wysockis „erste Begegnung mit Basketball“ war es, eine schwere Stange tragen zu müssen. „Ich bin durch die Halle gestolpert, weil ich das Gewicht kaum halten konnte“, erinnert er sich mehr als 50 Jahre später.

Hätte er sich davon abschrecken lassen, sein Lebenslauf würde sicher ganz anders aussehen. Doch er kam wieder, entdeckte seine Begeisterung für den Sport, verbesserte sich stetig. Direkt nach seinem Abitur in Głuchołazy (deutsch Ziegenhals) wurde der noch 17-Jährige vom Klub Resovia Rzeszów angeworben. Wysocki zog in den Südosten des Landes. Er empfahl sich über das Nachwuchs- bald für Einsätze im Erstligateam des Klubs, wollte vorankommen. Er ließ dafür so manches, was ihm aus heutiger Sicht als Tortur erscheint, über sich ergehen: „Da hat man keine Gnade gekannt. Ich war mehr als zwei Meter groß, habe aber nur 70 Kilo gewogen und musste deutlich schwerere Leute auf den Rücken nehmen und Kniebeugen machen“, berichtet er, erinnert sich auch an Waldläufe um sechs Uhr morgens. „Danach gab es dann Frühstück und anschließend drei Stunden Training ohne Pause.“

Als „Türöffner“ sieht er rückblickend eine Verletzung eines Vereinskameraden vor einem Europapokalspiel bei Rapid Wien. „Mein Coach hat gesagt, ich solle für ihn spielen“, erzählt Wysocki. Der Teenager machte seine Sache gut, war fortan in einer mit Nationalspielern gespickten Mannschaft gesetzt. „Ich war der jüngste Kerl dort“, sagt er mit einem Grinsen. Bald wurde er selbst in die Auswahl des Landes berufen – das, obwohl er „kein so richtig guter Spieler“ war, wie er selbst meint. „Aber ich war ein fieser Werfer“ – ein sehr treffsicherer. Regelmäßig wurde der 2,02-Meter-Mann als Center unter dem Korb positioniert. „Aber ich war ein dünner Spargel, der da gegen Kolosse spielen sollte“, erklärt er, wieso er „immer sofort nach außen“ ging. Der Trainer beschwerte sich nicht, solange der Spieler traf – und er traf regelmäßig. Ein bisschen bedauert er, dass es in den ersten Jahren seiner Karriere noch keine Drei-Punkte-Linie gab, erst 1984 wurde sie außerhalb der USA eingeführt.

In Polen „so was wie ein Popstar“, in Deutschland ein Mann ohne Sprachkenntnisse

Es war das Jahr, in dem er den Entschluss fasste, den Ostblock verlassen zu wollen. Aber warum? Während Normalbürger teilweise Jahrzehnte auf ein Auto warten mussten, hatte er schon mit 18 Jahren einen Fiat 126 – eigentlich viel zu klein für ihn, aber er war „mächtig stolz“ darauf – bekommen. Er verdiente schon als Teenager gut, bekam später ein Vielfaches des polnischen Durchschnittsgehalts, nach einem Wechsel 1982 zum Klub aus Sosnowiec noch mehr. Er und seine Mitspieler waren „so was wie Popstars“, wurden in Polen fast überall erkannt: „Wenn wir vor einem Spiel in ein Hotel kamen, standen da 100 oder 200 Fans, die meisten waren weiblich und haben geschrien, sobald sie uns gesehen haben.“ Mit Vereins- und Nationalteam kam er herum. „Ich war in vielen Ländern. Aber immer nur am Flughafen, im Bus, in der Halle oder im Hotel. Wir standen unter ständiger Beobachtung.“ Mehr und mehr hatte er das Gefühl, dass ihm etwas fehlt: „Ich wollte frei sein!“

Der Drang war groß. Mit seiner Frau hatte der junge Familienvater über die Pläne gesprochen. Die Bremerhaven-Reise der Nationalmannschaft bot ihm die Chance. Anders als gewohnt wurde ihm sein Pass nicht abgenommen. „Es wurde wohl einfach vergessen“, meint er. Mit einem Onkel, der in Bremen lebte, hatte er Kontakt aufgenommen. Nach dem Spiel gegen Russland verließ er die Halle, stieg zum wartenden Onkel ins Auto. Der brachte ihn nach Friedland, zur Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler. Weil seine Familie mütterlicherseits aus Deutschland stammte, wurde Wysocki sofort deutscher Staatsbürger. Aus Krzysztof wurde Christoph. In seinem Personalausweis steht als Geburtsort Kulm, der deutsche Name der Kleinstadt Chełmno, in der er im November 1956 zur Welt gekommen war.

Nach einer Woche wurde ihm ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Hofheim am Taunus zugeteilt. „Du kommst aus einem Land, wo dir alles auf dem Tablet serviert wird, und dann sitzt du in einem winzigen Raum, in dem es zum Heizen nur einen uralten Ofen gibt.“ Für ihn war es ein „riesiger Kulturschock“. Sein „Begrüßungsgeld“ hatte er schnell ausgegeben, seine Konten waren bereits gesperrt worden. „Ich war jetzt nicht mehr der Held, ich war in Polen der Feind. Und in Deutschland war ich irgendjemand, der kein Wort der Sprache sprechen konnte.“

Die Freiheit hatte ihren Preis. Kontakt zu seiner Familie in Polen hatte er nur übers Telefon, hin und wieder schickte er Pakete. Erst knapp zwei Jahre später kamen seine Frau und der damals vierjährige Sohn Konrad, der später Stammspieler in der deutschen Nationalmannschaft wurde, nach. Der zweite Sohn Kevin wurde 1987 geboren. Auch er wurde Profi, spielte unter anderem für Braunschweig in der Bundesliga und schaffte mit Zweitligist Würzburg den Aufstieg in die höchste Spielklasse.

Trainerkarriere beginnt bei der Kindermannschaft seines Sohnes Konrad

Den Anschluss in seiner neuen Heimat fand Christoph Wysocki – natürlich – über den Basketball. Schnell kam der Kontakt zum MTV Gießen zustande. Der durfte zu dieser Zeit in der Bundesliga nur zwei Ausländer im Team haben – „aber ich war ja Deutscher, also wollten sie mich sofort verpflichten“. Er spielte solide, sein früheres Niveau erreichte er aber nicht mehr. „Mein Fokus“, sagt er offen, „lag nicht mehr so sehr auf dem Sport“, er habe „den Westen genossen“. Rückblickend wäre „eine andere Einstellung besser gewesen“. Immerhin aber noch bis 1988 war er in der höchsten Spielklasse aktiv.

Er blieb dem Basketball auch danach treu, spielte noch in der damals drittklassigen Regionalliga für den VfB Gießen. Seine Trainerkarriere begann bei den Minis, beim Team seines Sohnes Konrad. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zunächst in einem Steuerbüro, dann als Versicherungskaufmann, hatte eine eigene Agentur. „Erst arbeiten, dann trainieren – so war es fast jeden Tag“, berichtet er. Er war beim VfB Gießen, dann in Grünberg, schließlich beim MTV Gießen für Mannschaften in verschiedenen Altersklassen und auf unterschiedlichem Leistungsniveau verantwortlich, brachte sich in die Vereinsarbeit ein.

Dann sollte Schluss sein. Er dachte ans Auswandern, an ein Leben im Süden, als sich 2019 der BC Marburg meldete. Er habe sich „bequatschen lassen“, sagt er lachend, scheint das alles andere als zu bedauern. Er stieg noch einmal im Nachwuchsbereich ein. Warum? „Weil ich Basketball lebe und liebe.“ Im Januar 2021 wurde Wysocki schließlich Cheftrainer des Bundesliga-Teams, hat mit den Spielerinnen seitdem einiges erlebt – und ihnen so manche Anekdote aus seinem Leben erzählt. „Manches haben sie mir kaum geglaubt“, sagt er, denkt an seine Anfänge als Basketballer, seine Zeit als Sportstar in Polen, seinen Drang nach Freiheit, seine Flucht. „Eigentlich“, meint er, „müsste ich das alles in einem Buch zusammenschreiben.“

Von Stefan Weisbrod